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Oder: Wie Europa auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten blickt und sich dabei immer öfter verwundert die Augen reibt
Ach, Amerika! Das Land der Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeiten, der riesigen Autos, der noch riesigeren Portionen und der Menschen, die grundsätzlich alles für möglich halten. Selbst das Unmögliche. Manchmal auch das Unvernünftige. Und gelegentlich beides gleichzeitig, live und in Farbe.
Jahrzehntelang blickte Europa ehrfürchtig über den grossen Teich. Amerika war cool. Amerika war modern. Amerika hatte Hollywood, New York, Elvis, Jeans, Cola und dieses herrlich unerschütterliche Selbstverständnis, der Mittelpunkt des Universums zu sein. Notfalls auch der Galaxie.
Und heute?
Heute schauen viele Europäer etwas anders hinüber. Nicht unbedingt mit Verachtung. Eher mit einer Mischung aus Faszination, Kopfschütteln und ungläubigem Staunen, und mit dem dringenden Bedürfnis, ab und zu nachzufragen: Ist das eigentlich noch euer Ernst?
Das ist übrigens nicht nur ein Bauchgefühl. Laut einer Umfrage des Pew Research Center vom Sommer 2026 hat nur noch in einem von zehn befragten europäischen Ländern eine Mehrheit ein positives Bild der USA. Pünktlich zum 250. Geburtstag. In diesem Alter darf man sich ja mal eine Midlife-Crisis gönnen. Wobei: Für ein Land sind 250 Jahre eigentlich noch Pubertät. Das würde einiges erklären.
Denn Amerika hat sich in den letzten Jahren zu einem Land entwickelt, in dem Realität und Reality-TV um dieselbe Sendezeit kämpfen. Und die Einschaltquoten sprechen leider nicht für die Realität.
Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – auch beim Fremdschämen
In Amerika ist alles gross. Die Häuser, die Pick-ups, die Einkaufszentren, die Getränkebecher und natürlich die politischen Versprechen. Wobei Letztere am schnellsten schrumpfen.
Betritt eine Europäerin einen amerikanischen Supermarkt, fühlt sie sich wie Gulliver im falschen Kapitel. Eine Packung Cornflakes hat ungefähr die Grösse eines mittelständischen Familienbetriebs. Die Milch kommt im Kanister, und im Getränkebecher könnte man notfalls einen Dackel baden. «Small» heisst dort übrigens das, was bei uns als Familienpackung durchgeht.
An der Kasse lernt man dann, dass der angeschriebene Preis eher eine Schätzung ist, denn die Steuer kommt erst noch dazu. Und im Restaurant lernt man, dass zwanzig Prozent Trinkgeld keine nette Geste sind, sondern eine Erwartung mit Blickkontakt.
Aber gut, jeder hat seine Kultur.
Wir Europäer haben schliesslich auch unsere Eigenheiten. Wir diskutieren stundenlang über die richtige Temperatur eines Weissweins, streiten über die Herkunft des Gipfelis und halten eine dreistündige Mittagspause für eine zivilisatorische Errungenschaft.
Doch während wir über Käse und Bürokratie debattieren, debattiert Amerika gelegentlich darüber, ob wissenschaftliche Erkenntnisse überhaupt noch zur eigenen Weltanschauung passen müssen. Oder ob man sie nicht einfach abwählen kann.
Man muss eben Prioritäten setzen.
Freiheit! Aber bitte mit Bedienungsanleitung
Amerika liebt die Freiheit. Wirklich. Man könnte meinen, das Wort werde dort morgens zusammen mit dem Kaffee inhaliert. Im Literbecher, versteht sich.
Freiheit ist das grosse amerikanische Versprechen: die Freiheit, seine Meinung zu sagen, sein Leben zu gestalten und alles zu werden, was man möchte. Sogar die Masseinheiten sind frei. Grad Fahrenheit, Meilen und Unzen, denn das metrische System gilt als verdächtig ausländisch.
Allerdings ist diese Freiheit manchmal eine ziemlich komplizierte Angelegenheit.
Aus europäischer Sicht wirkt es befremdlich, wenn ausgerechnet das Land, das sich als Leuchtturm der Demokratie versteht, so leidenschaftlich über deren Spielregeln streitet. Ein Leuchtturm, bei dem man nie ganz sicher ist, ob gerade das Licht brennt oder nur der Generator.
Wir Europäer haben unsere eigenen Probleme mit der Demokratie, keine Frage. Unsere Parlamente sind voll von Menschen, die einander erklären, warum ausgerechnet sie die einzig Vernünftigen sind. Aber immerhin versuchen wir meistens, das Ganze nicht wie eine Staffel einer besonders lauten Fernsehshow aussehen zu lassen. Bei uns schläft man in Parlamentsdebatten eher ein, als dass man sich aufregt. Langweilig, aber beruhigend.
Und ein amerikanischer Wahlkampf dauert gefühlt länger als eine Schwangerschaft. Eigentlich wie zwei. Und am Ende weiss man nicht so genau, wer hier eigentlich geboren wurde.
Popcorn gefällig?
Politik als Reality-Show – und das Publikum zahlt Eintritt
Was uns Europäer besonders fasziniert, ist die amerikanische Begeisterung für politische Inszenierung.
Politik ist dort manchmal weniger eine Frage der Sache als eine Frage der perfekten Schlagzeile.
Grosse Worte. Grosse Gesten. Grosse Versprechen. Grosse Empörung. Alles in Übergrösse, wie im Supermarkt.
Ein normaler politischer Auftritt wäre ungefähr so aufregend wie eine Steuererklärung. Also braucht es Drama, Konflikte und möglichst viele Menschen, die sich gegenseitig anschreien. Am besten mit Musik und Konfetti.
Hollywood hätte seine Freude daran.
Der Unterschied: In Hollywood weiss man wenigstens, dass es ein Drehbuch gibt. Und dass nach zwei Stunden Schluss ist.
Europa schaut zu, kommentiert, schüttelt den Kopf und fragt sich, ob es für diese Vorstellung eigentlich eine Altersfreigabe gibt. Und ob man das Abo irgendwo kündigen kann.
Die amerikanische Selbstüberschätzung – eine nationale Kunstform
Natürlich ist nicht jeder Amerikaner so. Das wäre genauso absurd wie zu behaupten, jede Schweizerin jodle beim Frühstück und jeder Franzose trage ein Baguette unter dem Arm. (Okay, bei den Franzosen stimmt es manchmal.)
Aber der amerikanische Glaube an die eigene Einzigartigkeit ist schon bemerkenswert. Amerika betrachtet sich traditionell als einzigartig, unvergleichlich und vom Schicksal dazu bestimmt, der Welt zu zeigen, wie es geht.
Das ist grundsätzlich ein beeindruckendes Selbstbewusstsein. Ein kleines bisschen europäische Selbstkritik wäre manchmal trotzdem nicht schlecht. Wir hätten genug davon. Wir exportieren sie gerne, sogar zollfrei.
Denn während Amerika der Welt erklärt, wie Demokratie, Freiheit und Wohlstand funktionieren, fragen sich in Europa viele, warum ein Arztbesuch, ein Studium oder eine Krankenversicherung zwangsläufig ein finanzielles Abenteuer mit offenem Ausgang sein müssen. In Amerika kann schon die Fahrt im Krankenwagen mehr kosten als bei uns ein gebrauchter Kleinwagen. Gute Besserung, und bitte hier unterschreiben.
Wir sind eben bescheiden. Wir erwarten nicht, dass sich jedes Problem mit einer patriotischen Rede und einem noch grösseren SUV lösen lässt.
Amerika und Europa: zwei Welten, ein Atlantik und ziemlich unterschiedliche Vorstellungen von normal
Natürlich hat auch Europa seine Baustellen: Bürokratie, politische Zersplitterung, wirtschaftliche Probleme, überregulierte Märkte und die ewige Unfähigkeit, sich auf irgendetwas zu einigen. Sogar auf die Form der Gurke haben wir uns jahrelang nicht einigen können.
Wir sind Meister darin, aus einer einfachen Entscheidung ein mehrjähriges europäisches Forschungsprojekt mit Arbeitsgruppe, Zwischenbericht und Folgestudie zu machen.
Europa diskutiert, bevor es etwas tut.
Amerika tut etwas und diskutiert danach, ob das eine gute Idee war.
Beide Methoden haben ihre Nachteile. Die europäische ist nur leiser.
Und trotzdem gibt es Dinge, die uns Europäer ernsthaft nachdenklich stimmen: der Umgang mit Waffen, die Kosten des Gesundheitssystems, die tiefe politische Spaltung, die soziale Ungleichheit und die Frage, wie viel eine Demokratie aushält, wenn ihre Institutionen ständig unter Druck stehen.
Das sind keine Kleinigkeiten. Und sie lassen sich auch nicht mit einem strahlenden Lächeln und einem «God bless America» wegmoderieren.
Wir lieben Amerika. Aber müssen wir deshalb alles bewundern?
Nein.
Genau darin liegt vielleicht die neue europäische Sicht.
Wir lieben New York, San Francisco, die Nationalparks, die Musik, die Literatur, die kulturelle Vielfalt und die unzähligen Menschen, die dieses Land so faszinierend machen. Und ja, manchmal sogar die Pancakes mit Ahornsirup.
Amerika hat die Welt geprägt wie kaum ein anderes Land.
Aber Bewunderung ist keine lebenslange Mitgliedschaft im Fanclub mit automatischer Verlängerung.
Man darf ein Land grossartig finden und seine Politik trotzdem kritisieren. Man darf die amerikanische Kultur lieben und die amerikanische Politik hinterfragen. Man darf die Freundschaft schätzen und trotzdem den Kopf schütteln.
Das nennt man übrigens ein erwachsenes Verhältnis. Gute Freunde sagen einem auch, wenn man Spinat zwischen den Zähnen hat.
Und was bleibt vom amerikanischen Traum?
Vielleicht ist der amerikanische Traum nicht verschwunden. Vielleicht wird er gerade neu verhandelt.
Für manche ist er noch immer die Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär. Für andere die Hoffnung auf Freiheit, Selbstbestimmung und einen Neuanfang.
Für viele Europäer ist er inzwischen aber auch eine Erinnerung daran, dass wirtschaftliche Macht, militärische Stärke und weltpolitischer Einfluss nicht automatisch bedeuten, dass ein Land gesellschaftlich alles richtig macht.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Amerika muss nicht perfekt sein. Kein Land ist das.
Aber wer sich selbst ständig als Vorbild der Welt präsentiert, muss damit rechnen, dass die Welt irgendwann genauer hinschaut.
Und Europa schaut hin.
Mit einer Tasse Kaffee (normale Grösse), einer ordentlichen Portion Ironie und der leisen Frage:
Amerika, alles in Ordnung bei euch? Oder sollen wir euch erst einmal einen Moment allein lassen?
Denn eines ist sicher: Langweilig wird es mit euch nie.
Und das ist, je nach Nachrichtenlage, entweder ein Kompliment oder eine ernst gemeinte Warnung.




