Kategorie: Handarbeitsstübli

  • Nadelgeklapper mit Familientradition

    Nadelgeklapper mit Familientradition

    Andere Familien vererben Silberbesteck, eine Pendule oder das Ferienhäuschen im Tessin. Wir vererben Stricknadeln. Dazu die felsenfeste Überzeugung, dass man aus einem Stoffrest, zwei Knöpfen und einem freien Nachmittag so ziemlich alles zaubern kann. Ausser vielleicht Ordnung im Nähkorb. Die ist bei uns ein Gerücht.

    Mutters Strickschule

    Schuld an allem ist unsere Mutter. Sie hat uns schon sehr früh in Sachen Kreativität gefördert, und zwar mit Methode und eiserner Hand im Samthandschuh. Im Winter, wenn es draussen schon am späten Nachmittag dunkel wurde, durften wir nach getaner Schularbeit in Bastel- und Handarbeitskurse. Ja, richtig gelesen: durften. Bei uns war das kein Nachsitzen, sondern ein Privileg. Erst das Einmaleins, dann die Masche. Wer seine Rechnungen nicht fertig hatte, blieb maschenlos. Härtere Strafen kannten wir nicht.

    Besonders am Herzen lagen ihr die Handarbeiten, und ihre Königsdisziplin war ganz klar das Stricken. Wo Mutter sass, da klapperte es. Socken, Mützen, Pullover, alles wuchs ihr Reihe um Reihe aus den Händen, während sie nebenbei noch ihren Liebesroman verschlang, die Suppe kochte und uns ermahnte, die Ellbogen vom Tisch zu nehmen. Multitasking, bevor es das Wort überhaupt gab.

    Kein Wunder also, dass meine Schwestern und ich heute mit Stricknadeln jonglieren wie andere mit Tennisbällen. Und auch mit Näh- und Sticknadel sind wir alles andere als ungeschickt. Wir haben sozusagen Wolle im Blut. Und gelegentlich eine Stecknadel im Daumen.

    Geniessen oder erdulden

    Unsere Kinder durften unsere Kunstwerke geniessen. Oder eben auch nicht. Wer bei uns aufwuchs, war bestens eingepackt, ob er wollte oder nicht. Socken in allen Farben, bevorzugt in jenen, die im Laden übrig geblieben waren. Handschuhe, bei denen der Daumen manchmal ein wenig eigenwillig in die Gegend zeigte. Schals, so lang, dass man sie zweimal um den Hals und einmal um den Schulranzen wickeln konnte, und der Rest schleifte immer noch im Schnee. Erfrieren war in unserer Familie schlicht keine Option.

    Und wer je einen kratzigen Wollpullover in Senfgelb tragen musste, weil Mami ihn «extra für dich» gestrickt hat, weiss genau, wovon ich rede. Diese Kinder haben tapfer gelächelt, sich heimlich gekratzt und sind trotzdem prächtig gross geworden. Ein Hoch auf sie! Abgehärtet sind sie jedenfalls.

    Meine Schwester, die Ein-Frau-Manufaktur

    Und dann ist da eine meiner Schwestern. Sie tobt sich seit Jahren in den unterschiedlichsten Gebieten aus, mal schön der Reihe nach, mal alles gleichzeitig. Langeweile hat bei ihr keine Chance. Die wurde schon vor langer Zeit vor die Tür gesetzt und hat seither Hausverbot.

    Ihr aktuelles Lieblingsfach: Nähen. Ihre Enkelkinder werden beliefert wie ein gut sortierter Kinderladen, nur ohne Kasse und mit garantiertem Umtauschverbot: Puppenkleider, Knuddeltiere, Schultaschen und, und, und. Und weil Abwechslung bekanntlich die Würze des Lebens ist, wird zwischendurch auch mal eine Decke gequiltet, eine lustige Kopfbedeckung genäht oder ein Fasnachtskostüm zusammengezaubert. In ihrer «Werkstatt» ist immer etwas los. Die Nähmaschine kennt keinen Feierabend, und die Stoffvorräte vermehren sich, so munkelt man, über Nacht von selbst. Wie Kaninchen, nur bunter.

    Als ob das nicht schon genug wäre …

    … nein, Modellieren kann sie auch! Und zwar so, dass man sich fragt, ob ihr Tag heimlich 36 Stunden hat.

    Das Ganze funktioniert ein bisschen wie Guetzli backen, nur dass man das Ergebnis besser nicht isst. Zuerst wird die Modelliermasse mit viel Liebe und kräftigen Händen geknetet, bis sie weich und geschmeidig ist. Dann wird gerollt, gedreht, gemustert, geschichtet, Farben werden gemischt und Kügelchen geformt, mal rund, mal eckig, mal in Formen, für die es noch gar keinen Namen gibt. Wie in der Weihnachtsbäckerei liegen am Ende Dutzende kleiner Kunstwerke fein säuberlich aufgereiht auf dem Blech. Ab in den Ofen damit!

    Und jetzt kommt der schwierigste Teil: warten. Nach dem Backen müssen die Stücke erst einmal abkühlen. Ungeduldige Finger, die zu früh zugreifen, lernen schnell, dass Kunst auch heiss sein kann. Erst wenn alles erkaltet ist, beginnt die Feinarbeit: Die einzelnen Teile werden aufgefädelt, kombiniert, wieder auseinandergenommen, neu zusammengesetzt und noch einmal umgestellt, bis jede Kette, jeder Ohrring und jeder Anhänger genau so aussieht, wie es sich die Meisterin vorgestellt hat.

    Das Ergebnis: Schmuck in allen Farben des Regenbogens und noch ein paar mehr. Jedes Stück ein Unikat, jedes ein Blickfang. Dazu Dekorationen für Kerzenständer und Geschenke noch und noch. Wer sie besucht, geht selten mit leeren Händen nach Hause, eher mit vollem Hals.

    Zu den Glücklichen gehöre auch ich: Ich besitze schon lange etliche ihrer Halsketten, für jeden Anlass ein anderes Schmuckstück. Ob Geburtstag, Apéro oder Gang zum Bäcker, ich bin immer passend dekoriert. Mein Schmuckkästchen platzt aus allen Nähten. Und das ist in einer Familie von Näherinnen ja fast schon ein Kompliment.

    Schaut hin!

    Hier ein paar Bilder ihrer Kreationen. Schaut genau hin, sie werden euch gefallen. Und falls ihr danach Lust bekommt, selbst zur Nadel oder zur Knetmasse zu greifen: Nur zu! Meine Mutter wäre stolz auf euch. Und ein Pflaster für den Daumen liegt bestimmt irgendwo im Nähkorb. Irgendwo.

    Nachgeflüstert

    Erlebt, weitergedacht oder frei erfunden – die Mischung bleibt mein Geheimnis. Die Menschen sind echt, die Namen bleiben in der Schublade. Wer sich wiedererkennt: reiner Zufall. Meistens.