
Ich lese gerne zwischen den Zeilen. Nicht etwa, weil ich besonders tiefgründig bin. Sondern weil es dort einfach geräumiger ist. In den Zeilen drängeln sich die Wörter wie Pendler im Morgenzug. Dazwischen habe ich meine Ruhe, einen Sessel, eine Stehlampe und eine Tasse Tee. Und ab und zu sogar Meerblick.
Dort verstecken sich nämlich die unausgesprochenen Wahrheiten, die kleinen Seitenhiebe, die grossen Geheimnisse und gelegentlich auch Dinge, die der Verfasser besser für sich behalten hätte. Hat er aber nicht. Pech gehabt.
Und mal ehrlich: Was schwarz auf weiss dasteht, kann schliesslich jeder lesen. Dafür braucht es nur eine Brille. Die wahre Kunst besteht darin, das zu entdecken, was NICHT dasteht. Dafür braucht es eine Lupe, eine Prise Misstrauen und viel Lebenserfahrung.
Allerdings muss man aufpassen: Wer zu viel zwischen den Zeilen liest, entdeckt womöglich Dinge, die der Autor gar nicht hineingeschrieben hat. Der arme Mann wollte nur das Wetter beschreiben, und ich habe schon drei Affären, eine Erbschaftsfehde und einen Mord herausgelesen.
Aber was soll’s: Die Fantasie ist grenzenlos, und Miete zahlt man zwischen den Zeilen auch keine.
Ich bleibe also da. Gemütlich ist es. Und falls jemand etwas von mir will: Ich bin nicht zu übersehen. Ich bin nur ein bisschen zwischendrin.

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