Haushalt lernen

Oder: Wer kann heute eigentlich noch einen Knopf annähen?

Ach, was waren das für Zeiten! Damals durfte man als Mädchen nicht einfach gross werden. Man hatte gefälligst auch zu lernen, wie man einen Haushalt schmeisst. Und zwar richtig!

Bei uns in der Schweiz gehörte die Haushaltungsschule für Mädchen einst so selbstverständlich zum Lebenslauf wie die Konfirmation und der erste Zahnarztbesuch. Wer da nicht hinwollte, konnte alternativ ein Welschlandjahr machen: ein Jahr als Haushaltshilfe bei einer Familie in der Romandie. Praktischerweise lernte man dabei gleich noch Französisch. Zumindest die Wörter für Bügeleisen, Staubsauger und «Mademoiselle, le dîner est froid!».

Der Hauswirtschaftskurs bekam später den liebevollen Spitznamen «Rüebli-RS». Die Burschen gingen ins Militär, die Mädchen in die Küche. Beide lernten dort, wie man Kartoffeln schält. Nur die Mädchen lernten zusätzlich, was man danach damit macht.

Und was lernte man dort nicht alles!

Putzen, waschen, bügeln. Und zwar nicht bloss die Waschmaschine einschalten und hoffen, dass am Ende etwas Tragbares herauskommt. Nein, man lernte, wie man Wäsche sortiert, Flecken bekämpft, Hemden bügelt und aus einem zerknitterten Etwas wieder ein vorzeigbares Kleidungsstück macht. Ohne Tutorial. Ohne WLAN. Mit blossen Händen.

Dann die Handarbeiten! Nähen, Stricken, Sticken und Häkeln. Wir konnten Knöpfe annähen, Socken stopfen und aus einem Stück Stoff tatsächlich etwas Brauchbares herstellen. Und wehe, eine Naht war schief! Die Handarbeitslehrerin hatte einen Blick wie ein Röntgengerät und eine Schere, die sie nicht zögerte einzusetzen. Auch bei fremden Nähten.

Auch Kochen stand auf dem Stundenplan, Lebensmittelkunde inklusive. Man wusste, was in einen Kochtopf gehört, wie man eine Sauce anrührt, ohne dass sie Klumpen bildet, und dass eine Mahlzeit nicht zwingend aus einer Kartonschachtel kommen muss.

Kurz: Wir wurden auf das Leben vorbereitet. Oder zumindest auf ein Leben, in dem man nicht bei jeder Kleinigkeit jemanden anrufen musste.

Und heute?

Tja, heute hat sich die Welt weiterentwickelt. Oder zumindest der Haushalt. Er hat jetzt nämlich eine App.

Knurrt der Magen, wird bestellt. Ein Velokurier klingelt, und schon steht das Abendessen vor der Tür, lauwarm, aber pünktlich. Kochen? Wozu denn, wenn es ein Display gibt?

Hat die Hose ein Loch oder fehlt ein Knopf, wandert das gute Stück zur Schneiderin. Selber nähen? Um Himmels willen! Das könnte ja in Arbeit ausarten. Oder schlimmer: in Fingerstiche.

Stricken und Häkeln? Kennen manche nur noch von Pinterest, wo es ganz entspannt aussieht. Bis man es selbst versucht und am Ende ein Topflappen herauskommt, der eigentlich ein Schal werden sollte.

Und wenn die Wohnung nicht mehr ganz so frisch duftet, kommt eben die Putzfrau. Schliesslich hat man Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel Videos über Ordnung schauen.

Man könnte fast meinen, die moderne Frau müsse nur noch drei Dinge können: eine App bedienen, eine Bestellung aufgeben und die Nummer der nächsten Änderungsschneiderei finden. Notfalls per Sprachbefehl.

Natürlich haben sich die Zeiten geändert. Frauen stehen heute mitten im Berufsleben, haben ganz andere Möglichkeiten und müssen keineswegs mehr die traditionelle Hausfrauenrolle erfüllen. Das ist gut so und soll auch so bleiben!

Aber Hand aufs Herz: Ist es wirklich so verkehrt, wenn man weiss, wie man ein Hemd bügelt, eine Suppe kocht, einen Knopf annäht oder einen Haushalt selbständig führt?

Es geht ja nicht darum, wieder mit Schürze und Kopftuch am Herd zu stehen und sehnsüchtig auf die Heimkehr des Gatten zu warten. Gott bewahre! Der soll sich sein Spiegelei gefälligst selber braten.

Es geht um ganz einfache Fähigkeiten, die das Leben leichter machen und ein schönes Stück Unabhängigkeit schenken.

Denn seien wir ehrlich: Der Lieferdienst kommt vielleicht einmal nicht, die Putzfrau kann krank sein, und die Schneiderin hat bestimmt genau dann Ferien, wenn der Hosenknopf am Morgen des wichtigsten Termins abspringt.

Und dann?

Dann stehen wir vor der Waschmaschine wie vor einem ausserirdischen Raumschiff, drücken vorsichtig auf ein paar Knöpfe und fragen Google, bei wie viel Grad man eigentlich Unterwäsche wäscht. Und Google fragt zurück, ob wir die Cookies akzeptieren.

Vielleicht sollten wir die gute alte Haushaltungsschule doch nicht ganz so schnell belächeln.

Und jetzt mal ganz unter uns: Wie viele junge Frauen können heute noch einen Knopf annähen, ein anständiges Essen kochen oder einen Pullover stricken?

Und bevor sich jetzt jemand beschwert: Die Frage gilt selbstverständlich auch für die jungen Männer. Die konnten es zwar schon früher nicht. Aber genau darum wäre es höchste Zeit.

Ich frage ja nur …!

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