Kategorie: Menschen & Momente

  • 🇺🇸 Amerika, wir müssen reden!

    🇺🇸 Amerika, wir müssen reden!

    normal


    Oder: Wie Europa auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten blickt und sich dabei immer öfter verwundert die Augen reibt

    Ach, Amerika! Das Land der Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeiten, der riesigen Autos, der noch riesigeren Portionen und der Menschen, die grundsätzlich alles für möglich halten. Selbst das Unmögliche. Manchmal auch das Unvernünftige. Und gelegentlich beides gleichzeitig, live und in Farbe.

    Jahrzehntelang blickte Europa ehrfürchtig über den grossen Teich. Amerika war cool. Amerika war modern. Amerika hatte Hollywood, New York, Elvis, Jeans, Cola und dieses herrlich unerschütterliche Selbstverständnis, der Mittelpunkt des Universums zu sein. Notfalls auch der Galaxie.

    Und heute?

    Heute schauen viele Europäer etwas anders hinüber. Nicht unbedingt mit Verachtung. Eher mit einer Mischung aus Faszination, Kopfschütteln und ungläubigem Staunen, und mit dem dringenden Bedürfnis, ab und zu nachzufragen: Ist das eigentlich noch euer Ernst?

    Das ist übrigens nicht nur ein Bauchgefühl. Laut einer Umfrage des Pew Research Center vom Sommer 2026 hat nur noch in einem von zehn befragten europäischen Ländern eine Mehrheit ein positives Bild der USA. Pünktlich zum 250. Geburtstag. In diesem Alter darf man sich ja mal eine Midlife-Crisis gönnen. Wobei: Für ein Land sind 250 Jahre eigentlich noch Pubertät. Das würde einiges erklären.

    Denn Amerika hat sich in den letzten Jahren zu einem Land entwickelt, in dem Realität und Reality-TV um dieselbe Sendezeit kämpfen. Und die Einschaltquoten sprechen leider nicht für die Realität.

    Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – auch beim Fremdschämen

    In Amerika ist alles gross. Die Häuser, die Pick-ups, die Einkaufszentren, die Getränkebecher und natürlich die politischen Versprechen. Wobei Letztere am schnellsten schrumpfen.

    Betritt eine Europäerin einen amerikanischen Supermarkt, fühlt sie sich wie Gulliver im falschen Kapitel. Eine Packung Cornflakes hat ungefähr die Grösse eines mittelständischen Familienbetriebs. Die Milch kommt im Kanister, und im Getränkebecher könnte man notfalls einen Dackel baden. «Small» heisst dort übrigens das, was bei uns als Familienpackung durchgeht.

    An der Kasse lernt man dann, dass der angeschriebene Preis eher eine Schätzung ist, denn die Steuer kommt erst noch dazu. Und im Restaurant lernt man, dass zwanzig Prozent Trinkgeld keine nette Geste sind, sondern eine Erwartung mit Blickkontakt.

    Aber gut, jeder hat seine Kultur.

    Wir Europäer haben schliesslich auch unsere Eigenheiten. Wir diskutieren stundenlang über die richtige Temperatur eines Weissweins, streiten über die Herkunft des Gipfelis und halten eine dreistündige Mittagspause für eine zivilisatorische Errungenschaft.

    Doch während wir über Käse und Bürokratie debattieren, debattiert Amerika gelegentlich darüber, ob wissenschaftliche Erkenntnisse überhaupt noch zur eigenen Weltanschauung passen müssen. Oder ob man sie nicht einfach abwählen kann.

    Man muss eben Prioritäten setzen.

    Freiheit! Aber bitte mit Bedienungsanleitung

    Amerika liebt die Freiheit. Wirklich. Man könnte meinen, das Wort werde dort morgens zusammen mit dem Kaffee inhaliert. Im Literbecher, versteht sich.

    Freiheit ist das grosse amerikanische Versprechen: die Freiheit, seine Meinung zu sagen, sein Leben zu gestalten und alles zu werden, was man möchte. Sogar die Masseinheiten sind frei. Grad Fahrenheit, Meilen und Unzen, denn das metrische System gilt als verdächtig ausländisch.

    Allerdings ist diese Freiheit manchmal eine ziemlich komplizierte Angelegenheit.

    Aus europäischer Sicht wirkt es befremdlich, wenn ausgerechnet das Land, das sich als Leuchtturm der Demokratie versteht, so leidenschaftlich über deren Spielregeln streitet. Ein Leuchtturm, bei dem man nie ganz sicher ist, ob gerade das Licht brennt oder nur der Generator.

    Wir Europäer haben unsere eigenen Probleme mit der Demokratie, keine Frage. Unsere Parlamente sind voll von Menschen, die einander erklären, warum ausgerechnet sie die einzig Vernünftigen sind. Aber immerhin versuchen wir meistens, das Ganze nicht wie eine Staffel einer besonders lauten Fernsehshow aussehen zu lassen. Bei uns schläft man in Parlamentsdebatten eher ein, als dass man sich aufregt. Langweilig, aber beruhigend.

    Und ein amerikanischer Wahlkampf dauert gefühlt länger als eine Schwangerschaft. Eigentlich wie zwei. Und am Ende weiss man nicht so genau, wer hier eigentlich geboren wurde.

    Popcorn gefällig?

    Politik als Reality-Show – und das Publikum zahlt Eintritt

    Was uns Europäer besonders fasziniert, ist die amerikanische Begeisterung für politische Inszenierung.

    Politik ist dort manchmal weniger eine Frage der Sache als eine Frage der perfekten Schlagzeile.

    Grosse Worte. Grosse Gesten. Grosse Versprechen. Grosse Empörung. Alles in Übergrösse, wie im Supermarkt.

    Ein normaler politischer Auftritt wäre ungefähr so aufregend wie eine Steuererklärung. Also braucht es Drama, Konflikte und möglichst viele Menschen, die sich gegenseitig anschreien. Am besten mit Musik und Konfetti.

    Hollywood hätte seine Freude daran.

    Der Unterschied: In Hollywood weiss man wenigstens, dass es ein Drehbuch gibt. Und dass nach zwei Stunden Schluss ist.

    Europa schaut zu, kommentiert, schüttelt den Kopf und fragt sich, ob es für diese Vorstellung eigentlich eine Altersfreigabe gibt. Und ob man das Abo irgendwo kündigen kann.

    Die amerikanische Selbstüberschätzung – eine nationale Kunstform

    Natürlich ist nicht jeder Amerikaner so. Das wäre genauso absurd wie zu behaupten, jede Schweizerin jodle beim Frühstück und jeder Franzose trage ein Baguette unter dem Arm. (Okay, bei den Franzosen stimmt es manchmal.)

    Aber der amerikanische Glaube an die eigene Einzigartigkeit ist schon bemerkenswert. Amerika betrachtet sich traditionell als einzigartig, unvergleichlich und vom Schicksal dazu bestimmt, der Welt zu zeigen, wie es geht.

    Das ist grundsätzlich ein beeindruckendes Selbstbewusstsein. Ein kleines bisschen europäische Selbstkritik wäre manchmal trotzdem nicht schlecht. Wir hätten genug davon. Wir exportieren sie gerne, sogar zollfrei.

    Denn während Amerika der Welt erklärt, wie Demokratie, Freiheit und Wohlstand funktionieren, fragen sich in Europa viele, warum ein Arztbesuch, ein Studium oder eine Krankenversicherung zwangsläufig ein finanzielles Abenteuer mit offenem Ausgang sein müssen. In Amerika kann schon die Fahrt im Krankenwagen mehr kosten als bei uns ein gebrauchter Kleinwagen. Gute Besserung, und bitte hier unterschreiben.

    Wir sind eben bescheiden. Wir erwarten nicht, dass sich jedes Problem mit einer patriotischen Rede und einem noch grösseren SUV lösen lässt.

    Amerika und Europa: zwei Welten, ein Atlantik und ziemlich unterschiedliche Vorstellungen von normal

    Natürlich hat auch Europa seine Baustellen: Bürokratie, politische Zersplitterung, wirtschaftliche Probleme, überregulierte Märkte und die ewige Unfähigkeit, sich auf irgendetwas zu einigen. Sogar auf die Form der Gurke haben wir uns jahrelang nicht einigen können.

    Wir sind Meister darin, aus einer einfachen Entscheidung ein mehrjähriges europäisches Forschungsprojekt mit Arbeitsgruppe, Zwischenbericht und Folgestudie zu machen.

    Europa diskutiert, bevor es etwas tut.

    Amerika tut etwas und diskutiert danach, ob das eine gute Idee war.

    Beide Methoden haben ihre Nachteile. Die europäische ist nur leiser.

    Und trotzdem gibt es Dinge, die uns Europäer ernsthaft nachdenklich stimmen: der Umgang mit Waffen, die Kosten des Gesundheitssystems, die tiefe politische Spaltung, die soziale Ungleichheit und die Frage, wie viel eine Demokratie aushält, wenn ihre Institutionen ständig unter Druck stehen.

    Das sind keine Kleinigkeiten. Und sie lassen sich auch nicht mit einem strahlenden Lächeln und einem «God bless America» wegmoderieren.

    Wir lieben Amerika. Aber müssen wir deshalb alles bewundern?

    Nein.

    Genau darin liegt vielleicht die neue europäische Sicht.

    Wir lieben New York, San Francisco, die Nationalparks, die Musik, die Literatur, die kulturelle Vielfalt und die unzähligen Menschen, die dieses Land so faszinierend machen. Und ja, manchmal sogar die Pancakes mit Ahornsirup.

    Amerika hat die Welt geprägt wie kaum ein anderes Land.

    Aber Bewunderung ist keine lebenslange Mitgliedschaft im Fanclub mit automatischer Verlängerung.

    Man darf ein Land grossartig finden und seine Politik trotzdem kritisieren. Man darf die amerikanische Kultur lieben und die amerikanische Politik hinterfragen. Man darf die Freundschaft schätzen und trotzdem den Kopf schütteln.

    Das nennt man übrigens ein erwachsenes Verhältnis. Gute Freunde sagen einem auch, wenn man Spinat zwischen den Zähnen hat.

    Und was bleibt vom amerikanischen Traum?

    Vielleicht ist der amerikanische Traum nicht verschwunden. Vielleicht wird er gerade neu verhandelt.

    Für manche ist er noch immer die Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär. Für andere die Hoffnung auf Freiheit, Selbstbestimmung und einen Neuanfang.

    Für viele Europäer ist er inzwischen aber auch eine Erinnerung daran, dass wirtschaftliche Macht, militärische Stärke und weltpolitischer Einfluss nicht automatisch bedeuten, dass ein Land gesellschaftlich alles richtig macht.

    Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Amerika muss nicht perfekt sein. Kein Land ist das.

    Aber wer sich selbst ständig als Vorbild der Welt präsentiert, muss damit rechnen, dass die Welt irgendwann genauer hinschaut.

    Und Europa schaut hin.

    Mit einer Tasse Kaffee (normale Grösse), einer ordentlichen Portion Ironie und der leisen Frage:

    Amerika, alles in Ordnung bei euch? Oder sollen wir euch erst einmal einen Moment allein lassen?

    Denn eines ist sicher: Langweilig wird es mit euch nie.

    Und das ist, je nach Nachrichtenlage, entweder ein Kompliment oder eine ernst gemeinte Warnung.

  • Klimawandel – jemand hat an der Heizung gedreht, und keiner findet den Ausschalter

    Klimawandel – jemand hat an der Heizung gedreht, und keiner findet den Ausschalter

    Ach, was waren das für Zeiten! Früher gab es vier Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Eine äusserst praktische Einrichtung der Natur, bewährt über Jahrmillionen, ohne Reklamationen. Man wusste ungefähr, wann der Wintermantel aus dem Schrank musste, wann die Gartenmöbel raus durften und wann man sich auf den ersten Schnee freuen konnte.

    Heute ist dieses Konzept offenbar aus der Mode gekommen.

    Der Frühling kommt, wenn er Lust hat. Der Sommer verwandelt sich in einen Grossraum-Backofen mit Umluft. Der Herbst bringt Regenmengen, die man früher nur aus Katastrophenfilmen kannte. Und der Winter tritt nur noch in einer gelegentlichen Gastrolle auf, wie ein ehemaliger Star, der sich ab und zu in einer Talkshow blicken lässt.

    Willkommen im Zeitalter des Klimawandels!

    Unser Planet hat sein Klimaprogramm überarbeitet, ohne die Bewohner zu fragen. Wobei: Wir haben ihn ja auch nicht gefragt, bevor wir anfingen, am Thermostat herumzuschrauben. Einen Kundenservice, bei dem man sich beschweren könnte, gibt es übrigens nicht. Die Warteschleife wäre auch zu heiss.

    Sommer, Sonne, Schweissausbruch

    Der Sommer war früher eine schöne Angelegenheit. Glace, Badesee, laue Abende auf der Terrasse.

    Heute schaut man morgens aufs Thermometer und überlegt, ob man den Tag ohne Hitzeschutzanzug überhaupt übersteht.

    Temperaturen über 35 Grad sind in vielen Regionen längst keine Seltenheit mehr. Hitzewellen machen Menschen, Tieren und der Natur zu schaffen. Städte werden zu riesigen Wärmespeichern, der Asphalt wird zur Grillplatte, und selbst der Schatten reicht irgendwann seine Kündigung ein.

    Man sitzt reglos auf der Terrasse, schwitzt und fragt sich: Mache ich hier gerade Ferien, oder werde ich bei Niedertemperatur langsam gegart?

    Besonders reizvoll ist dabei die menschliche Kreativität. Seit Jahrzehnten warnen Wissenschaftler vor den Folgen der Erderwärmung, und wir diskutieren immer noch munter, ob es denn wirklich so schlimm sein kann.

    «Es war doch früher auch schon mal heiss!»

    Ja, natürlich. Und es gab auch früher schon mal Hochwasser. Und Leute, die sich den Finger an der Herdplatte verbrannt haben. Das ist trotzdem kein Beweis dafür, dass der Herd aus ist.

    Dürre – wenn selbst die Natur keinen Tropfen mehr übrig hat

    Während die einen in Wassermassen versinken, warten andere verzweifelt auf Regen.

    Böden trocknen aus, Flüsse werden zu Rinnsalen, Pflanzen kämpfen ums Überleben, und Bauern blicken immer sorgenvoller auf ihre Felder. Die Natur hat offenbar den Energiesparmodus eingeschaltet. Den Wassersparmodus gleich mit.

    Und wir? Wir sprengen den Rasen, waschen das Auto und ärgern uns, wenn unser Grün nicht mehr aussieht wie auf dem Titelbild eines englischen Gartenmagazins.

    Natürlich darf der Rasen nicht leiden. Er hat uns schliesslich jahrzehntelang treu gedient, ohne je zu widersprechen.

    Vielleicht ist es aber Zeit, unser Bild vom perfekten Sommergarten zu überdenken. Ein brauner Rasen ist kein persönlicher Angriff auf den Besitzer. Er ist nur ehrlich.

    Überschwemmungen – Wasser marsch, aber bitte nicht hier!

    Dann gibt es die andere Seite der Medaille: den Regen.

    Und wenn es regnet, dann gern so, als hätte jemand beschlossen, sämtliche Wasservorräte der Erde innerhalb von 48 Stunden über einem einzigen Dorf auszuleeren.

    Strassen werden zu Flüssen, Keller zu Hallenbädern und Autos zu unfreiwilligen Amphibienfahrzeugen.

    Was sich lustig anhört, ist es nicht. Menschen verlieren ihr Zuhause, ihre Existenz und manchmal ihr Leben. Das ist die bittere Wirklichkeit hinter den spektakulären Wetterbildern, die inzwischen fast schon zum Abendprogramm gehören.

    Und nach jeder Katastrophe beginnt dieselbe Diskussion: Hat das wirklich etwas mit dem Klimawandel zu tun?

    Die Wissenschaft ist da ziemlich eindeutig: Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasserdampf aufnehmen, und dadurch kann Starkregen heftiger ausfallen. Wie stark sich das regional auswirkt, hängt allerdings von vielen weiteren Faktoren ab.

    Vielleicht sollten wir trotzdem aufhören, jedes Ereignis als völlig überraschende Laune der Natur zu betrachten. Überraschend ist inzwischen höchstens noch, dass wir immer noch überrascht tun.

    Waldbrände – die Natur dreht den Flammenwerfer auf

    Und dann wären da noch die Waldbrände.

    Vor allem in Südeuropa gehören sie mittlerweile zum Sommer wie die Zikaden. Lange Trockenheit, grosse Hitze und kräftiger Wind sorgen dafür, dass sich Feuer rasend schnell ausbreiten.

    Wer in Griechenland lebt, weiss: Das ist keine Meldung aus einem fernen Land. 2023 brannte es auf Rhodos und im Evros, und wenige Wochen später stand Thessalien nach dem Sturm «Daniel» unter Wasser. Feuer und Flut im selben Sommer, im selben Land. Wer da noch an Zufall glaubt, glaubt vermutlich auch, dass die Zahnpastatube sich von selbst ausdrückt.

    Wenn Wälder brennen, geht es nicht um ein paar verkohlte Bäume. Es geht um Lebensräume, Tiere, Menschen, Häuser und ganze Existenzen.

    Und während Feuerwehrleute unter Lebensgefahr gegen die Flammen kämpfen, sitzen wir anderswo vor dem Fernseher und überlegen, ob wir die Klimaanlage noch eine Stufe höher drehen sollen.

    Ironie des Schicksals? Vielleicht. Aber eine ziemlich bittere.

    Die Menschheit und ihre ganz besondere Beziehung zur Vernunft

    Was mich am Klimawandel am meisten fasziniert, ist nicht einmal das Tempo, mit dem sich unser Klima verändert. Es ist unser Talent, unangenehme Wahrheiten so lange zu diskutieren, bis wir sie bequem ignorieren können. Darin sind wir Weltmeister. Leider gibt es dafür keine Medaille, nur steigende Temperaturen.

    Wir wissen, dass fossile Brennstoffe die Erde aufheizen. Wir wissen, dass Wälder wichtige CO₂-Speicher sind. Wir wissen, dass unser Konsum, unsere Energieversorgung und unsere Art zu wirtschaften das Klima beeinflussen.

    Und trotzdem lebt die Menschheit gern nach dem Motto: «Nach mir die Sintflut!»

    Angesichts der zunehmenden Überschwemmungen eine ausgesprochen ungeschickte Redewendung.

    Natürlich kann nicht jeder Einzelne die Welt retten. Niemand muss in eine Höhle ziehen, seine Kleider selbst weben und abends bei Kerzenlicht Kräutertee aus Regenwasser trinken.

    Aber ein bisschen mehr Verantwortung dürfte es schon sein.

    Klimaschutz ist kein esoterisches Hobby für Leute mit Jutebeutel und Dinkelbrot. Er ist eine ziemlich vernünftige Investition in die Lebensgrundlagen unserer Kinder und Enkel.

    Und was machen wir jetzt?

    Vielleicht wäre es an der Zeit, den Klimawandel nicht länger zu behandeln wie eine lästige Werbepause, die man einfach wegzappen kann.

    Wir brauchen ernsthaften Klimaschutz, eine vernünftige Energiepolitik, einen sorgsamen Umgang mit unseren Ressourcen und vor allem eine bessere Vorbereitung auf Extremwetter.

    Denn auch wenn wir den Klimawandel nicht mehr ganz aufhalten können, haben wir es durchaus noch in der Hand, wie stark er sich verschärft und wie gut wir mit den Folgen zurechtkommen.

    Und nein, ein paar zusätzliche Sonnenschirme auf der Terrasse werden dafür vermutlich nicht reichen. Auch nicht die ganz grossen.

    Mein persönliches Fazit

    Ich weiss ja nicht, wie es euch geht, aber ich hätte gern wieder vier anständige Jahreszeiten.

    Einen Frühling, der nach Frühling aussieht. Einen Sommer, bei dem man nicht schon beim Zmorge einen Hitzschlag befürchten muss. Einen Herbst mit bunten Blättern statt Sintflut. Und einen Winter, der wenigstens ab und zu daran erinnert, dass es noch andere Temperaturen als 30 Grad gibt.

    Unser Planet ist kein Freizeitpark, in dem wir nach Lust und Laune an den Klimareglern herumspielen können.

    Wir haben nur dieses eine Zuhause. Und im Moment benehmen wir uns gelegentlich wie Hotelgäste, die das Zimmer verwüsten und sich anschliessend an der Rezeption über die schlechte Ausstattung beschweren.

    Die Natur wartet nicht, bis es uns bequem ist.

    Der Klimawandel ist kein Zukunftsproblem mehr. Er steht längst vor der Tür, klingelt Sturm und hat nicht vor, wieder zu gehen.

    Und während wir noch darüber diskutieren, ob es ihn wirklich gibt, dreht unser Planet die Heizung weiter auf.

    Die Rechnung bekommen wir alle.

    Und die wird ziemlich heiss.

  • COVID-Pandemie – Als die Welt plötzlich den Atem anhielt

    COVID-Pandemie – Als die Welt plötzlich den Atem anhielt

    Ach ja, Corona. Wer erinnert sich nicht? Klopapier wurde zur begehrten Handelsware, Mehl und Hefe schienen zeitweise wertvoller als Gold, und ein Stück Stoff vor Mund und Nase wurde zum Symbol einer ganzen Epoche.

    Von heute auf morgen war nichts mehr wie vorher. Grenzen gingen zu, Läden wurden verriegelt, Veranstaltungen abgesagt, und das gesellschaftliche Leben lief nur noch auf Sparflamme. Der eigene Küchentisch war plötzlich Büro, Kantine und Klassenzimmer in einem. Gelegentlich war er auch der Ort, an dem man ernsthaft überlegte, ob man überhaupt noch eine Hose anziehen musste. Oben Bluse, unten Pyjama: Die Videokonferenz hat’s ja nicht gemerkt.

    Die Welt stand still. Zumindest fühlte es sich so an.

    Was zunächst wie ein schlechter Katastrophenfilm klang, wurde Realität. Ein Virus namens SARS-CoV-2 hielt die Menschheit in Atem, und COVID-19 bestimmte Nachrichten, Politik, Familiengespräche und natürlich die sozialen Medien. Selbst Leute, die sich sonst nicht einmal für den Wetterbericht interessierten, entwickelten eine erstaunliche Leidenschaft für Inzidenzen, R-Werte und Fachbegriffe, die man vorher höchstens beim Scrabble gebraucht hätte.

    Und dann kam die Zeit der Experten. Oder besser gesagt: der selbst ernannten Experten.

    Auf einmal wusste jeder alles. Der Nachbar, der jahrelang nicht wusste, wo seine Krankenkassenkarte lag, erklärte plötzlich das Immunsystem. Im Internet wurden Studien gedeutet, Videos geteilt und Theorien verbreitet, bei denen selbst erfahrene Wissenschaftler erst einmal tief durchatmen mussten. Mit Maske, versteht sich.

    Die Gesellschaft teilte sich in Lager: geimpft, ungeimpft, vorsichtig, sorglos, überzeugt, skeptisch. Aus ganz normalen Gesprächen wurden Grundsatzdebatten. Freundschaften bekamen Risse, Familien stritten, und manche entdeckten eine völlig neue Leidenschaft: anderen ungefragt ihre Weltanschauung zu erklären.

    Natürlich gab es auch die berühmten Regeln. Abstand halten, Hände waschen, Kontakte reduzieren. Später kamen Masken, Testpflichten und Zertifikate dazu. Die Regeln änderten sich so oft, dass man gefühlt ein Studium brauchte, um herauszufinden, was gerade wo erlaubt war. Und bis man es begriffen hatte, galt schon wieder etwas anderes.

    Während draussen die Welt mit Vorschriften beschäftigt war, spielte sich drinnen ein ganz eigenes Drama ab: Homeoffice! Für die einen ein Segen, für die anderen eine mittelschwere Belastungsprobe. Wer Kinder hatte, durfte gleichzeitig arbeiten, unterrichten, kochen, trösten und dabei versuchen, nicht endgültig den Verstand zu verlieren. Der Begriff Work-Life-Balance bekam eine ganz neue Bedeutung: Arbeit und Privatleben waren nicht mehr getrennt. Sie sassen gemeinsam am Küchentisch und gingen sich gehörig auf die Nerven.

    Doch bei aller Ironie darf eines nicht vergessen werden: Die Pandemie war für viele Menschen eine sehr schwere Zeit. Menschen erkrankten, verloren Angehörige, litten unter Einsamkeit oder kämpften mit finanziellen und seelischen Sorgen. Pflegende, Ärztinnen und Ärzte und viele andere arbeiteten unter enormem Druck. Hinter Statistiken und Schlagzeilen standen echte Schicksale.

    Gerade deshalb muss es möglich sein, heute kritisch auf diese Zeit zurückzublicken: auf politische Entscheide, auf die Kommunikation, auf Einschränkungen und auf den Umgang miteinander. Nicht jede Kritik ist automatisch eine Verschwörungstheorie, und nicht jede Entscheidung war grundsätzlich falsch oder grundsätzlich richtig. Wir sollten aus dieser Zeit lernen, statt sie zu verklären oder am liebsten ganz aus dem Gedächtnis zu streichen.

    Denn eines hat Corona ziemlich deutlich gezeigt: Eine Gesellschaft kann in der Krise zusammenhalten, sie kann sich aber auch erstaunlich schnell gegenseitig zerlegen. Solidarität wurde grossgeschrieben, Geduld dagegen eher klein. Und der respektvolle Umgang miteinander schien gelegentlich mit dem letzten Paket Klopapier aus dem Regal verschwunden zu sein.

    Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus dieser aussergewöhnlichen Zeit: Gesundheit ist keine Selbstverständlichkeit, Freiheit keine Nebensache, und Menschlichkeit sollte nicht davon abhängen, ob jemand dieselbe Meinung hat wie wir.

    Corona hat uns verändert. Manche sind vorsichtiger geworden, andere kritischer, und wieder andere sind einfach nur froh, dass sie wieder spontan ins Restaurant können, ohne vorher gefühlt einen Behördengang zu erledigen.

    Etwas sollten wir uns auf jeden Fall bewahren: unseren Humor. Denn wenn wir über diese Jahre nicht einmal mehr schmunzeln können, dann hat uns die Pandemie mehr genommen, als sie ohnehin schon getan hat.

    Corona ist Geschichte – zumindest als Ausnahmezustand. Die Erinnerungen bleiben. Und hoffentlich auch die Fähigkeit, beim nächsten Mal etwas besonnener, menschlicher und weniger hysterisch miteinander umzugehen.

    Denn das Leben ist schon kompliziert genug. Da müssen wir uns nicht auch noch gegenseitig das Atmen schwer machen.

  • Betty Bossi gab es nie – Emmi Creola-Maag schon

    Betty Bossi gab es nie – Emmi Creola-Maag schon

    Rezept für eine Legende

    Man nehme: 1 Zürcher Texterin mit spitzer Feder, 1 Margarinefabrik ohne Gesicht, 1 Prise amerikanische Inspiration und 1 Frauennamen, der nach Sonntagszopf klingt. Gut umrühren, 70 Jahre ziehen lassen. Ergibt: die berühmteste Köchin der Schweiz. Die hat allerdings nie gelebt.

    Die Frau hinter der Schürze

    Betty Bossi hatte keine Küche, keinen Kochlöffel und keinen Geburtstag. Was sie hatte, war Emmi. Emmi Maag kam am 3. September 1912 in Zürich-Unterstrass zur Welt. Die Mutter war Hausfrau, der Vater bei der Bahn. Emmi machte das KV, holte abends die Matura nach und studierte fünf Semester Germanistik. Goethe, Schiller und Margarine: Das klingt nach einer seltsamen Karriereleiter, aber sie führte direkt nach oben.

    Sie landete in der Werbung, als Texterin in einer Männerwelt voller Krawatten und Zigarrenrauch. Nebenbei heiratete sie Ernst Creola, bekam drei Kinder und schmiss den Haushalt. Ihre Marktforschung musste sie also nicht teuer einkaufen. Die stand jeden Abend hungrig am Küchentisch.

    1956: Eine Frau wird erfunden

    1956 klopfte der Speisefetthersteller Astra aus Steffisburg an: Man solle doch bitte Margarine und Öl unter die Leute bringen. Emmi hatte eine Idee, die heute in jedem Marketingkurs auf Folie 1 steht: Gib der Werbung ein Gesicht. «Mein Ziel war es, die gesamte Werbung auf eine Person zu konzentrieren», sagte sie. In Amerika verkaufte Betty Crocker schon seit Jahrzehnten Backmischungen. Emmi schaute hin, klaute nicht, sondern verschweizerte. Heraus kam Betty Bossi, eine Frau mit Lächeln, Unterschrift und einem Namen, den man sofort für die nette Nachbarin hält.

    Die erste «Betty Bossi Post» lag gratis in den Läden auf. Der erste Artikel trug den Titel: «Was soll ich heute kochen?» Das war die Frage aller Fragen, die Generationen von Hausfrauen jeden Morgen zwischen Wäsche und Einkaufszettel quälte. Betty wusste Rat: einen Brotauflauf mit Äpfeln. Zubereitet mit «Astra-10». Was für ein Zufall.

    Briefkastentante der Nation

    Betty wurde zur besten Freundin der Schweizer Küchen. Die Leserinnen schrieben ihr Briefe, als wäre sie die Schwester, die man nie hatte. Warum werden meine Plätzli zäh? Betty antwortete: kurz anbraten, nicht zu dünn schneiden. Viele glaubten fest, irgendwo in der Schweiz stehe eine echte Frau Bossi am Herd. Emmi tat wenig, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Bei Anlässen trat sie gleich selbst als Betty auf. Nennen wir es Method Acting mit Margarine.

    Heute würde man sagen: Emmi war die erste Influencerin der Schweiz. Nur ohne Handy, ohne Filter und ohne Selfie mit Tiramisu.

    Und jetzt der Clou: 1956 brauchte eine verheiratete Schweizerin für eine Arbeitsstelle noch die Unterschrift ihres Mannes. Abstimmen durfte sie erst ab 1971. Emmi hatte also kein Stimmrecht, aber das ganze Land am Kochlöffel. Politik ist eben nicht alles. Manchmal reicht ein gutes Rezept.

    Betty macht weiter, Emmi macht Pause

    Fünfzehn Jahre lang schrieb Emmi die Betty Bossi Post. 1971 ging sie vorzeitig in Pension, ausgebrannt, wie sie selbst sagte. Wer anderthalb Jahrzehnte lang zwei Frauen gleichzeitig ist, darf einmal die Füsse hochlegen.

    Betty dagegen kannte keinen Feierabend. 1973 kam das erste Betty-Bossi-Kochbuch heraus, inzwischen sind es rund 35 Millionen verkaufte Exemplare. Allein «Kuchen, Cakes und Torten» ging über 1,3 Millionen Mal über den Ladentisch. Als Betty 1984 das Tiramisu-Rezept brachte, war in der ganzen Schweiz innert kurzer Zeit der Mascarpone ausverkauft. Ein Rezept, ein Land, leere Kühlregale. Davon träumt jede Influencerin bis heute. Heute gehört Betty zu Coop und lächelt von Hunderten Verpackungen. Für eine Frau, die nie gelebt hat, ist das eine erstaunlich steile Karriere.

    Der letzte Gang

    Emmi Creola-Maag zog sich nach Winkel im Zürcher Unterland zurück, führte bis über neunzig ihren eigenen Haushalt und starb am 2. Oktober 2006 im Alter von 94 Jahren. Ende 2025 kam ihr Leben als Spielfilm «Hallo Betty» mit Sarah Spale ins Kino. Nach fast siebzig Jahren stand im Abspann endlich der richtige Name.

    Und ich? Ich gestehe: Auch in meinem Chuchichäschtli steht ein Betty-Bossi-Buch, mit Fettflecken genau an den besten Stellen. Jahrelang habe ich der falschen Frau gedankt. Also: Danke, Emmi! Und Betty, nimm’s nicht persönlich.

  • Emil Steinberger: Der Mann, der die Schweiz zum Lachen brachte – und dabei ganz unschuldig tat

    Emil Steinberger: Der Mann, der die Schweiz zum Lachen brachte – und dabei ganz unschuldig tat

    Es gibt Komiker, die einen Witz erzählen. Und es gibt Emil. Er braucht keinen Witz, er braucht bloss zwei buschige Augenbrauen, einen Blick wie ein Kalb vor dem neuen Gatter und eine Pause, die eine Spur zu lang ist. Damit hat der Luzerner halb Europa zum Lachen gebracht. Und das mit einem Akzent, den man nördlich des Rheins plötzlich nicht mehr belächelte, sondern bejubelte.

    Ein Mann mit Pensionsanspruch

    Emil kam am 6. Januar 1933 in Luzern zur Welt. Seine Eltern hatten klare Vorstellungen: Der Bub soll etwas Rechtes werden. Etwas mit Pensionskasse. Also wurde Emil Postbeamter und stempelte neun Jahre lang am Schalter Briefe, Pakete und Einzahlungsscheine. Am Abend stand er heimlich mit Theater- und Kabarettgruppen auf der Bühne. Tagsüber Porto, nachts Pointen.

    1960 kündigte er die sichere Beamtenstelle. Seine Eltern waren entsetzt, und vermutlich war es auch die Post – wer sollte jetzt so schön verdutzt «Eingeschrieben?» fragen? Emil liess sich zum Grafiker ausbilden. Sicher ist sicher. Ein bisschen jedenfalls.

    Vom Cabaradiesli zum eigenen Theater

    Auf der Bühne ging es Schritt für Schritt aufwärts: zuerst im Ensemble «Cabaradiesli», dann allein mit Programmen wie «Emil und die 40 Räuber», «Emils Neid-Club» und «Onkel Emils Hütte». Die Texte schrieb damals noch ein Schulfreund. Bis Kollege Franz Hohler ihm sinngemäss sagte: «Das kannst du doch selber.» Er konnte.

    1967 gründete Emil mit seiner damaligen Frau Maya das Kleintheater Luzern, das es bis heute gibt. Er betrieb nebenbei auch noch ein Kino. Andere Leute haben ein Hobby, Emil hatte eine Kulturmeile.

    Emil wird Emil

    Dann kam die Figur, die ihn unsterblich machte: Emil, der freundliche Herr, der alles ganz genau verstehen will und dabei zuverlässig in jedes Fettnäpfchen tritt. Er schaut, er zögert, er versteht zu spät – und genau in dieser Lücke liegt das Publikum am Boden. Emil ist kein Witzbold. Emil ist der Witz.

    Mit «Geschichten, die das Leben schrieb», «E wie Emil» und «Emil träumt …» eroberte er in den 1970er-Jahren Deutschland und Österreich. Plötzlich versuchten Hamburger und Wiener, Schweizerdeutsch nachzumachen. Mit überschaubarem Erfolg. Das Chuchichäschtli ist eben kein Anfängerwort.

    Manege frei für den Ex-Pöstler

    1977 ging Emil mit dem Circus Knie auf Tournee, neun Monate lang, als «Kniemil». Die Zelte waren voll, die Besucherzahlen rekordverdächtig. Ein ehemaliger Postbeamter in der Zirkusmanege: Das klingt nach einer Emil-Nummer, ist aber tatsächlich passiert. 1980 rettete er dann gleich noch den Circus Roncalli, mit eigenem Geld und als Regisseur. Andere kaufen sich mit dem ersten grossen Geld ein Auto. Emil kaufte sich ein Zirkuszelt voller Probleme.

    Der Schweizermacher

    1978 spielte er in Rolf Lyssys Kinohit «Die Schweizermacher» den jungen Beamten Moritz Fischer. Fischer prüft zusammen mit seinem pedantischen Chef Bodmer, ob Ausländer schweizerisch genug sind. Er schaut ihnen in die Kochtöpfe, in die Kehrichtsäcke und am liebsten ins Gewissen. Ausgerechnet er verliebt sich dabei in eine der Kandidatinnen. Der Film wurde einer der erfolgreichsten Schweizer Filme aller Zeiten. Die Schweiz lachte über sich selbst und merkte es kaum.

    Ab nach New York

    1987 gab Emil mit 54 Jahren seine vorerst letzte Vorstellung. 1993 zog er nach New York, wo ihn niemand kannte. Für einen Mann, den im deutschsprachigen Raum jedes Kind erkennt, war das so etwas wie Ferien vom eigenen Gesicht.

    Dort lernte er Niccel Kristuf kennen und heiratete sie 1999. Wer die grosse Liebe sucht, sollte also offenbar zuerst über den Atlantik auswandern. Aus der New Yorker Zeit entstand das Buch «Emil via New York». Ein anderes seiner Bücher heisst «Wahre Lügengeschichten». Einen treffenderen Untertitel für sein ganzes Lebenswerk könnte man kaum erfinden.

    Ruhestand? Kennt er nur vom Hörensagen

    Nach der Rückkehr in die Schweiz spielte er das Programm «Drei Engel!» rund 900 Mal. Zum 80. Geburtstag folgte «Lachzig», danach «Emil – No einisch» und «Emil schnädered». Mit 86 stand er in einem einzigen Jahr 125 Mal auf der Bühne. Andere in diesem Alter suchen ihre Lesebrille, Emil suchte den nächsten Saal.

    Preise für sein Lebenswerk hat er inzwischen so viele gesammelt, dass man meinen könnte, er habe mehrere Leben gelebt: einen Elch, einen Stier, einen Humorfüller, eine Ehrenrose und einiges mehr. 2024 kam am Zurich Film Festival das «Golden Eye» dazu. Am selben Festival feierte der Dokumentarfilm «Typisch Emil – Vom Loslassen und Neuanfangen» Premiere. Der Titel passt: Loslassen und neu anfangen, das hat er sein Leben lang geübt.

    Das Geheimnis

    Warum lachen wir seit Jahrzehnten über diesen Mann? Vielleicht, weil Emil nie cool sein wollte. Er erklärt uns die Welt nicht. Er schaut sie nur mit hochgezogenen Augenbrauen an und zeigt sie uns, wie sie ist: kompliziert, kleinkariert, liebenswert und manchmal zum Schiessen komisch.

    Emil Steinberger ist nicht einfach ein Kabarettist. Er ist eine Schweizer Institution mit Augenbrauen. Und der lebende Beweis, dass ein einziger verdutzter Blick mehr bewirken kann als hundert Pointen. Bei mir jedenfalls.

    https://youtu.be/4L6PSDb6ZwI