Emil Steinberger: Der Mann, der die Schweiz zum Lachen brachte – und dabei ganz unschuldig tat

Es gibt Komiker, die einen Witz erzählen. Und es gibt Emil. Er braucht keinen Witz, er braucht bloss zwei buschige Augenbrauen, einen Blick wie ein Kalb vor dem neuen Gatter und eine Pause, die eine Spur zu lang ist. Damit hat der Luzerner halb Europa zum Lachen gebracht. Und das mit einem Akzent, den man nördlich des Rheins plötzlich nicht mehr belächelte, sondern bejubelte.

Ein Mann mit Pensionsanspruch

Emil kam am 6. Januar 1933 in Luzern zur Welt. Seine Eltern hatten klare Vorstellungen: Der Bub soll etwas Rechtes werden. Etwas mit Pensionskasse. Also wurde Emil Postbeamter und stempelte neun Jahre lang am Schalter Briefe, Pakete und Einzahlungsscheine. Am Abend stand er heimlich mit Theater- und Kabarettgruppen auf der Bühne. Tagsüber Porto, nachts Pointen.

1960 kündigte er die sichere Beamtenstelle. Seine Eltern waren entsetzt, und vermutlich war es auch die Post – wer sollte jetzt so schön verdutzt «Eingeschrieben?» fragen? Emil liess sich zum Grafiker ausbilden. Sicher ist sicher. Ein bisschen jedenfalls.

Vom Cabaradiesli zum eigenen Theater

Auf der Bühne ging es Schritt für Schritt aufwärts: zuerst im Ensemble «Cabaradiesli», dann allein mit Programmen wie «Emil und die 40 Räuber», «Emils Neid-Club» und «Onkel Emils Hütte». Die Texte schrieb damals noch ein Schulfreund. Bis Kollege Franz Hohler ihm sinngemäss sagte: «Das kannst du doch selber.» Er konnte.

1967 gründete Emil mit seiner damaligen Frau Maya das Kleintheater Luzern, das es bis heute gibt. Er betrieb nebenbei auch noch ein Kino. Andere Leute haben ein Hobby, Emil hatte eine Kulturmeile.

Emil wird Emil

Dann kam die Figur, die ihn unsterblich machte: Emil, der freundliche Herr, der alles ganz genau verstehen will und dabei zuverlässig in jedes Fettnäpfchen tritt. Er schaut, er zögert, er versteht zu spät – und genau in dieser Lücke liegt das Publikum am Boden. Emil ist kein Witzbold. Emil ist der Witz.

Mit «Geschichten, die das Leben schrieb», «E wie Emil» und «Emil träumt …» eroberte er in den 1970er-Jahren Deutschland und Österreich. Plötzlich versuchten Hamburger und Wiener, Schweizerdeutsch nachzumachen. Mit überschaubarem Erfolg. Das Chuchichäschtli ist eben kein Anfängerwort.

Manege frei für den Ex-Pöstler

1977 ging Emil mit dem Circus Knie auf Tournee, neun Monate lang, als «Kniemil». Die Zelte waren voll, die Besucherzahlen rekordverdächtig. Ein ehemaliger Postbeamter in der Zirkusmanege: Das klingt nach einer Emil-Nummer, ist aber tatsächlich passiert. 1980 rettete er dann gleich noch den Circus Roncalli, mit eigenem Geld und als Regisseur. Andere kaufen sich mit dem ersten grossen Geld ein Auto. Emil kaufte sich ein Zirkuszelt voller Probleme.

Der Schweizermacher

1978 spielte er in Rolf Lyssys Kinohit «Die Schweizermacher» den jungen Beamten Moritz Fischer. Fischer prüft zusammen mit seinem pedantischen Chef Bodmer, ob Ausländer schweizerisch genug sind. Er schaut ihnen in die Kochtöpfe, in die Kehrichtsäcke und am liebsten ins Gewissen. Ausgerechnet er verliebt sich dabei in eine der Kandidatinnen. Der Film wurde einer der erfolgreichsten Schweizer Filme aller Zeiten. Die Schweiz lachte über sich selbst und merkte es kaum.

Ab nach New York

1987 gab Emil mit 54 Jahren seine vorerst letzte Vorstellung. 1993 zog er nach New York, wo ihn niemand kannte. Für einen Mann, den im deutschsprachigen Raum jedes Kind erkennt, war das so etwas wie Ferien vom eigenen Gesicht.

Dort lernte er Niccel Kristuf kennen und heiratete sie 1999. Wer die grosse Liebe sucht, sollte also offenbar zuerst über den Atlantik auswandern. Aus der New Yorker Zeit entstand das Buch «Emil via New York». Ein anderes seiner Bücher heisst «Wahre Lügengeschichten». Einen treffenderen Untertitel für sein ganzes Lebenswerk könnte man kaum erfinden.

Ruhestand? Kennt er nur vom Hörensagen

Nach der Rückkehr in die Schweiz spielte er das Programm «Drei Engel!» rund 900 Mal. Zum 80. Geburtstag folgte «Lachzig», danach «Emil – No einisch» und «Emil schnädered». Mit 86 stand er in einem einzigen Jahr 125 Mal auf der Bühne. Andere in diesem Alter suchen ihre Lesebrille, Emil suchte den nächsten Saal.

Preise für sein Lebenswerk hat er inzwischen so viele gesammelt, dass man meinen könnte, er habe mehrere Leben gelebt: einen Elch, einen Stier, einen Humorfüller, eine Ehrenrose und einiges mehr. 2024 kam am Zurich Film Festival das «Golden Eye» dazu. Am selben Festival feierte der Dokumentarfilm «Typisch Emil – Vom Loslassen und Neuanfangen» Premiere. Der Titel passt: Loslassen und neu anfangen, das hat er sein Leben lang geübt.

Das Geheimnis

Warum lachen wir seit Jahrzehnten über diesen Mann? Vielleicht, weil Emil nie cool sein wollte. Er erklärt uns die Welt nicht. Er schaut sie nur mit hochgezogenen Augenbrauen an und zeigt sie uns, wie sie ist: kompliziert, kleinkariert, liebenswert und manchmal zum Schiessen komisch.

Emil Steinberger ist nicht einfach ein Kabarettist. Er ist eine Schweizer Institution mit Augenbrauen. Und der lebende Beweis, dass ein einziger verdutzter Blick mehr bewirken kann als hundert Pointen. Bei mir jedenfalls.

https://youtu.be/4L6PSDb6ZwI

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