
Früher war bei uns an Weihnachten der Schweinsbraten der unbestrittene König auf dem Tisch. Kein Chichi, kein Firlefanz und keine exotischen Zutaten, für die man erst die halbe Welt bereisen musste. Ein ordentliches Stück Schweinefleisch, dazu Kartoffelstock, Rüebli und Erbsli, und fertig war das Festmahl! Da konnte sich jedes noch so moderne Weihnachtsmenü warm anziehen.
Fleisch gab es bei uns schliesslich nicht jeden Tag. Kam an Weihnachten ein Braten auf den Tisch, war das etwas ganz Besonderes. Da wurde nicht lustlos drauflosgegessen, da wurde genossen! Ein Stück Braten auf den Teller, ein, zwei Löffel Kartoffelstock daneben, mit dem Löffelrücken einen Krater hineingedrückt, und mitten hinein kam das Wichtigste überhaupt: die Sauce.
Und zwar kein mickriger Tümpel, sondern ein richtiger See, in dem der Kartoffelstock nach Herzenslust baden konnte. Wer zu wenig Sauce hatte, war selber schuld. Die Saucière stand mitten auf dem Tisch, und Nachschöpfen war ausdrücklich erlaubt. Ja, erwünscht.
Und dann waren da noch die Rüebli mit den Erbsli. Wir nannten sie liebevoll «Kugellager mit orangem Akzent». Warum? Keine Ahnung! Wahrscheinlich hatte damals niemand Lust, dem Gemüse einen vernünftigen Namen zu geben. Aber der Name sass, und bis heute weiss bei uns jeder, was gemeint ist. Die Erbsli rollten fröhlich über den Teller, und mindestens eines landete garantiert unter dem Tisch. Die Rüebli sorgten für Farbe, und gemeinsam taten die beiden so, als wären sie die gesunde Abteilung auf dem Teller. Irgendetwas musste ja den Eindruck erwecken, dass man sich ausgewogen ernährte, während man sich den Bauch mit Braten und Kartoffelstock vollschlug.
Der Braten war saftig, die Sauce kräftig, der Kartoffelstock schön cremig, und das Gemüse durfte sich ebenfalls zeigen. Bei diesem Essen fragte niemand nach drei Bissen, ob es noch etwas gäbe. Da wurde geschöpft, getunkt und geschlemmt, bis der Gürtel leise um Gnade flehte. Und wer am Schluss noch Sauce auf dem Teller hatte, hatte entweder etwas falsch gemacht oder nicht verstanden, worum es bei diesem Festessen ging. Für solche Fälle gab es übrigens Brot.
Heute gibt es zu Weihnachten allerlei kulinarische Höhenflüge: Schäumchen, Türmchen, drei Erbsen auf einem Spiegel aus Rüeblipüree und Zutaten, deren Namen man kaum aussprechen kann. Wir wussten schon damals, was wirklich glücklich macht: ein guter Schweinsbraten, ein ordentlicher Berg Kartoffelstock, ein See von Sauce und unsere legendären Kugellager mit orangem Akzent.
Das war Weihnachten auf dem Teller: ehrlich, deftig und ohne gastronomischen Schnickschnack. Fragte nach dem Essen jemand nach dem Dessert, musste man erst einmal prüfen, ob überhaupt noch Platz für einen einzigen Löffel war. Denn nach so einem Festmahl war man nicht einfach satt. Man war weihnachtlich ausser Betrieb!
Rezept: Schweinsbraten mit Kartoffelstock und Kugellager mit orangem Akzent
Ein klassischer Sonntags- und Weihnachtsbraten wie früher, mit reichlich Sauce und garantiert ohne Firlefanz.
Zutaten für 4 Personen
Für den Schweinsbraten und die Sauce
- 1–1,2 kg Schweinsbraten, zum Beispiel aus der Schulter oder dem Hals
- 2 Zwiebeln
- 2 Rüebli
- 1 Stück Sellerie, nach Belieben
- 2 Knoblauchzehen
- 2 EL Öl oder Bratbutter
- 2–3 dl Fleischbouillon
- 1–2 dl Wasser, nach Bedarf
- Salz, Pfeffer und Paprika
- 1 TL Tomatenpüree, nach Belieben
- etwas Maizena zum Binden, falls nötig
Für den Kartoffelstock
- 1 kg mehligkochende Kartoffeln
- 2–3 dl warme Milch
- 40–60 g Butter
- Salz und etwas Muskatnuss
Für die Kugellager mit orangem Akzent
- 400 g Rüebli
- 300–400 g Erbsli (frisch oder tiefgekühlt)
- 1 EL Butter
- Salz und Pfeffer
- etwas Wasser
Zubereitung
1. Der Braten macht sich fein.
Den Backofen auf 160 °C Ober-/Unterhitze vorheizen. Den Braten mit Salz, Pfeffer und Paprika würzen. Öl oder Bratbutter in einem Bräter erhitzen und das Fleisch rundherum kräftig anbraten. Es soll Farbe bekommen und nicht aussehen, als käme es gerade aus dem Wellnesswochenende.
Zwiebeln, Rüebli, Sellerie und Knoblauch grob schneiden, zum Fleisch geben und kurz mitrösten. Wer mag, rührt etwas Tomatenpüree darunter. Dann mit der Bouillon ablöschen.
2. Jetzt wird geschmort.
Den Bräter zugedeckt in den Ofen stellen und den Braten je nach Stück und Grösse etwa 1½ bis 2½ Stunden schmoren lassen. Zwischendurch nachschauen, ob noch genug Flüssigkeit da ist, und bei Bedarf Wasser oder Bouillon nachgiessen. Am zuverlässigsten zeigt ein Fleischthermometer, wann der Braten fertig ist. Saftig und zart soll er sein.
3. Die Sauce, der eigentliche Hauptdarsteller.
Den Braten herausnehmen und kurz ruhen lassen. Den Bratensatz samt Gemüse mit etwas Flüssigkeit lösen und durch ein Sieb passieren oder direkt pürieren. Aufkochen, abschmecken und bei Bedarf etwas einkochen lassen. Ist sie zu dünn, mit wenig angerührtem Maizena binden.
Und jetzt die wichtigste Regel des Hauses: Bei der Sauce wird nicht geknausert! Wir wollen einen See und keinen ausgetrockneten Dorfteich.
4. Kartoffelstock zum Reinlegen.
Die Kartoffeln schälen, in Stücke schneiden und in Salzwasser weich kochen. Abgiessen und kurz ausdampfen lassen. Zerstampfen oder durch die Kartoffelpresse drücken. Warme Milch und Butter nach und nach einarbeiten, bis der Stock schön cremig ist. Mit Salz und Muskatnuss abschmecken.
Bitte keinen Mixer! Wir wollen Kartoffelstock und keinen Tapetenkleister. Der Stock soll luftig und weich sein, damit er die Sauce anständig aufnehmen kann.
5. Die Kugellager kommen ins Rollen.
Die Rüebli schälen, in Scheiben oder Stifte schneiden und in wenig Salzwasser in etwa 8–12 Minuten weich, aber noch bissfest garen. Die Erbsli brauchen nur 3–5 Minuten und kommen deshalb erst gegen Schluss dazu. Abgiessen und mit Butter, Salz und Pfeffer abschmecken.
6. Anrichten und geniessen.
Den Braten in Scheiben schneiden und mit einem ordentlichen Löffel Kartoffelstock auf den Teller geben. Krater nicht vergessen! Die Sauce grosszügig darüber und daneben verteilen. Die Kugellager mit orangem Akzent dürfen sich am Tellerrand in Stellung bringen.
Dann hinsetzen, tief durchatmen und geniessen. Wer jetzt noch Kalorien zählt, hat den Sinn dieses Weihnachtsessens nicht verstanden!
En Guete, und möge der Saucensee niemals austrocknen!









