Mosaik, Oliven und Frauenfreundschaft – oder: Wie ein Silo zum Star wurde

Warum zieht es einen Menschen Jahr für Jahr nach Ligurien? Wegen der Oliven? Der Sonne? Des Weins? Alles gute Gründe. Aber leider alle falsch.

Es gibt da jemanden, der jeden Herbst die Koffer packt und Richtung Süden düst – so zuverlässig wie die Zugvögel, nur mit mehr Gepäck. Das Ziel: Ligurien. Diese Ecke Italiens, wo schroffe Berge kopfüber ins Meer purzeln, Olivenhaine silbrig in der Sonne blinzeln und die Küche mit drei Zutaten mehr anrichtet als andere mit dreissig.

Natürlich wird dort auch gearbeitet. Wer im Herbst mithilft, die Oliven von den Bäumen zu holen, hat abends Muskelkater an Stellen, von denen er bisher nichts wusste. Dafür wartet am Ende der Lohn: flüssiges Gold in Flaschen, das zu Hause jeden Teller Pasta in ein Ferienerlebnis verwandelt. Bei jedem Tropfen ein bisschen Ligurien. Bei jedem zweiten ein bisschen Heimweh.

Aber Hand aufs Herz: Für ein paar Liter Olivenöl fährt niemand jedes Jahr über die Alpen. Der wahre Grund hat ein großes Herz, zwei geschickte Hände und ist mir seit Langem ans Herz gewachsen.

Zwei Frauen, eine Terrasse und jede Menge Flausen

Eine Freundin hat in Ligurien ihren Lebensmittelpunkt gefunden und betreibt dort eine Olivenfarm. Wer sie besucht, bekommt die schönste Aussicht der Gegend gratis dazu: die Terrasse. Hügel, Olivenbäume, Himmel. Sonst nichts. Hier schaltet sogar die Zeit einen Gang herunter.

Und die Männer? Die dürfen derweil gern ihr eigenes Programm gestalten. Möglichst weit weg, bitte. Denn auf dieser Terrasse wird Frauensache verhandelt: lange Gespräche, herzhaftes Gelächter, Gedankensprünge ohne Landeerlaubnis und Pläne, bei denen am Anfang niemand weiss, wo sie enden. Ein Kaffee hier, ein Gläschen Wein dort – und irgendwann fällt unweigerlich der gefährlichste Satz der Welt:

«Du, was könnten wir eigentlich diesmal anstellen?»

Langeweile hat bei diesen beiden etwa so gute Karten wie ein Eiswürfel im ligurischen August.

Die Natur liefert – die Fantasie legt los

Ligurien ist für kreative Köpfe ein Selbstbedienungsladen. Ein Zweig ist hier nie bloss ein Zweig, ein Kieselstein nie bloss ein Kieselstein. Aus einem harmlosen Spaziergang wird schneller eine Materialexpedition, als man «Mosaiksteinchen» sagen kann – und auf dem Heimweg sind die Taschen verdächtig schwer.

Was gefunden wird, wird gedreht, kombiniert, verworfen, wieder hervorgekramt und am Ende kurzerhand auf den Kopf gestellt. Warum etwas so lassen, wie es ist, wenn es mit einer Prise Fantasie schöner, schräger oder schlicht verrückter geht? Und wenn einmal etwas anders herauskommt als geplant? Dann nennt man es eben «gewollt». Oft ist ja gerade das Ungeplante das Beste daran.

Und dann gibt es da dieses eine Projekt. Das Projekt, bei dem aus Flausen ein Meisterstück wurde.

Ein Silo bekommt sein Festtagskleid

Seien wir ehrlich: Ein Silo ist nicht gerade das Topmodel unter den Bauwerken. Er steht herum, tut seine Pflicht und wird von niemandem eines zweiten Blickes gewürdigt. Grau, rund, praktisch. Gähn.

Bis diese beiden Frauen kamen.

Steinchen für Steinchen, Scherbe für Scherbe haben sie dem Riesen ein Kleid verpasst, das man nicht mehr übersieht. Türkis und Ägäisblau schwappen rundherum, darüber leuchten Sonnen in Gelb, Orange und Feuerrot. Und quer über den ganzen Bauch schlängelt sich ein breites Band aus hellen Kieselsteinen – in Schlaufen und Achtern, als wollte es sagen: Das hier hört nie auf. Dazwischen glitzern silbrige Kreise in der Sonne wie zwinkernde Augen. Gaudí hätte anerkennend genickt. Vermutlich hätte er sogar gefragt, ob er mitmachen darf.

Der Silo ist nicht einfach dekoriert worden. Er wurde verwandelt. Aus dem grauen Mauerblümchen auf seinem Sockel aus Bruchsteinen ist eine Diva geworden, die selbstbewusst Farbe bekennt.

Und zwar nicht zu knapp!

Steinchen für Steinchen zum grossen Ganzen

Wer das fertige Werk bewundert, sieht vor allem die Pracht. Was man nicht sieht: die unzähligen Stunden davor. Jede Scherbe will ausgesucht, zurechtgeklopft, angepasst und an ihren Platz gesetzt werden. Mal passt sie auf Anhieb. Mal erst beim dritten Versuch. Mal nie – dann fliegt sie zurück in den Eimer.

Wie viele Tage haben die beiden wohl auf der Leiter verbracht? Wie viele Wochen? Wie viele Fingerkuppen mussten dran glauben? Man kann es nur ahnen. Sicher ist: Bei so einem Mammutprojekt kommt irgendwann der Moment, in dem man sich fragt, wer um Himmels willen diese Idee hatte. (Die Antwort lautet natürlich immer: die andere.)

Dann hilft nur eins: Kaffee. Oder Wein. Oder beides, mit Blick auf die Hügel. Und danach geht es weiter. Schliesslich wartet schon das nächste Steinchen.

Genau darin liegt der Zauber eines Mosaiks: Lauter kleine, für sich genommen unscheinbare Stücke ergeben zusammen etwas Grosses. Ein bisschen wie bei einer guten Freundschaft. Auch sie besteht aus unzähligen kleinen Momenten – ein Lachen hier, ein Gespräch dort, eine verrückte Idee zwischendurch –, die sich mit den Jahren zu etwas ganz Besonderem zusammenfügen. Nur dass man bei der Freundschaft keinen Fliesenkleber braucht.

Kreativität kennt kein Verfallsdatum

Das Schönste an diesem Silo ist nicht seine Grösse. Es ist die Haltung dahinter: nicht kaufen, sondern machen. Nicht warten, bis jemand anderes es schön macht, sondern selbst Hand anlegen. Das braucht Mut, weil nicht jede Idee auf Anhieb klappt. Es braucht Ausdauer, weil grosse Dinge selten über Nacht entstehen. Und es braucht Freude am Weg, denn wer nur aufs Ergebnis schielt, verpasst das halbe Vergnügen.

Die Werke der beiden müssen nicht perfekt sein. Sie dürfen eigenwillig sein, bunt, ein bisschen frech, und sie müssen nicht jedem gefallen. Hauptsache, man erkennt die Handschrift ihrer Schöpferinnen. Beim Silo ist das kein Problem. Den erkennt man vermutlich sogar aus dem Flugzeug.

Ligurien – jedes Jahr ein bisschen mehr als eine Reise

So gesehen bekommt die alljährliche Fahrt in den Süden eine ganz neue Bedeutung. Klar, die Olivenhaine, die Küche, das flüssige Gold im Kofferraum – alles herrlich. Aber was Ligurien zur Herzensangelegenheit macht, sind die Stunden auf der Terrasse, das Lachen mit der Freundin und dieses Kribbeln, wenn wieder eine Idee in der Luft liegt.

Und was kommt als Nächstes? Vielleicht ein Gartentor, das dringend etwas Farbe braucht. Vielleicht eine Mauer, die schon viel zu lange grau ist. Oder es fällt beim nächsten Plausch auf der Terrasse ein Einfall, bei dem sich zuerst alle fragen: «Und wie bitte sollen wir DAS umsetzen?»

Man sollte sich da besser nicht zu früh festlegen. Die Olivenbäume auf der Farm jedenfalls stehen schon ein wenig nervös da.

Eines ist sicher: In Ligurien werden nicht nur Oliven geerntet. Da wachsen auch Ideen, Freundschaften und Kunstwerke, die man so schnell nicht vergisst.

Und der Silo? Der steht da, bunt und stolz, und tut so, als hätte er es schon immer gewusst: In ihm steckte weit mehr als ein Zweckbau.

Manchmal braucht es eben nur zwei Frauen, eine Terrasse, eine Flasche Wein und eine schier unendliche Menge Mosaiksteinchen, um aus etwas Alltäglichem einen Star zu machen.

Nachgeflüstert

Erlebt, weitergedacht oder frei erfunden – die Mischung bleibt mein Geheimnis. Die Menschen sind echt, die Namen bleiben in der Schublade. Wer sich wiedererkennt: reiner Zufall. Meistens.

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