
Freunde! Ein wunderschönes Wort. Aber was bedeutet Freundschaft eigentlich? Und vor allem: Wie viele Freunde kann ein Mensch überhaupt haben?
Manche Leute scheinen darin ausgesprochen begabt zu sein. Sie haben Hunderte, ja Tausende von Freunden! Zumindest behaupten sie das. Ein Blick auf Facebook genügt, und schon sieht man 800, 1200 oder gar 3000 Freunde. Facebook lässt übrigens höchstens 5000 zu. Offenbar hat selbst Facebook irgendwann gemerkt, dass es langsam übertrieben wird.
Donnerwetter! Wie machen die das bloss? Haben die einen Tag mit 36 Stunden und zusätzlich eine Nachtschicht? Führen sie ihre Freundschaften im Akkord, mit Stempelkarte und Schichtplan?
Ich gebe zu: Ich habe da so meine Zweifel.
Und die Wissenschaft auch. Der britische Forscher Robin Dunbar hat ausgerechnet, dass unser Gehirn mit etwa 150 Beziehungen schon gut ausgelastet ist. Echte Freunde haben die meisten Menschen etwa zehn bis fünfzehn, und richtig enge Vertraute meistens nur drei bis fünf. Der Rest ist Publikum.
Für mich bedeutet Freundschaft jedenfalls etwas ganz anderes als ein Klick auf «Freund hinzufügen».
Freundschaft ist nämlich keine Sammelleidenschaft!
Wir sammeln ja auch nicht Menschen wie Briefmarken, um sie dann ins Album zu kleben und nie wieder anzuschauen.
Ein echter Freund ist nicht nur da, wenn die Sonne scheint und das Leben rosarot ist. Ein Freund ist auch da, wenn’s mal nicht rund läuft. Wenn man Sorgen hat, jemanden zum Reden braucht oder einfach jemanden, der zuhört, ohne nach drei Minuten aufs Handy zu schielen.
Freundschaft heisst Geben und Nehmen. Nicht im Sinn von Buchhaltung: «Ich habe dich dreimal angerufen, jetzt bist du dran!» Aber auch nicht so, dass immer nur einer fragt, zuhört und sich bemüht, während der andere sich gemütlich zurücklehnt und die Freundschaft behandelt wie ein Abo, das sich automatisch verlängert.
Freundschaft muss gepflegt werden wie ein Garten. Sie braucht Zeit, Interesse, Aufmerksamkeit und manchmal eine Portion Geduld. Man muss sich melden, sich treffen, füreinander da sein und auch mal über den eigenen Schatten springen. Sonst wächst Unkraut. Oder gar nichts mehr.
Und genau hier liegt der Haken bei den angeblich tausend Freunden.
Wie soll das gehen? Wann telefoniert man mit tausend Menschen? Wann hört man ihnen zu? Wann ist man für sie da? Selbst wenn man jeden nur einmal im Jahr eine Stunde anruft, hängt man bei tausend Freunden jeden Tag fast drei Stunden am Telefon. Ferien und Feiertage nicht eingerechnet.
Oder beschränkt sich diese Freundschaft auf ein automatisches «Happy Birthday», ein Daumen-hoch und ein paar Herzchen unter einem Ferienfoto?
Wenn das genügt, dann habe ich offenbar etwas falsch verstanden. Und ehrlich gesagt bin ich froh darüber.
Bekannte sind noch lange keine Freunde!
Ich finde, man darf hier ruhig unterscheiden.
Es gibt Menschen, die man kennt. Mit denen man plaudert, einen Kaffee trinkt, lacht oder sich an einem Fest begegnet. Das sind schöne Begegnungen und ein wertvoller Bekanntenkreis.
Aber nur weil mich jemand kennt, bin ich noch lange nicht seine Freundin. Und nur weil ich jemanden kenne, ist er noch lange nicht mein Freund.
Man kann sich sympathisch sein, sich mögen und trotzdem keine Freundschaft haben. Das ist weder schlimm noch abwertend. Es ist schlicht eine Frage der Nähe.
Nicht jeder, der meine Telefonnummer hat, muss auch meine Sorgen kennen. Und nicht jeder, der mich auf der Strasse herzlich umarmt, würde nachts um drei aus dem Bett steigen, wenn ich ihn wirklich brauche. Manche würden nicht mal das Handy umdrehen.
Etwas überspitzt? Vielleicht. Aber ihr wisst genau, was ich meine.
Weniger ist manchmal tatsächlich mehr!
Vielleicht liegt die Kunst gar nicht darin, möglichst viele Freunde zu haben, sondern die richtigen.
Ein kleiner Kreis von Menschen, auf die man sich verlassen kann, ist mir viel mehr wert als eine endlose Liste von Namen, hinter denen kaum mehr steckt als eine flüchtige Bekanntschaft und ein verschwommenes Profilbild.
Menschen, von denen man wochenlang nichts hört und trotzdem weiss: Wenn es darauf ankommt, sind sie da.
Menschen, mit denen man lachen, streiten, schweigen und auch mal anderer Meinung sein kann, ohne dass gleich alles in die Brüche geht.
Menschen, die sich ehrlich für einen interessieren und nicht nur anklopfen, wenn sie etwas brauchen.
Und ganz wichtig: Freundschaft ist keine Einbahnstrasse! Wer immer nur nimmt und nie etwas zurückgibt, sollte sich mal fragen, ob er nicht gerade eine sehr bequeme Dienstleistung mit Freundschaft verwechselt.
Und dann gibt es noch die Freundschaften auf Abruf.
Menschen, die sich melden, wenn sie etwas brauchen. Die plötzlich unglaublich viel Zeit haben, wenn es um einen Gefallen geht. Die sich wochenlang nicht blicken lassen, aber selbstverständlich erwarten, dass man sofort springt, wenn bei ihnen der Schuh drückt. Oder der Umzug ansteht. Oder der Hund Ferien braucht.
Da darf man sich durchaus fragen: Ist das Freundschaft? Oder betreibe ich hier ehrenamtlich eine kostenlose Service-Hotline für alle Lebenslagen, rund um die Uhr erreichbar, ohne Warteschleife und ohne Dankeschön?
Mein Fazit:
Ich brauche keine tausend Freunde. Ich brauche auch keine meterlange Freundesliste, um mich beliebt oder wichtig zu fühlen.
Lieber wenige, dafür echte Freunde. Und dazu einen grossen, bunten Bekanntenkreis, mit dem man lachen, plaudern, ausgehen und schöne Stunden verbringen kann.
Denn zwischen einem netten Bekannten, einem guten Freund und einem echten Herzensmenschen liegen manchmal Welten. Und ein Herzensmensch ist mehr wert als tausend Herzchen.
Und jetzt bin ich neugierig: Wie haltet ihr es mit der Freundschaft? Habt ihr einen riesigen Freundeskreis, oder zählt ihr eure echten Freunde an einer Hand ab und habt noch Finger übrig?
Und noch eine etwas unbequeme Frage: Wie viele eurer sogenannten Freunde würden wirklich alles stehen und liegen lassen, wenn ihr sie bräuchtet?
Na, schon mal durchgezählt?
Denn eines ist für mich klar: Freundschaft misst man nicht an der Zahl der Namen im Telefonbuch, sondern daran, wer auch dann noch da ist, wenn es gerade nichts zu feiern gibt.
Tausend Freunde kann man haben. Aber nur wenige, die nachts um drei mit einem Topf Suppe vor der Tür stehen.

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