Autor: Textstübli à la carte

  • Ich lese zwischen den Zeilen – da ist mehr Platz.

    Ich lese zwischen den Zeilen – da ist mehr Platz.

    Ich lese gerne zwischen den Zeilen. Nicht etwa, weil ich besonders tiefgründig bin. Sondern weil es dort einfach geräumiger ist. In den Zeilen drängeln sich die Wörter wie Pendler im Morgenzug. Dazwischen habe ich meine Ruhe, einen Sessel, eine Stehlampe und eine Tasse Tee. Und ab und zu sogar Meerblick.

    Dort verstecken sich nämlich die unausgesprochenen Wahrheiten, die kleinen Seitenhiebe, die grossen Geheimnisse und gelegentlich auch Dinge, die der Verfasser besser für sich behalten hätte. Hat er aber nicht. Pech gehabt.

    Und mal ehrlich: Was schwarz auf weiss dasteht, kann schliesslich jeder lesen. Dafür braucht es nur eine Brille. Die wahre Kunst besteht darin, das zu entdecken, was NICHT dasteht. Dafür braucht es eine Lupe, eine Prise Misstrauen und viel Lebenserfahrung.

    Allerdings muss man aufpassen: Wer zu viel zwischen den Zeilen liest, entdeckt womöglich Dinge, die der Autor gar nicht hineingeschrieben hat. Der arme Mann wollte nur das Wetter beschreiben, und ich habe schon drei Affären, eine Erbschaftsfehde und einen Mord herausgelesen.

    Aber was soll’s: Die Fantasie ist grenzenlos, und Miete zahlt man zwischen den Zeilen auch keine.

    Ich bleibe also da. Gemütlich ist es. Und falls jemand etwas von mir will: Ich bin nicht zu übersehen. Ich bin nur ein bisschen zwischendrin.

  • Fernsehen – und jetzt mal ehrlich: Was läuft bei dir eigentlich in der Glotze?

    Fernsehen – und jetzt mal ehrlich: Was läuft bei dir eigentlich in der Glotze?

    Na, wie steht’s um deine Fernsehgewohnheiten? Bist du eher der Typ «Tagesschau, Wetterbericht und ab ins Bett»? Oder gehörst du zu jenen, die ganze Staffeln am Stück verschlingen, bis draussen die Vögel zwitschern und man sich fragt, ob das jetzt Feierabend oder schon Frühstück ist?

    Fernsehen ist ja so eine Sache. Früher gab es eine Handvoll Programme. Wenn nichts Gescheites lief, hatte man Pech gehabt und ging halt spazieren. Oder man redete miteinander. Ganz verrückt.

    Heute gibt es gefühlt 300 Sender, dazu Netflix, Amazon, Disney und weiss der Kuckuck was noch alles. Und was machen wir? Wir sitzen eine halbe Stunde vor dem Bildschirm, scrollen durch Tausende Filme und Serien und finden … nichts. Dann schauen wir zum vierten Mal dieselbe Komödie. Herrlich, dieser Fortschritt!

    Serien – ohne geht es offenbar nicht mehr!

    Welche Serien ziehst du dir regelmässig rein? Krimis, Arztserien, Familiendramen oder eine dieser skandinavischen Mordgeschichten, in denen es immer dunkel ist, immer regnet und alle so dreinschauen, als hätten sie gerade ihre Steuererklärung gemacht? Nach drei Folgen weiss man immer noch nicht, wer wen warum umgebracht hat. Aber man weiss genau, wie die Kommissarin ihren Kaffee trinkt: schwarz und traurig.

    Bist du Serienjunkie und zählst die Tage bis zur nächsten Staffel? Oder gehörst du zu den beneidenswerten Menschen, die nach einer Folge tatsächlich abschalten können? (Falls ja: Wie machst du das? Ich frage für eine Freundin.)

    Und Hand aufs Herz: Wie oft hast du schon gesagt «Nur noch diese eine Folge»? Und dann war es draussen hell, der Kater schaute dich vorwurfsvoll an, und der Bildschirm fragte höflich: «Schauen Sie noch?» Ja. Leider ja.

    Nachrichten – muss das wirklich sein?

    Interessieren dich die Nachrichten? Verfolgst du täglich das Weltgeschehen, oder reicht dir ein kurzer Blick auf die Schlagzeilen, so wie man beim Bäcker kurz in die Auslage schaut, ohne etwas zu kaufen?

    Bei allem, was uns täglich serviert wird, könnte man meinen, die Welt bestehe nur noch aus Krisen, Katastrophen, Kriegen, Politikern und Leuten, die dringend mal einen Realitätscheck bräuchten. Mit Zustellung per Einschreiben.

    Manchmal möchte man nach den Nachrichten den Fernseher ausschalten, tief durchatmen und sich fragen, ob es auf diesem Planeten eigentlich noch gute Nachrichten gibt. Die gibt es übrigens. Sie kommen meistens ganz am Schluss und handeln von einem Pandababy.

    Oder bist du so neugierig, dass du sogar noch die Spätnachrichten mitnimmst und danach mit Herzklopfen ins Bett gehst?

    Shows, Shows und noch mehr Shows!

    Was ist deine Lieblingsshow? Talentshows, Quizsendungen, Kochduelle, Tanzwettbewerbe oder Reality-TV?

    Schaust du begeistert zu, wenn sich wildfremde Menschen vor laufender Kamera verlieben, streiten, weinen oder sich gegenseitig die Teller um die Ohren hauen? Meistens in genau dieser Reihenfolge, und manchmal alles in derselben Folge.

    Und gib es zu: Manchmal schaut man sich diesen Unsinn gerade deshalb an, weil man sich danach so herrlich überlegen fühlt. Schliesslich würde man selbst nie so etwas tun. Niemals! Also … fast niemals. Und wenn, dann nur mit besserer Frisur.

    Konzerte – lieber live oder bequem vom Sofa?

    Bist du jemand, der Konzerte live erleben muss? Mit Gedränge, verschwitzten Nachbarn, Getränken zum Preis einer Monatsmiete, dem Handy des Vordermanns direkt vor der Nase und einem Pfeifen in den Ohren, das dich noch drei Tage begleitet?

    Oder geniesst du Musik lieber gemütlich zu Hause, mit einem Glas Wein, einer Wolldecke und der Fernbedienung in Griffweite? Das hat schliesslich Vorteile: Die Toilette ist frei, das Bier ist kalt, und niemand steht vor dir.

    Und wenn ein alter Lieblingsstar im Fernsehen auftritt, wird dann mitgesungen? Natürlich textsicher! Zumindest bei den Liedern, die man vor 30 Jahren schon auswendig konnte. Bei den neuen summt man halt mit und tut so, als wäre das Absicht.

    Die grosse Schwärmerei!

    Jetzt wird’s spannend: Für welchen Fernsehstar schwärmst du eigentlich?

    Gibt es diesen einen Schauspieler, bei dem du plötzlich hellwach wirst? Einen charmanten Moderator, eine umwerfende Schauspielerin oder einen Sänger, bei dem dein Herz heimlich einen kleinen Hüpfer macht?

    Keine falsche Bescheidenheit! Auch im fortgeschrittenen Alter darf man noch Augen im Kopf haben. Man ist ja nicht blind, nur weil man inzwischen eine Lesebrille braucht. Im Gegenteil: Mit Lesebrille sieht man sogar schärfer, wie gut er aussieht.

    Und dann gibt es noch die anderen …

    Welche Moderatoren kannst du partout nicht ausstehen?

    Die, die einem ständig ins Wort fallen? Die sich offenbar für den Mittelpunkt des Universums halten? Oder jene, die bei jeder Gelegenheit so übertrieben lachen, dass man den Ton auf null dreht und die Untertitel einschaltet?

    Es gibt Fernsehgesichter, die sieht man gern. Und andere, bei denen die Hand von ganz allein zur Fernbedienung greift. Ein Reflex, den die Wissenschaft noch nicht erforscht hat.

    Manchmal ist der Ausschaltknopf eben die genialste Erfindung der Fernsehtechnik!

    Und jetzt bist du dran!

    Ich will wissen, wie du tickst:

    • Welche Serien schaust du regelmässig?
    • Sind Nachrichten für dich Pflicht oder eher Stimmungskiller?
    • Welche Show darfst du auf keinen Fall verpassen?
    • Gehst du gern an Konzerte, oder geniesst du Musik lieber zu Hause?
    • Für welchen Fernsehstar schlägt dein Herz?
    • Und welcher Moderator treibt dich zuverlässig auf die Palme?

    Also raus mit der Sprache! Hier darf gelästert, geschwärmt, diskutiert und selbstverständlich auch widersprochen werden.

    Denn eines ist sicher: Über Geschmack lässt sich streiten. Und über das Fernsehprogramm erst recht!

    Und falls du gerade nicht weisst, was du schauen sollst: Willkommen im Club! Wir sitzen alle noch im Menü.

  • Freunde – oder: Wer ist eigentlich wirklich dein Freund?

    Freunde – oder: Wer ist eigentlich wirklich dein Freund?

    Freunde! Ein wunderschönes Wort. Aber was bedeutet Freundschaft eigentlich? Und vor allem: Wie viele Freunde kann ein Mensch überhaupt haben?

    Manche Leute scheinen darin ausgesprochen begabt zu sein. Sie haben Hunderte, ja Tausende von Freunden! Zumindest behaupten sie das. Ein Blick auf Facebook genügt, und schon sieht man 800, 1200 oder gar 3000 Freunde. Facebook lässt übrigens höchstens 5000 zu. Offenbar hat selbst Facebook irgendwann gemerkt, dass es langsam übertrieben wird.

    Donnerwetter! Wie machen die das bloss? Haben die einen Tag mit 36 Stunden und zusätzlich eine Nachtschicht? Führen sie ihre Freundschaften im Akkord, mit Stempelkarte und Schichtplan?

    Ich gebe zu: Ich habe da so meine Zweifel.

    Und die Wissenschaft auch. Der britische Forscher Robin Dunbar hat ausgerechnet, dass unser Gehirn mit etwa 150 Beziehungen schon gut ausgelastet ist. Echte Freunde haben die meisten Menschen etwa zehn bis fünfzehn, und richtig enge Vertraute meistens nur drei bis fünf. Der Rest ist Publikum.

    Für mich bedeutet Freundschaft jedenfalls etwas ganz anderes als ein Klick auf «Freund hinzufügen».

    Freundschaft ist nämlich keine Sammelleidenschaft!

    Wir sammeln ja auch nicht Menschen wie Briefmarken, um sie dann ins Album zu kleben und nie wieder anzuschauen.

    Ein echter Freund ist nicht nur da, wenn die Sonne scheint und das Leben rosarot ist. Ein Freund ist auch da, wenn’s mal nicht rund läuft. Wenn man Sorgen hat, jemanden zum Reden braucht oder einfach jemanden, der zuhört, ohne nach drei Minuten aufs Handy zu schielen.

    Freundschaft heisst Geben und Nehmen. Nicht im Sinn von Buchhaltung: «Ich habe dich dreimal angerufen, jetzt bist du dran!» Aber auch nicht so, dass immer nur einer fragt, zuhört und sich bemüht, während der andere sich gemütlich zurücklehnt und die Freundschaft behandelt wie ein Abo, das sich automatisch verlängert.

    Freundschaft muss gepflegt werden wie ein Garten. Sie braucht Zeit, Interesse, Aufmerksamkeit und manchmal eine Portion Geduld. Man muss sich melden, sich treffen, füreinander da sein und auch mal über den eigenen Schatten springen. Sonst wächst Unkraut. Oder gar nichts mehr.

    Und genau hier liegt der Haken bei den angeblich tausend Freunden.

    Wie soll das gehen? Wann telefoniert man mit tausend Menschen? Wann hört man ihnen zu? Wann ist man für sie da? Selbst wenn man jeden nur einmal im Jahr eine Stunde anruft, hängt man bei tausend Freunden jeden Tag fast drei Stunden am Telefon. Ferien und Feiertage nicht eingerechnet.

    Oder beschränkt sich diese Freundschaft auf ein automatisches «Happy Birthday», ein Daumen-hoch und ein paar Herzchen unter einem Ferienfoto?

    Wenn das genügt, dann habe ich offenbar etwas falsch verstanden. Und ehrlich gesagt bin ich froh darüber.

    Bekannte sind noch lange keine Freunde!

    Ich finde, man darf hier ruhig unterscheiden.

    Es gibt Menschen, die man kennt. Mit denen man plaudert, einen Kaffee trinkt, lacht oder sich an einem Fest begegnet. Das sind schöne Begegnungen und ein wertvoller Bekanntenkreis.

    Aber nur weil mich jemand kennt, bin ich noch lange nicht seine Freundin. Und nur weil ich jemanden kenne, ist er noch lange nicht mein Freund.

    Man kann sich sympathisch sein, sich mögen und trotzdem keine Freundschaft haben. Das ist weder schlimm noch abwertend. Es ist schlicht eine Frage der Nähe.

    Nicht jeder, der meine Telefonnummer hat, muss auch meine Sorgen kennen. Und nicht jeder, der mich auf der Strasse herzlich umarmt, würde nachts um drei aus dem Bett steigen, wenn ich ihn wirklich brauche. Manche würden nicht mal das Handy umdrehen.

    Etwas überspitzt? Vielleicht. Aber ihr wisst genau, was ich meine.

    Weniger ist manchmal tatsächlich mehr!

    Vielleicht liegt die Kunst gar nicht darin, möglichst viele Freunde zu haben, sondern die richtigen.

    Ein kleiner Kreis von Menschen, auf die man sich verlassen kann, ist mir viel mehr wert als eine endlose Liste von Namen, hinter denen kaum mehr steckt als eine flüchtige Bekanntschaft und ein verschwommenes Profilbild.

    Menschen, von denen man wochenlang nichts hört und trotzdem weiss: Wenn es darauf ankommt, sind sie da.

    Menschen, mit denen man lachen, streiten, schweigen und auch mal anderer Meinung sein kann, ohne dass gleich alles in die Brüche geht.

    Menschen, die sich ehrlich für einen interessieren und nicht nur anklopfen, wenn sie etwas brauchen.

    Und ganz wichtig: Freundschaft ist keine Einbahnstrasse! Wer immer nur nimmt und nie etwas zurückgibt, sollte sich mal fragen, ob er nicht gerade eine sehr bequeme Dienstleistung mit Freundschaft verwechselt.

    Und dann gibt es noch die Freundschaften auf Abruf.

    Menschen, die sich melden, wenn sie etwas brauchen. Die plötzlich unglaublich viel Zeit haben, wenn es um einen Gefallen geht. Die sich wochenlang nicht blicken lassen, aber selbstverständlich erwarten, dass man sofort springt, wenn bei ihnen der Schuh drückt. Oder der Umzug ansteht. Oder der Hund Ferien braucht.

    Da darf man sich durchaus fragen: Ist das Freundschaft? Oder betreibe ich hier ehrenamtlich eine kostenlose Service-Hotline für alle Lebenslagen, rund um die Uhr erreichbar, ohne Warteschleife und ohne Dankeschön?

    Mein Fazit:

    Ich brauche keine tausend Freunde. Ich brauche auch keine meterlange Freundesliste, um mich beliebt oder wichtig zu fühlen.

    Lieber wenige, dafür echte Freunde. Und dazu einen grossen, bunten Bekanntenkreis, mit dem man lachen, plaudern, ausgehen und schöne Stunden verbringen kann.

    Denn zwischen einem netten Bekannten, einem guten Freund und einem echten Herzensmenschen liegen manchmal Welten. Und ein Herzensmensch ist mehr wert als tausend Herzchen.

    Und jetzt bin ich neugierig: Wie haltet ihr es mit der Freundschaft? Habt ihr einen riesigen Freundeskreis, oder zählt ihr eure echten Freunde an einer Hand ab und habt noch Finger übrig?

    Und noch eine etwas unbequeme Frage: Wie viele eurer sogenannten Freunde würden wirklich alles stehen und liegen lassen, wenn ihr sie bräuchtet?

    Na, schon mal durchgezählt?

    Denn eines ist für mich klar: Freundschaft misst man nicht an der Zahl der Namen im Telefonbuch, sondern daran, wer auch dann noch da ist, wenn es gerade nichts zu feiern gibt.

    Tausend Freunde kann man haben. Aber nur wenige, die nachts um drei mit einem Topf Suppe vor der Tür stehen.

  • Haushalt lernen

    Haushalt lernen

    Oder: Wer kann heute eigentlich noch einen Knopf annähen?

    Ach, was waren das für Zeiten! Damals durfte man als Mädchen nicht einfach gross werden. Man hatte gefälligst auch zu lernen, wie man einen Haushalt schmeisst. Und zwar richtig!

    Bei uns in der Schweiz gehörte die Haushaltungsschule für Mädchen einst so selbstverständlich zum Lebenslauf wie die Konfirmation und der erste Zahnarztbesuch. Wer da nicht hinwollte, konnte alternativ ein Welschlandjahr machen: ein Jahr als Haushaltshilfe bei einer Familie in der Romandie. Praktischerweise lernte man dabei gleich noch Französisch. Zumindest die Wörter für Bügeleisen, Staubsauger und «Mademoiselle, le dîner est froid!».

    Der Hauswirtschaftskurs bekam später den liebevollen Spitznamen «Rüebli-RS». Die Burschen gingen ins Militär, die Mädchen in die Küche. Beide lernten dort, wie man Kartoffeln schält. Nur die Mädchen lernten zusätzlich, was man danach damit macht.

    Und was lernte man dort nicht alles!

    Putzen, waschen, bügeln. Und zwar nicht bloss die Waschmaschine einschalten und hoffen, dass am Ende etwas Tragbares herauskommt. Nein, man lernte, wie man Wäsche sortiert, Flecken bekämpft, Hemden bügelt und aus einem zerknitterten Etwas wieder ein vorzeigbares Kleidungsstück macht. Ohne Tutorial. Ohne WLAN. Mit blossen Händen.

    Dann die Handarbeiten! Nähen, Stricken, Sticken und Häkeln. Wir konnten Knöpfe annähen, Socken stopfen und aus einem Stück Stoff tatsächlich etwas Brauchbares herstellen. Und wehe, eine Naht war schief! Die Handarbeitslehrerin hatte einen Blick wie ein Röntgengerät und eine Schere, die sie nicht zögerte einzusetzen. Auch bei fremden Nähten.

    Auch Kochen stand auf dem Stundenplan, Lebensmittelkunde inklusive. Man wusste, was in einen Kochtopf gehört, wie man eine Sauce anrührt, ohne dass sie Klumpen bildet, und dass eine Mahlzeit nicht zwingend aus einer Kartonschachtel kommen muss.

    Kurz: Wir wurden auf das Leben vorbereitet. Oder zumindest auf ein Leben, in dem man nicht bei jeder Kleinigkeit jemanden anrufen musste.

    Und heute?

    Tja, heute hat sich die Welt weiterentwickelt. Oder zumindest der Haushalt. Er hat jetzt nämlich eine App.

    Knurrt der Magen, wird bestellt. Ein Velokurier klingelt, und schon steht das Abendessen vor der Tür, lauwarm, aber pünktlich. Kochen? Wozu denn, wenn es ein Display gibt?

    Hat die Hose ein Loch oder fehlt ein Knopf, wandert das gute Stück zur Schneiderin. Selber nähen? Um Himmels willen! Das könnte ja in Arbeit ausarten. Oder schlimmer: in Fingerstiche.

    Stricken und Häkeln? Kennen manche nur noch von Pinterest, wo es ganz entspannt aussieht. Bis man es selbst versucht und am Ende ein Topflappen herauskommt, der eigentlich ein Schal werden sollte.

    Und wenn die Wohnung nicht mehr ganz so frisch duftet, kommt eben die Putzfrau. Schliesslich hat man Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel Videos über Ordnung schauen.

    Man könnte fast meinen, die moderne Frau müsse nur noch drei Dinge können: eine App bedienen, eine Bestellung aufgeben und die Nummer der nächsten Änderungsschneiderei finden. Notfalls per Sprachbefehl.

    Natürlich haben sich die Zeiten geändert. Frauen stehen heute mitten im Berufsleben, haben ganz andere Möglichkeiten und müssen keineswegs mehr die traditionelle Hausfrauenrolle erfüllen. Das ist gut so und soll auch so bleiben!

    Aber Hand aufs Herz: Ist es wirklich so verkehrt, wenn man weiss, wie man ein Hemd bügelt, eine Suppe kocht, einen Knopf annäht oder einen Haushalt selbständig führt?

    Es geht ja nicht darum, wieder mit Schürze und Kopftuch am Herd zu stehen und sehnsüchtig auf die Heimkehr des Gatten zu warten. Gott bewahre! Der soll sich sein Spiegelei gefälligst selber braten.

    Es geht um ganz einfache Fähigkeiten, die das Leben leichter machen und ein schönes Stück Unabhängigkeit schenken.

    Denn seien wir ehrlich: Der Lieferdienst kommt vielleicht einmal nicht, die Putzfrau kann krank sein, und die Schneiderin hat bestimmt genau dann Ferien, wenn der Hosenknopf am Morgen des wichtigsten Termins abspringt.

    Und dann?

    Dann stehen wir vor der Waschmaschine wie vor einem ausserirdischen Raumschiff, drücken vorsichtig auf ein paar Knöpfe und fragen Google, bei wie viel Grad man eigentlich Unterwäsche wäscht. Und Google fragt zurück, ob wir die Cookies akzeptieren.

    Vielleicht sollten wir die gute alte Haushaltungsschule doch nicht ganz so schnell belächeln.

    Und jetzt mal ganz unter uns: Wie viele junge Frauen können heute noch einen Knopf annähen, ein anständiges Essen kochen oder einen Pullover stricken?

    Und bevor sich jetzt jemand beschwert: Die Frage gilt selbstverständlich auch für die jungen Männer. Die konnten es zwar schon früher nicht. Aber genau darum wäre es höchste Zeit.

    Ich frage ja nur …!

  • 🇺🇸 Amerika, wir müssen reden!

    🇺🇸 Amerika, wir müssen reden!

    normal


    Oder: Wie Europa auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten blickt und sich dabei immer öfter verwundert die Augen reibt

    Ach, Amerika! Das Land der Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeiten, der riesigen Autos, der noch riesigeren Portionen und der Menschen, die grundsätzlich alles für möglich halten. Selbst das Unmögliche. Manchmal auch das Unvernünftige. Und gelegentlich beides gleichzeitig, live und in Farbe.

    Jahrzehntelang blickte Europa ehrfürchtig über den grossen Teich. Amerika war cool. Amerika war modern. Amerika hatte Hollywood, New York, Elvis, Jeans, Cola und dieses herrlich unerschütterliche Selbstverständnis, der Mittelpunkt des Universums zu sein. Notfalls auch der Galaxie.

    Und heute?

    Heute schauen viele Europäer etwas anders hinüber. Nicht unbedingt mit Verachtung. Eher mit einer Mischung aus Faszination, Kopfschütteln und ungläubigem Staunen, und mit dem dringenden Bedürfnis, ab und zu nachzufragen: Ist das eigentlich noch euer Ernst?

    Das ist übrigens nicht nur ein Bauchgefühl. Laut einer Umfrage des Pew Research Center vom Sommer 2026 hat nur noch in einem von zehn befragten europäischen Ländern eine Mehrheit ein positives Bild der USA. Pünktlich zum 250. Geburtstag. In diesem Alter darf man sich ja mal eine Midlife-Crisis gönnen. Wobei: Für ein Land sind 250 Jahre eigentlich noch Pubertät. Das würde einiges erklären.

    Denn Amerika hat sich in den letzten Jahren zu einem Land entwickelt, in dem Realität und Reality-TV um dieselbe Sendezeit kämpfen. Und die Einschaltquoten sprechen leider nicht für die Realität.

    Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – auch beim Fremdschämen

    In Amerika ist alles gross. Die Häuser, die Pick-ups, die Einkaufszentren, die Getränkebecher und natürlich die politischen Versprechen. Wobei Letztere am schnellsten schrumpfen.

    Betritt eine Europäerin einen amerikanischen Supermarkt, fühlt sie sich wie Gulliver im falschen Kapitel. Eine Packung Cornflakes hat ungefähr die Grösse eines mittelständischen Familienbetriebs. Die Milch kommt im Kanister, und im Getränkebecher könnte man notfalls einen Dackel baden. «Small» heisst dort übrigens das, was bei uns als Familienpackung durchgeht.

    An der Kasse lernt man dann, dass der angeschriebene Preis eher eine Schätzung ist, denn die Steuer kommt erst noch dazu. Und im Restaurant lernt man, dass zwanzig Prozent Trinkgeld keine nette Geste sind, sondern eine Erwartung mit Blickkontakt.

    Aber gut, jeder hat seine Kultur.

    Wir Europäer haben schliesslich auch unsere Eigenheiten. Wir diskutieren stundenlang über die richtige Temperatur eines Weissweins, streiten über die Herkunft des Gipfelis und halten eine dreistündige Mittagspause für eine zivilisatorische Errungenschaft.

    Doch während wir über Käse und Bürokratie debattieren, debattiert Amerika gelegentlich darüber, ob wissenschaftliche Erkenntnisse überhaupt noch zur eigenen Weltanschauung passen müssen. Oder ob man sie nicht einfach abwählen kann.

    Man muss eben Prioritäten setzen.

    Freiheit! Aber bitte mit Bedienungsanleitung

    Amerika liebt die Freiheit. Wirklich. Man könnte meinen, das Wort werde dort morgens zusammen mit dem Kaffee inhaliert. Im Literbecher, versteht sich.

    Freiheit ist das grosse amerikanische Versprechen: die Freiheit, seine Meinung zu sagen, sein Leben zu gestalten und alles zu werden, was man möchte. Sogar die Masseinheiten sind frei. Grad Fahrenheit, Meilen und Unzen, denn das metrische System gilt als verdächtig ausländisch.

    Allerdings ist diese Freiheit manchmal eine ziemlich komplizierte Angelegenheit.

    Aus europäischer Sicht wirkt es befremdlich, wenn ausgerechnet das Land, das sich als Leuchtturm der Demokratie versteht, so leidenschaftlich über deren Spielregeln streitet. Ein Leuchtturm, bei dem man nie ganz sicher ist, ob gerade das Licht brennt oder nur der Generator.

    Wir Europäer haben unsere eigenen Probleme mit der Demokratie, keine Frage. Unsere Parlamente sind voll von Menschen, die einander erklären, warum ausgerechnet sie die einzig Vernünftigen sind. Aber immerhin versuchen wir meistens, das Ganze nicht wie eine Staffel einer besonders lauten Fernsehshow aussehen zu lassen. Bei uns schläft man in Parlamentsdebatten eher ein, als dass man sich aufregt. Langweilig, aber beruhigend.

    Und ein amerikanischer Wahlkampf dauert gefühlt länger als eine Schwangerschaft. Eigentlich wie zwei. Und am Ende weiss man nicht so genau, wer hier eigentlich geboren wurde.

    Popcorn gefällig?

    Politik als Reality-Show – und das Publikum zahlt Eintritt

    Was uns Europäer besonders fasziniert, ist die amerikanische Begeisterung für politische Inszenierung.

    Politik ist dort manchmal weniger eine Frage der Sache als eine Frage der perfekten Schlagzeile.

    Grosse Worte. Grosse Gesten. Grosse Versprechen. Grosse Empörung. Alles in Übergrösse, wie im Supermarkt.

    Ein normaler politischer Auftritt wäre ungefähr so aufregend wie eine Steuererklärung. Also braucht es Drama, Konflikte und möglichst viele Menschen, die sich gegenseitig anschreien. Am besten mit Musik und Konfetti.

    Hollywood hätte seine Freude daran.

    Der Unterschied: In Hollywood weiss man wenigstens, dass es ein Drehbuch gibt. Und dass nach zwei Stunden Schluss ist.

    Europa schaut zu, kommentiert, schüttelt den Kopf und fragt sich, ob es für diese Vorstellung eigentlich eine Altersfreigabe gibt. Und ob man das Abo irgendwo kündigen kann.

    Die amerikanische Selbstüberschätzung – eine nationale Kunstform

    Natürlich ist nicht jeder Amerikaner so. Das wäre genauso absurd wie zu behaupten, jede Schweizerin jodle beim Frühstück und jeder Franzose trage ein Baguette unter dem Arm. (Okay, bei den Franzosen stimmt es manchmal.)

    Aber der amerikanische Glaube an die eigene Einzigartigkeit ist schon bemerkenswert. Amerika betrachtet sich traditionell als einzigartig, unvergleichlich und vom Schicksal dazu bestimmt, der Welt zu zeigen, wie es geht.

    Das ist grundsätzlich ein beeindruckendes Selbstbewusstsein. Ein kleines bisschen europäische Selbstkritik wäre manchmal trotzdem nicht schlecht. Wir hätten genug davon. Wir exportieren sie gerne, sogar zollfrei.

    Denn während Amerika der Welt erklärt, wie Demokratie, Freiheit und Wohlstand funktionieren, fragen sich in Europa viele, warum ein Arztbesuch, ein Studium oder eine Krankenversicherung zwangsläufig ein finanzielles Abenteuer mit offenem Ausgang sein müssen. In Amerika kann schon die Fahrt im Krankenwagen mehr kosten als bei uns ein gebrauchter Kleinwagen. Gute Besserung, und bitte hier unterschreiben.

    Wir sind eben bescheiden. Wir erwarten nicht, dass sich jedes Problem mit einer patriotischen Rede und einem noch grösseren SUV lösen lässt.

    Amerika und Europa: zwei Welten, ein Atlantik und ziemlich unterschiedliche Vorstellungen von normal

    Natürlich hat auch Europa seine Baustellen: Bürokratie, politische Zersplitterung, wirtschaftliche Probleme, überregulierte Märkte und die ewige Unfähigkeit, sich auf irgendetwas zu einigen. Sogar auf die Form der Gurke haben wir uns jahrelang nicht einigen können.

    Wir sind Meister darin, aus einer einfachen Entscheidung ein mehrjähriges europäisches Forschungsprojekt mit Arbeitsgruppe, Zwischenbericht und Folgestudie zu machen.

    Europa diskutiert, bevor es etwas tut.

    Amerika tut etwas und diskutiert danach, ob das eine gute Idee war.

    Beide Methoden haben ihre Nachteile. Die europäische ist nur leiser.

    Und trotzdem gibt es Dinge, die uns Europäer ernsthaft nachdenklich stimmen: der Umgang mit Waffen, die Kosten des Gesundheitssystems, die tiefe politische Spaltung, die soziale Ungleichheit und die Frage, wie viel eine Demokratie aushält, wenn ihre Institutionen ständig unter Druck stehen.

    Das sind keine Kleinigkeiten. Und sie lassen sich auch nicht mit einem strahlenden Lächeln und einem «God bless America» wegmoderieren.

    Wir lieben Amerika. Aber müssen wir deshalb alles bewundern?

    Nein.

    Genau darin liegt vielleicht die neue europäische Sicht.

    Wir lieben New York, San Francisco, die Nationalparks, die Musik, die Literatur, die kulturelle Vielfalt und die unzähligen Menschen, die dieses Land so faszinierend machen. Und ja, manchmal sogar die Pancakes mit Ahornsirup.

    Amerika hat die Welt geprägt wie kaum ein anderes Land.

    Aber Bewunderung ist keine lebenslange Mitgliedschaft im Fanclub mit automatischer Verlängerung.

    Man darf ein Land grossartig finden und seine Politik trotzdem kritisieren. Man darf die amerikanische Kultur lieben und die amerikanische Politik hinterfragen. Man darf die Freundschaft schätzen und trotzdem den Kopf schütteln.

    Das nennt man übrigens ein erwachsenes Verhältnis. Gute Freunde sagen einem auch, wenn man Spinat zwischen den Zähnen hat.

    Und was bleibt vom amerikanischen Traum?

    Vielleicht ist der amerikanische Traum nicht verschwunden. Vielleicht wird er gerade neu verhandelt.

    Für manche ist er noch immer die Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär. Für andere die Hoffnung auf Freiheit, Selbstbestimmung und einen Neuanfang.

    Für viele Europäer ist er inzwischen aber auch eine Erinnerung daran, dass wirtschaftliche Macht, militärische Stärke und weltpolitischer Einfluss nicht automatisch bedeuten, dass ein Land gesellschaftlich alles richtig macht.

    Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Amerika muss nicht perfekt sein. Kein Land ist das.

    Aber wer sich selbst ständig als Vorbild der Welt präsentiert, muss damit rechnen, dass die Welt irgendwann genauer hinschaut.

    Und Europa schaut hin.

    Mit einer Tasse Kaffee (normale Grösse), einer ordentlichen Portion Ironie und der leisen Frage:

    Amerika, alles in Ordnung bei euch? Oder sollen wir euch erst einmal einen Moment allein lassen?

    Denn eines ist sicher: Langweilig wird es mit euch nie.

    Und das ist, je nach Nachrichtenlage, entweder ein Kompliment oder eine ernst gemeinte Warnung.

  • Willkommen im Paradies – hier ticken die Uhren anders!

    Willkommen im Paradies – hier ticken die Uhren anders!

    🇬🇷 Griechenland: wo das Chaos Ferien macht und die Vernunft noch auf der Anreise ist 🇬🇷

    Willkommen in Hellas! Im Land, in dem die Sonne 300 Tage im Jahr scheint, die Bürokratie 365 Tage schläft und die Pünktlichkeit etwa so verbreitet ist wie Schnee auf Kreta. Den gibt’s zwar, aber nur ganz oben in den Bergen und nie dort, wo man ihn erwartet.

    Hier ist nichts unmöglich. Es dauert nur etwas länger. Manchmal ein paar Stunden, manchmal ein paar Wochen und gelegentlich bis zur nächsten Wiedergeburt.

    Du brauchst einen Handwerker? Kein Problem! Er kommt bestimmt. Ávrio. Also morgen. Oder irgendwann. Wenn sein Schwager Zeit hat, der Mond richtig steht und die Fischerboote zurück sind.

    Du brauchst ein Dokument? Wunderbar! Dann besorg dir erst einmal sieben Stempel, drei Unterschriften, zwei Kopien und einen Cousin, der jemanden kennt, dessen Schwager beim Amt arbeitet. Und selbst dann ist nicht garantiert, dass du am Ende das richtige Formular in der Hand hältst. Aber du hast neue Freunde gewonnen.

    Der Verkehr? Ein Erlebnis für sich! Verkehrsregeln gelten hier als unverbindliche Leseempfehlung. Der Blinker ist Dekoration, die Hupe ein vollwertiges Kommunikationsmittel mit eigener Grammatik, und ein Parkplatz ist eine Glaubensfrage. Wer mitten auf der Strasse liegen bleiben darf, entscheidet ohnehin der Hund.

    Und die berühmte griechische Gelassenheit? Die ist wirklich beeindruckend. Während du innerlich schon den Nervenzusammenbruch terminierst, sitzt dein Gegenüber seelenruhig beim Frappé und erklärt dir, dass dein Problem eigentlich gar kein Problem ist. Den Rest erledigt das Wörtchen siga-siga.

    Zum Glück gibt es die kulinarische Rettung: Feta, Tsatsiki, Souvlaki, frischer Fisch und Ouzo. Denn wenn schon alles drunter und drüber geht, soll wenigstens das Essen stimmen. Und wenn die Rechnung kommt, brauchst du entweder einen guten Taschenrechner oder einen zweiten Ouzo. Meistens kommt der zweite Ouzo zuerst, aufs Haus.

    Aber jetzt mal ehrlich: Genau das ist Griechenland!

    Ein Land voller Widersprüche, Improvisationskünstler, temperamentvoller Diskussionen und grenzenloser Gastfreundschaft. Hier wohnen Menschen, die selbst aus einer Panne noch ein gemütliches Fest machen.

    Hier wird nicht alles perfekt gemacht. Hier wird alles irgendwie gemacht. Und wenn es nicht funktioniert, diskutiert man erst einmal ausgiebig darüber, warum es eigentlich funktionieren müsste.

    Also: nicht aufregen, nicht verzweifeln und um Himmels willen nicht nach dem System fragen.

    Einfach tief durchatmen, die Bouzouki aufdrehen, das Glas heben und laut rufen:

    OPA! OPA! HELLAS!

    Denn während andere Länder versuchen, das Chaos abzuschaffen, hat Griechenland längst ein Lebensgefühl daraus gemacht.

    Und morgen?

    Morgen ist schliesslich auch noch ein Tag. Übermorgen übrigens auch.

    Jámas, ihr Lieben! 🍷🇬🇷

    P.S.: Wer in Griechenland je etwas beim ersten Versuch erledigt hat, sollte sofort Lotto spielen. Das war kein Glück mehr, das war ein historisches Ereignis, und es gehört eigentlich ins Museum. Gleich neben die Akropolis.

    🎧Zum Reinhören:
    https://suno.com/s/9AjJ6mFFDCou9RZJ

    Liedtext

    Kalimera, liebe Leute!
    Willkommen in Griechenland!
    Hier scheint die Sonne, das Meer ist blau,
    und wenn du etwas erledigen willst …
    Na, dann brauchst du vor allem eins:
    Zeit! Sehr viel Zeit!

    Der Wecker klingelt, halb um acht,
    doch keiner hat sich was draus gemacht.
    Der Kaffee braucht mindestens zwei Stunden,
    sonst hat der Tag noch nicht begonnen.

    Die Post kommt irgendwann im Jahr,
    der Handwerker? Nicht ganz so klar.
    Er sagte gestern: «Bin gleich da!»
    Das war vor drei Monaten – wunderbar.

    OPA! OPA! HELLAS, HELLAS!
    Hier ist alles etwas schneller …
    NEIN, natürlich nicht – was denkst denn du?
    Hier schaut sogar die Zeit nur zu!

    OPA! OPA! Hoch die Gläser!
    Heute sind wir Weltverbesserer!
    Morgen lösen wir das Problem,
    heut muss erst mal der Sirtaki geh’n!

    Der Tourist kommt mit seinem Plan,
    will alles sehen, was man sehen kann.
    Akropolis, Strand und Kloster,
    zehn Minuten später: «Wo ist mein Roller?»

    Er fragt den Wirt: «Was kostet’s denn?»
    Der Wirt sagt freundlich: «Kommt drauf an!»
    Ein bisschen Feta, etwas Wein,
    und schon ist das Ferienbudget ganz klein.

    Der Tourist fragt: «Gibt’s hier WLAN?»
    Der Grieche sagt: «Ja, irgendwann!»
    «Und wann genau?» – «Na, keine Frage,
    vielleicht am Ende dieser Tage!»

    OPA! OPA! HELLAS, HELLAS!
    Hier ist alles etwas schneller …
    NEIN, natürlich nicht – was denkst denn du?
    Hier schaut sogar die Zeit nur zu!

    OPA! OPA! Hoch die Gläser!
    Heute sind wir Weltverbesserer!
    Morgen lösen wir das Problem,
    heut muss erst mal der Sirtaki geh’n!

    Ein Formular, das brauchst du hier,
    am besten fünffach, auf Papier.
    Mit Stempel A und Stempel B,
    dann fehlt noch einer – oh weh, oh weh!

    Der Beamte sagt: «Das geht nicht heut,
    der Kollege ist nicht da, tut mir leid.»
    Der Kollege? Leider nicht im Haus,
    und nächste Woche fällt er auch aus.

    Du brauchst Geduld und einen Plan,
    und einen Cousin, der helfen kann.
    Denn ohne Onkel, Tant’ und Neffen
    wirst du beim Amt nur Wände treffen!

    Die Strasse hat mehr Loch als Teer,
    der Hund schläft mitten im Verkehr.
    Der Roller fährt ganz ohne Helm,
    der Nachbar parkt verkehrt – der Schelm!

    Der Blinker ist ein Fremdwort hier,
    die Hupe spricht dafür mit dir.
    Und wenn du denkst, jetzt kracht es gleich:
    Willkommen im Verkehrsreich!

    Die Taverne ist voll, der Wein ist kalt,
    der Wirt erzählt Geschichten uralt.
    Du bestellst ein kleines Essen zu zweit,
    und plötzlich steht ein Festmahl bereit!

    Feta, Tsatsiki, Ouzo dazu,
    der Gürtel platzt – na und? Nur zu!
    Du sagst: «Ich zahl!» – der Wirt sagt: «Nein!»
    Und schenkt dir noch einen Ouzo ein.

    OPA! OPA! HELLAS, HELLAS!
    Hier ist alles etwas schneller …
    NEIN, natürlich nicht – ist doch egal!
    Wir feiern trotzdem kolossal!

    OPA! OPA! Hoch die Gläser!
    Je später, umso besser!
    Ein bisschen Wahnsinn, viel Charme dabei,
    und morgen ist die Welt wieder einerlei!

    Und wenn dich jemand fragt:
    «Warum funktioniert hier eigentlich nichts?»

    Dann lächle, heb dein Glas und sag:

    «Mein Freund …
    Du hast das Prinzip noch nicht verstanden!»

    OPA! OPA! OPA!
    KALISPERA!
    UND MORGEN IST AUCH NOCH EIN TAG!

  • Klimawandel – jemand hat an der Heizung gedreht, und keiner findet den Ausschalter

    Klimawandel – jemand hat an der Heizung gedreht, und keiner findet den Ausschalter

    Ach, was waren das für Zeiten! Früher gab es vier Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Eine äusserst praktische Einrichtung der Natur, bewährt über Jahrmillionen, ohne Reklamationen. Man wusste ungefähr, wann der Wintermantel aus dem Schrank musste, wann die Gartenmöbel raus durften und wann man sich auf den ersten Schnee freuen konnte.

    Heute ist dieses Konzept offenbar aus der Mode gekommen.

    Der Frühling kommt, wenn er Lust hat. Der Sommer verwandelt sich in einen Grossraum-Backofen mit Umluft. Der Herbst bringt Regenmengen, die man früher nur aus Katastrophenfilmen kannte. Und der Winter tritt nur noch in einer gelegentlichen Gastrolle auf, wie ein ehemaliger Star, der sich ab und zu in einer Talkshow blicken lässt.

    Willkommen im Zeitalter des Klimawandels!

    Unser Planet hat sein Klimaprogramm überarbeitet, ohne die Bewohner zu fragen. Wobei: Wir haben ihn ja auch nicht gefragt, bevor wir anfingen, am Thermostat herumzuschrauben. Einen Kundenservice, bei dem man sich beschweren könnte, gibt es übrigens nicht. Die Warteschleife wäre auch zu heiss.

    Sommer, Sonne, Schweissausbruch

    Der Sommer war früher eine schöne Angelegenheit. Glace, Badesee, laue Abende auf der Terrasse.

    Heute schaut man morgens aufs Thermometer und überlegt, ob man den Tag ohne Hitzeschutzanzug überhaupt übersteht.

    Temperaturen über 35 Grad sind in vielen Regionen längst keine Seltenheit mehr. Hitzewellen machen Menschen, Tieren und der Natur zu schaffen. Städte werden zu riesigen Wärmespeichern, der Asphalt wird zur Grillplatte, und selbst der Schatten reicht irgendwann seine Kündigung ein.

    Man sitzt reglos auf der Terrasse, schwitzt und fragt sich: Mache ich hier gerade Ferien, oder werde ich bei Niedertemperatur langsam gegart?

    Besonders reizvoll ist dabei die menschliche Kreativität. Seit Jahrzehnten warnen Wissenschaftler vor den Folgen der Erderwärmung, und wir diskutieren immer noch munter, ob es denn wirklich so schlimm sein kann.

    «Es war doch früher auch schon mal heiss!»

    Ja, natürlich. Und es gab auch früher schon mal Hochwasser. Und Leute, die sich den Finger an der Herdplatte verbrannt haben. Das ist trotzdem kein Beweis dafür, dass der Herd aus ist.

    Dürre – wenn selbst die Natur keinen Tropfen mehr übrig hat

    Während die einen in Wassermassen versinken, warten andere verzweifelt auf Regen.

    Böden trocknen aus, Flüsse werden zu Rinnsalen, Pflanzen kämpfen ums Überleben, und Bauern blicken immer sorgenvoller auf ihre Felder. Die Natur hat offenbar den Energiesparmodus eingeschaltet. Den Wassersparmodus gleich mit.

    Und wir? Wir sprengen den Rasen, waschen das Auto und ärgern uns, wenn unser Grün nicht mehr aussieht wie auf dem Titelbild eines englischen Gartenmagazins.

    Natürlich darf der Rasen nicht leiden. Er hat uns schliesslich jahrzehntelang treu gedient, ohne je zu widersprechen.

    Vielleicht ist es aber Zeit, unser Bild vom perfekten Sommergarten zu überdenken. Ein brauner Rasen ist kein persönlicher Angriff auf den Besitzer. Er ist nur ehrlich.

    Überschwemmungen – Wasser marsch, aber bitte nicht hier!

    Dann gibt es die andere Seite der Medaille: den Regen.

    Und wenn es regnet, dann gern so, als hätte jemand beschlossen, sämtliche Wasservorräte der Erde innerhalb von 48 Stunden über einem einzigen Dorf auszuleeren.

    Strassen werden zu Flüssen, Keller zu Hallenbädern und Autos zu unfreiwilligen Amphibienfahrzeugen.

    Was sich lustig anhört, ist es nicht. Menschen verlieren ihr Zuhause, ihre Existenz und manchmal ihr Leben. Das ist die bittere Wirklichkeit hinter den spektakulären Wetterbildern, die inzwischen fast schon zum Abendprogramm gehören.

    Und nach jeder Katastrophe beginnt dieselbe Diskussion: Hat das wirklich etwas mit dem Klimawandel zu tun?

    Die Wissenschaft ist da ziemlich eindeutig: Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasserdampf aufnehmen, und dadurch kann Starkregen heftiger ausfallen. Wie stark sich das regional auswirkt, hängt allerdings von vielen weiteren Faktoren ab.

    Vielleicht sollten wir trotzdem aufhören, jedes Ereignis als völlig überraschende Laune der Natur zu betrachten. Überraschend ist inzwischen höchstens noch, dass wir immer noch überrascht tun.

    Waldbrände – die Natur dreht den Flammenwerfer auf

    Und dann wären da noch die Waldbrände.

    Vor allem in Südeuropa gehören sie mittlerweile zum Sommer wie die Zikaden. Lange Trockenheit, grosse Hitze und kräftiger Wind sorgen dafür, dass sich Feuer rasend schnell ausbreiten.

    Wer in Griechenland lebt, weiss: Das ist keine Meldung aus einem fernen Land. 2023 brannte es auf Rhodos und im Evros, und wenige Wochen später stand Thessalien nach dem Sturm «Daniel» unter Wasser. Feuer und Flut im selben Sommer, im selben Land. Wer da noch an Zufall glaubt, glaubt vermutlich auch, dass die Zahnpastatube sich von selbst ausdrückt.

    Wenn Wälder brennen, geht es nicht um ein paar verkohlte Bäume. Es geht um Lebensräume, Tiere, Menschen, Häuser und ganze Existenzen.

    Und während Feuerwehrleute unter Lebensgefahr gegen die Flammen kämpfen, sitzen wir anderswo vor dem Fernseher und überlegen, ob wir die Klimaanlage noch eine Stufe höher drehen sollen.

    Ironie des Schicksals? Vielleicht. Aber eine ziemlich bittere.

    Die Menschheit und ihre ganz besondere Beziehung zur Vernunft

    Was mich am Klimawandel am meisten fasziniert, ist nicht einmal das Tempo, mit dem sich unser Klima verändert. Es ist unser Talent, unangenehme Wahrheiten so lange zu diskutieren, bis wir sie bequem ignorieren können. Darin sind wir Weltmeister. Leider gibt es dafür keine Medaille, nur steigende Temperaturen.

    Wir wissen, dass fossile Brennstoffe die Erde aufheizen. Wir wissen, dass Wälder wichtige CO₂-Speicher sind. Wir wissen, dass unser Konsum, unsere Energieversorgung und unsere Art zu wirtschaften das Klima beeinflussen.

    Und trotzdem lebt die Menschheit gern nach dem Motto: «Nach mir die Sintflut!»

    Angesichts der zunehmenden Überschwemmungen eine ausgesprochen ungeschickte Redewendung.

    Natürlich kann nicht jeder Einzelne die Welt retten. Niemand muss in eine Höhle ziehen, seine Kleider selbst weben und abends bei Kerzenlicht Kräutertee aus Regenwasser trinken.

    Aber ein bisschen mehr Verantwortung dürfte es schon sein.

    Klimaschutz ist kein esoterisches Hobby für Leute mit Jutebeutel und Dinkelbrot. Er ist eine ziemlich vernünftige Investition in die Lebensgrundlagen unserer Kinder und Enkel.

    Und was machen wir jetzt?

    Vielleicht wäre es an der Zeit, den Klimawandel nicht länger zu behandeln wie eine lästige Werbepause, die man einfach wegzappen kann.

    Wir brauchen ernsthaften Klimaschutz, eine vernünftige Energiepolitik, einen sorgsamen Umgang mit unseren Ressourcen und vor allem eine bessere Vorbereitung auf Extremwetter.

    Denn auch wenn wir den Klimawandel nicht mehr ganz aufhalten können, haben wir es durchaus noch in der Hand, wie stark er sich verschärft und wie gut wir mit den Folgen zurechtkommen.

    Und nein, ein paar zusätzliche Sonnenschirme auf der Terrasse werden dafür vermutlich nicht reichen. Auch nicht die ganz grossen.

    Mein persönliches Fazit

    Ich weiss ja nicht, wie es euch geht, aber ich hätte gern wieder vier anständige Jahreszeiten.

    Einen Frühling, der nach Frühling aussieht. Einen Sommer, bei dem man nicht schon beim Zmorge einen Hitzschlag befürchten muss. Einen Herbst mit bunten Blättern statt Sintflut. Und einen Winter, der wenigstens ab und zu daran erinnert, dass es noch andere Temperaturen als 30 Grad gibt.

    Unser Planet ist kein Freizeitpark, in dem wir nach Lust und Laune an den Klimareglern herumspielen können.

    Wir haben nur dieses eine Zuhause. Und im Moment benehmen wir uns gelegentlich wie Hotelgäste, die das Zimmer verwüsten und sich anschliessend an der Rezeption über die schlechte Ausstattung beschweren.

    Die Natur wartet nicht, bis es uns bequem ist.

    Der Klimawandel ist kein Zukunftsproblem mehr. Er steht längst vor der Tür, klingelt Sturm und hat nicht vor, wieder zu gehen.

    Und während wir noch darüber diskutieren, ob es ihn wirklich gibt, dreht unser Planet die Heizung weiter auf.

    Die Rechnung bekommen wir alle.

    Und die wird ziemlich heiss.

  • Schweiz trifft Griechenland – Zwei Welten, eine Frau und jede Menge Nervenkitzel

    Schweiz trifft Griechenland – Zwei Welten, eine Frau und jede Menge Nervenkitzel

    Ich bin Schweizerin. Geboren in einem Land, in dem die Uhren so präzise ticken, dass man den Verdacht hat, selbst die Kühe auf der Weide führten eine Agenda. Mit Farbcodes.

    Ordnung, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Regeln. Die Schweiz eben. Ein Land, in dem man sich entschuldigt, wenn man drei Minuten zu früh kommt. Und in dem ein Zug mit zwei Minuten Verspätung schon eine kleine nationale Sinnkrise auslöst, samt Durchsage und betretenem Schweigen im Abteil.

    Und dann kam Griechenland in mein Leben.

    Meine Wahlheimat. Das Land der Sonne, des Meeres, der herzlichen Menschen und der bewundernswerten Gabe, aus einer simplen Angelegenheit ein mehrtägiges Abenteuer zu machen.

    Man könnte sagen: Ich bin aus einem Land, in dem alles seine Ordnung hat, in ein Land gezogen, in dem die Ordnung gelegentlich noch gesucht wird. Gemeinsam, bei einem Kaffee, und ohne Eile.

    Die Schweiz: Wo sogar die Unordnung ihre Vorschriften hat

    In der Schweiz ist alles geregelt. Wirklich alles.

    Wann der Rasen gemäht werden darf, wann die Waschmaschine laufen darf (siehe Waschküchenplan, Ausgabe 14, gültig ab Montag), wie laut man am Sonntag sein darf und vermutlich auch, wie viele Atemzüge pro Minute in einem Mehrfamilienhaus als sozialverträglich gelten.

    Die Abfalltrennung ist eine eigene Wissenschaft mit Prüfungsstoff. Wer seinen Abfall im falschen Sack entsorgt, braucht sich nicht zu wundern, wenn hinter drei Gardinen gleichzeitig ein Vorhang zuckt.

    Die Schweizer Pünktlichkeit ist ohnehin legendär. Fünf Minuten zu spät? Ein mittelschweres Vergehen. Zehn Minuten? Da wird bereits der Charakter infrage gestellt. Fünfzehn? Man kann gleich wieder umkehren.

    Und wehe, man verpasst den Zug. Der fährt nämlich nicht irgendwann, sondern genau dann, wenn es im Fahrplan steht. Meistens jedenfalls. Und wenn nicht, gibt es eine Entschuldigung in vier Landessprachen.

    Griechenland: Wo die Zeit eine Empfehlung ist

    Und dann Griechenland!

    Hier habe ich gelernt, dass eine Uhr zwar die Zeit anzeigt, aber deswegen noch lange nicht bestimmen darf, wie der Tag verläuft. Die Uhr hat hier eher beratende Funktion.

    Eine Verabredung um 18 Uhr? Wunderbar. Dann trifft man sich eben irgendwann danach. Um 18:20 Uhr, um 18:45 Uhr oder, wenn’s ganz gemütlich wird, kurz vor dem Abendessen. Unterwegs könnte man ja noch eine Nachbarin treffen, einen Kaffee trinken oder etwas Wichtiges besprechen. Zum Beispiel, wer mit wem und warum.

    Und das schönste Wort der griechischen Sprache heisst ávrio: morgen. Wobei «morgen» nicht zwingend den Tag nach heute meint. Eher einen Zeitpunkt in der Zukunft. Irgendwann. Siga-siga.

    Als Schweizerin musste ich mich daran erst gewöhnen. Mein innerer Fahrplan hatte anfangs täglich Betriebsstörungen.

    Inzwischen habe ich verstanden: Wer in Griechenland ständig auf die Uhr schaut, verpasst womöglich das halbe Leben. Und ganz sicher den besten Klatsch.

    Bürokratie: Schweizer Präzision gegen griechische Improvisation

    Jetzt kommen wir zu meinem persönlichen Lieblingsthema. Achtung, Ironie: die Bürokratie.

    Die Schweiz hat Formulare. Griechenland hat auch Formulare. Der kleine Unterschied: In der Schweiz weiss man ziemlich genau, welches Formular man braucht.

    In Griechenland kann es vorkommen, dass man für ein Dokument ein anderes Dokument benötigt, das man erst beantragen kann, wenn man das erste Dokument vorgelegt hat. Kafka hätte hier ein Ferienhaus gekauft und sich vermutlich selber nicht mehr zurechtgefunden.

    Und wenn man glaubt, endlich am Ziel zu sein, fehlt noch ein Stempel. Oder eine Unterschrift. Oder der Beamte, der beides hätte machen können, der aber gerade «kurz weg» ist.

    Manchmal frage ich mich, ob die griechische Bürokratie ein geheimes Trainingsprogramm für Geduld ist. Falls ja, stehe ich inzwischen kurz vor dem schwarzen Gürtel.

    Essen: In der Schweiz eine Mahlzeit, in Griechenland eine Lebensaufgabe

    Beim Essen muss ich allerdings zugeben: Da hat mich Griechenland längst um den Finger gewickelt. Und um die Hüfte.

    In der Schweiz isst man. In Griechenland zelebriert man das Essen.

    Eine Einladung zum Mittagessen bedeutet nicht, dass man etwas isst und danach nach Hause geht. Nein, es ist ein gesellschaftliches Ereignis mit offenem Ende. Wer um eins kommt, sitzt um fünf noch da.

    Es wird aufgetischt, nachgelegt, diskutiert und mit Nachdruck darauf bestanden, dass man noch etwas nimmt. «Fáe, fáe!» – iss, iss!

    «Nein danke, ich bin wirklich satt.»

    Ein Satz, der in Griechenland nicht als Entscheidung gilt, sondern als höfliche Eröffnung von Verhandlungen.

    Und während man in der Schweiz nach dem Essen vielleicht noch einen Kaffee trinkt, wird in Griechenland zu diesem Zeitpunkt gern die zweite Runde aufgetragen.

    Die Nachbarn: Ein kleiner kultureller Unterschied

    In der Schweiz weiss man manchmal nicht einmal, wie die Nachbarin im dritten Stock heisst. Man grüsst freundlich, hält Abstand und respektiert die Privatsphäre. Seit zwölf Jahren.

    In Griechenland weiss die halbe Nachbarschaft, was man gestern gekocht hat, wann man Besuch bekommt und warum man heute nicht zu Hause war. Manchmal weiss sie es sogar vor einem selbst.

    Privatsphäre? Selbstverständlich! Aber ein bisschen Anteilnahme am Leben der anderen wird man ja wohl noch haben dürfen.

    Und wenn man Hilfe braucht, steht meistens jemand bereit. Manchmal sogar, bevor man gefragt hat. Oft mit einem Topf Essen. Siehe oben.

    Warum ich trotzdem – oder gerade deshalb – hier lebe

    Natürlich gibt es Momente, in denen meine Schweizer Seele verzweifelt nach Struktur ruft.

    Wenn ein Termin zum dritten Mal verschoben wird, wenn niemand genau weiss, wer zuständig ist, oder wenn aus einer kleinen Erledigung ein Tagesausflug wird, dann sehne ich mich nach der Schweiz. Nach Ordnung, nach einem klaren Zeitplan und nach einer Behörde, die tatsächlich weiss, was sie tut.

    Aber dann sitze ich wieder auf meiner Terrasse, schaue aufs Meer, geniesse die Sonne und höre irgendwo jemanden lautstark diskutieren, als ginge es um Leben und Tod. Dabei geht es nur um den Preis der Tomaten. Und nebenan wird Kaffee serviert.

    Und schon ist alles wieder gut.

    Denn Griechenland hat etwas, das sich in keiner Vorschrift, keinem Fahrplan und keinem Formular unterbringen lässt: eine ganz besondere Lebensart.

    Hier ist nicht alles perfekt, und nicht alles läuft reibungslos. Manchmal braucht man Nerven aus Stahl. Aber das Leben findet statt: auf der Strasse, in den Tavernen, bei den Nachbarn und am Kaffeetisch.

    Vielleicht ist genau das der Unterschied: In der Schweiz weiss man meistens ganz genau, was als Nächstes passiert. In Griechenland weiss man es nicht immer. Dafür wird es nie langweilig.

    Mein Fazit: Ich komme aus einem Land, in dem die Uhren Schweizer Qualität haben, und lebe jetzt in einem Land, in dem die Zeit ein ausgesprochen entspanntes Verhältnis zu sich selbst pflegt.

    Ich bin Schweizerin geblieben, aber Griechenland hat mich eindeutig verdorben. Im besten Sinne.

    Ich rege mich gelegentlich über die griechische Organisation auf und liebe gleichzeitig die griechische Gelassenheit. Ich wünsche mir manchmal Schweizer Pünktlichkeit und komme inzwischen selber gern fünf Minuten zu spät. Na gut, zehn.

    Kurz gesagt: Meine Schweizer Gene sind noch da. Sie haben nur griechische Gesellschaft bekommen und sitzen jetzt gemeinsam beim Kaffee.

    Und das Beste daran?

    Ich muss mich nicht mehr entscheiden, ob ich lieber ordentlich oder glücklich bin.

    Ich nehme einfach beides. Nur eben nicht immer gleichzeitig.

    Grüezi mitenand und Jássas!

  • COVID-Pandemie – Als die Welt plötzlich den Atem anhielt

    COVID-Pandemie – Als die Welt plötzlich den Atem anhielt

    Ach ja, Corona. Wer erinnert sich nicht? Klopapier wurde zur begehrten Handelsware, Mehl und Hefe schienen zeitweise wertvoller als Gold, und ein Stück Stoff vor Mund und Nase wurde zum Symbol einer ganzen Epoche.

    Von heute auf morgen war nichts mehr wie vorher. Grenzen gingen zu, Läden wurden verriegelt, Veranstaltungen abgesagt, und das gesellschaftliche Leben lief nur noch auf Sparflamme. Der eigene Küchentisch war plötzlich Büro, Kantine und Klassenzimmer in einem. Gelegentlich war er auch der Ort, an dem man ernsthaft überlegte, ob man überhaupt noch eine Hose anziehen musste. Oben Bluse, unten Pyjama: Die Videokonferenz hat’s ja nicht gemerkt.

    Die Welt stand still. Zumindest fühlte es sich so an.

    Was zunächst wie ein schlechter Katastrophenfilm klang, wurde Realität. Ein Virus namens SARS-CoV-2 hielt die Menschheit in Atem, und COVID-19 bestimmte Nachrichten, Politik, Familiengespräche und natürlich die sozialen Medien. Selbst Leute, die sich sonst nicht einmal für den Wetterbericht interessierten, entwickelten eine erstaunliche Leidenschaft für Inzidenzen, R-Werte und Fachbegriffe, die man vorher höchstens beim Scrabble gebraucht hätte.

    Und dann kam die Zeit der Experten. Oder besser gesagt: der selbst ernannten Experten.

    Auf einmal wusste jeder alles. Der Nachbar, der jahrelang nicht wusste, wo seine Krankenkassenkarte lag, erklärte plötzlich das Immunsystem. Im Internet wurden Studien gedeutet, Videos geteilt und Theorien verbreitet, bei denen selbst erfahrene Wissenschaftler erst einmal tief durchatmen mussten. Mit Maske, versteht sich.

    Die Gesellschaft teilte sich in Lager: geimpft, ungeimpft, vorsichtig, sorglos, überzeugt, skeptisch. Aus ganz normalen Gesprächen wurden Grundsatzdebatten. Freundschaften bekamen Risse, Familien stritten, und manche entdeckten eine völlig neue Leidenschaft: anderen ungefragt ihre Weltanschauung zu erklären.

    Natürlich gab es auch die berühmten Regeln. Abstand halten, Hände waschen, Kontakte reduzieren. Später kamen Masken, Testpflichten und Zertifikate dazu. Die Regeln änderten sich so oft, dass man gefühlt ein Studium brauchte, um herauszufinden, was gerade wo erlaubt war. Und bis man es begriffen hatte, galt schon wieder etwas anderes.

    Während draussen die Welt mit Vorschriften beschäftigt war, spielte sich drinnen ein ganz eigenes Drama ab: Homeoffice! Für die einen ein Segen, für die anderen eine mittelschwere Belastungsprobe. Wer Kinder hatte, durfte gleichzeitig arbeiten, unterrichten, kochen, trösten und dabei versuchen, nicht endgültig den Verstand zu verlieren. Der Begriff Work-Life-Balance bekam eine ganz neue Bedeutung: Arbeit und Privatleben waren nicht mehr getrennt. Sie sassen gemeinsam am Küchentisch und gingen sich gehörig auf die Nerven.

    Doch bei aller Ironie darf eines nicht vergessen werden: Die Pandemie war für viele Menschen eine sehr schwere Zeit. Menschen erkrankten, verloren Angehörige, litten unter Einsamkeit oder kämpften mit finanziellen und seelischen Sorgen. Pflegende, Ärztinnen und Ärzte und viele andere arbeiteten unter enormem Druck. Hinter Statistiken und Schlagzeilen standen echte Schicksale.

    Gerade deshalb muss es möglich sein, heute kritisch auf diese Zeit zurückzublicken: auf politische Entscheide, auf die Kommunikation, auf Einschränkungen und auf den Umgang miteinander. Nicht jede Kritik ist automatisch eine Verschwörungstheorie, und nicht jede Entscheidung war grundsätzlich falsch oder grundsätzlich richtig. Wir sollten aus dieser Zeit lernen, statt sie zu verklären oder am liebsten ganz aus dem Gedächtnis zu streichen.

    Denn eines hat Corona ziemlich deutlich gezeigt: Eine Gesellschaft kann in der Krise zusammenhalten, sie kann sich aber auch erstaunlich schnell gegenseitig zerlegen. Solidarität wurde grossgeschrieben, Geduld dagegen eher klein. Und der respektvolle Umgang miteinander schien gelegentlich mit dem letzten Paket Klopapier aus dem Regal verschwunden zu sein.

    Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus dieser aussergewöhnlichen Zeit: Gesundheit ist keine Selbstverständlichkeit, Freiheit keine Nebensache, und Menschlichkeit sollte nicht davon abhängen, ob jemand dieselbe Meinung hat wie wir.

    Corona hat uns verändert. Manche sind vorsichtiger geworden, andere kritischer, und wieder andere sind einfach nur froh, dass sie wieder spontan ins Restaurant können, ohne vorher gefühlt einen Behördengang zu erledigen.

    Etwas sollten wir uns auf jeden Fall bewahren: unseren Humor. Denn wenn wir über diese Jahre nicht einmal mehr schmunzeln können, dann hat uns die Pandemie mehr genommen, als sie ohnehin schon getan hat.

    Corona ist Geschichte – zumindest als Ausnahmezustand. Die Erinnerungen bleiben. Und hoffentlich auch die Fähigkeit, beim nächsten Mal etwas besonnener, menschlicher und weniger hysterisch miteinander umzugehen.

    Denn das Leben ist schon kompliziert genug. Da müssen wir uns nicht auch noch gegenseitig das Atmen schwer machen.

  • «Ewigi Liäbi» – eine Liebeserklärung mit Folgen!

    «Ewigi Liäbi» – eine Liebeserklärung mit Folgen!

    Manche schreiben eine Karte, kaufen Pralinen oder schenken Blumen. Und dann gibt es Padi Bernhard, der 1995 offenbar grössere Geschütze auffahren wollte. Er setzte sich ans Klavier und schrieb seiner damaligen Freundin ein Liebeslied. Und zwar nicht irgendeines, sondern gleich eines für die Ewigkeit!

    Was als ganz privates Liebesgeständnis begann, wurde zu einem der grössten Schweizer Mundart-Hits überhaupt. Mit seiner Band Mash brachte Padi «Ewigi Liebi» unters Volk. Danach war das Lied nicht mehr aufzuhalten: 2007 jodelte der Jodlerklub Wiesenberg es bis in die Hitparade, im selben Jahr wurde ein Musical daraus, das über 720 000 Menschen gesehen haben, und 2026 kam sogar ein Kinofilm. Wer hätte gedacht, dass ein Geschenk einmal zum Schweizer Kulturgut wird?

    Das Lied erinnert uns daran, dass Liebe etwas Wunderbares ist. Sie lässt Herzen höherschlagen und Schmetterlinge tanzen, und manchmal schickt sie den gesunden Menschenverstand kurzerhand in die Ferien. Sie verspricht Ewigkeit, dabei sind wir oft schon froh, wenn wir uns bis zum nächsten Wochenende nicht in die Haare geraten.

    Und seien wir ehrlich: Ewige Liebe heisst nicht, dass immer alles rosarot ist. Sie heisst, gemeinsam durch dick und dünn zu gehen, die kleinen und grossen Macken des anderen zu überleben und sich selbst dann noch zu lieben, wenn einer schnarcht wie ein defekter Traktor oder die Zahnpastatube wieder einmal aussieht wie ein Schlachtfeld.

    Vielleicht ist genau das das Geheimnis dieses Liedes: Es ist nicht einfach eine romantische Melodie, sondern ein Versprechen, das jeder auf seine eigene Weise versteht.

    Padi hat seiner Freundin also ein Lied geschenkt, und wir alle haben seither einen Ohrwurm davon. 😂

    Hut ab, Padi! Andere bringen einen Blumenstrauss nach Hause. Du hast deiner Freundin ein Lied geschenkt und der ganzen Schweiz gleich noch den Soundtrack zur Liebe. Das muss dir erst einmal einer nachmachen!

    Und jetzt alle mitsingen: auf die Liebe, auf die Ewigkeit und auf all jene, die uns auch dann noch lieben, wenn wir definitiv nicht mehr ganz einfach zu haben sind!

    ❤️ Ewigi Liebi – wenn schon für immer, dann bitte mit Herz, Humor und einer gehörigen Portion Schwiizer Charme!

    🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/8ax3HmHUK3I

    Den Liedtext gibt’s hier aus urheberrechtlichen Gründen nicht. Aber den kann die halbe Schweiz ja sowieso auswendig.