Kategorie: Wortwerkstatt

  • Ich lese zwischen den Zeilen – da ist mehr Platz.

    Ich lese zwischen den Zeilen – da ist mehr Platz.

    Ich lese gerne zwischen den Zeilen. Nicht etwa, weil ich besonders tiefgründig bin. Sondern weil es dort einfach geräumiger ist. In den Zeilen drängeln sich die Wörter wie Pendler im Morgenzug. Dazwischen habe ich meine Ruhe, einen Sessel, eine Stehlampe und eine Tasse Tee. Und ab und zu sogar Meerblick.

    Dort verstecken sich nämlich die unausgesprochenen Wahrheiten, die kleinen Seitenhiebe, die grossen Geheimnisse und gelegentlich auch Dinge, die der Verfasser besser für sich behalten hätte. Hat er aber nicht. Pech gehabt.

    Und mal ehrlich: Was schwarz auf weiss dasteht, kann schliesslich jeder lesen. Dafür braucht es nur eine Brille. Die wahre Kunst besteht darin, das zu entdecken, was NICHT dasteht. Dafür braucht es eine Lupe, eine Prise Misstrauen und viel Lebenserfahrung.

    Allerdings muss man aufpassen: Wer zu viel zwischen den Zeilen liest, entdeckt womöglich Dinge, die der Autor gar nicht hineingeschrieben hat. Der arme Mann wollte nur das Wetter beschreiben, und ich habe schon drei Affären, eine Erbschaftsfehde und einen Mord herausgelesen.

    Aber was soll’s: Die Fantasie ist grenzenlos, und Miete zahlt man zwischen den Zeilen auch keine.

    Ich bleibe also da. Gemütlich ist es. Und falls jemand etwas von mir will: Ich bin nicht zu übersehen. Ich bin nur ein bisschen zwischendrin.

  • Wer den Kopf in den Sand steckt darf sich nicht wundern, wenn ihm der Hintern rausschaut.

    Wer den Kopf in den Sand steckt darf sich nicht wundern, wenn ihm der Hintern rausschaut.

    Der Vogel Strauss hat einen miserablen Ruf. Dabei steckt er den Kopf gar nicht in den Sand, er schaut nur nach seinen Eiern. Das mit dem Sand haben wir Menschen erfunden. Und perfektioniert.

    Die Methode ist denkbar einfach: Problem taucht auf, Kopf geht runter, Augen zu, fertig. Die Rechnung liegt ungeöffnet auf dem Tisch? Kopf in den Sand. Der Zahnarzt hat zum dritten Mal angerufen? Kopf in den Sand. Die Waage zeigt eine Zahl, die man nicht bestellt hat? Kopf tief in den Sand, am besten gleich bis zu den Schultern. Leider hat die Sache einen Haken: Der Sand ist meistens zu kurz. Oben ist alles schön dunkel und ruhig, aber hinten ragt etwas in die Landschaft, das man lieber nicht ausgestellt hätte. Und das Leben ist kein feiner Gast. Es sieht ein solches Angebot und tritt zu.

    Das Tückische: Die Probleme warten nicht höflich, bis man wieder auftaucht. Sie setzen sich daneben, packen ein Picknick aus und laden Verwandtschaft ein. Aus einer kleinen Rechnung wird eine Mahnung, aus der Mahnung ein Brief mit Stempel, und aus dem Zahnarzt-Termin wird eine Wurzelbehandlung mit Sonderbetreuung.

    Also: Kopf raus, Sand abschütteln, Krone richten. Den Dingen ins Gesicht schauen ist zwar unbequemer, hat aber einen unschlagbaren Vorteil: Man sieht, was kommt. Und man bietet keine Angriffsfläche von hinten.

    Mein Fazit: Sand ist wunderbar, aber bitte nur am Strand, unter den Füssen und mit einem kühlen Getränk in der Hand. Wer den Kopf oben behält, hat den Hintern wenigstens dort, wo er hingehört: sicher auf dem Liegestuhl.

  • Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen

    Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen

    «Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen.» Schöner Spruch. Nur: Was macht man, wenn sie nicht kommen? Ganz einfach: Dann muss man ihnen entgegengehen. Das Leben ist schliesslich kein Lieferservice mit Gratiszustellung und unbegrenzter Geduld. Wer immer nur auf bessere Zeiten wartet, bekommt am Ende höchstens eine Sitzkuhle im Sofa, einen Rücken, der offiziell Beschwerde einreicht, und eine Fernbedienung, die einen inzwischen duzt.

    Also: Schuhe an, Krone richten, losmarschiert! Vielleicht wartet das Glück gar nicht vor der Haustür, sondern drei Strassen weiter: falsch abgebogen, schlecht gelaunt und ohne Navi. Typisch Glück. Kommt zu spät und behauptet hinterher, es habe geklingelt. Wer ihm entgegengeht, kann es wenigstens unterwegs erwischen. Und falls nicht, hat man immerhin Schritte gesammelt und kann behaupten, der Umweg sei Absicht gewesen. Panoramaroute, sozusagen.

    Denn die Dinge kommen nicht alle gleich. Manche kommen von allein. Manche brauchen einen kleinen Schubs, andere einen kräftigen Tritt, und wieder andere eine schriftliche Einladung mit Termin, Wegbeschreibung und reserviertem Parkplatz. Und dann gibt es noch den Handwerker: Den erwartet man am Dienstag, er kommt am Freitag. Oder im nächsten Leben.

    Nur eines sollte man vermeiden: dem Leben entgegenzurennen, ohne vorher zu prüfen, ob es überhaupt das eigene ist. Auch das Pech ist nämlich erstaunlich pünktlich, vor allem, wenn man in die falsche Richtung rennt. Es steht dann schon da, mit offenen Armen und frisch gebrühtem Kaffee.

    Mein Fazit: Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen. Aber man darf ruhig mitbestimmen, wann, wo und in welcher Verpackung. In diesem Sinne: Kommen Sie gut an. Und gehen Sie ruhig schon mal los!

  • Gedanken sind zollfrei, aber manchmal ganz schön schwer zu tragen

    Gedanken sind zollfrei, aber manchmal ganz schön schwer zu tragen

    Gedanken sind zollfrei. Zum Glück! Sonst stünde vor jedem Schlafzimmer ein Zollbeamter mit Stempel und strenger Miene: «Haben Sie etwas anzumelden?» Und wir müssten kleinlaut auspacken: drei Sorgen, fünf Zweifel, eine angebrochene Packung Selbstvorwürfe und diesen einen Satz, den wir vor zwanzig Jahren gesagt haben und seither jede Nacht neu verhandeln. Ohne Ergebnis, versteht sich.

    Zollfrei heisst nämlich noch lange nicht federleicht. Manches Gedankengut wiegt mehr als ein Koffer voll nasser Badetücher, besonders nachts. Der Körper will schlafen, der Kopf beruft eine Krisensitzung ein. Traktandum 1: alte Fehler. Traktandum 2: Katastrophen, die garantiert nie eintreten. Traktandum 3: die Nachricht von Tante Rösli. Warum steht da ein Punkt am Satzende? Ist sie beleidigt? Um drei Uhr früh ist aus dem harmlosen Pünktchen eine ausgewachsene Familienfehde geworden. Tante Rösli schläft übrigens tief und fest.

    Und Platz brauchen die Dinger! Sie drängeln am Gepäckband im Kopf und drehen Runde um Runde. Immer kommt derselbe ramponierte Koffer vorbei, den eigentlich niemand abholen will. Der vernünftige Gedanke wartet höflich hinten in der Schlange. Die Panik dagegen hat sich längst ein Upgrade erschlichen und sitzt in der ersten Klasse, mit Sekt.

    Darum mein Rat aus der Gepäckaufbewahrung: Gedanken dürfen ruhig einreisen. Aber nicht jeder bekommt gleich ein Dauervisum, geschweige denn das Gästezimmer. Die guten dürfen bleiben, die nützlichen helfen beim Tragen. Der Rest landet im Fundbüro, mit dem Zettel: «Seit Jahren nicht abgeholt. Wird entsorgt.»

    Denn wer jeden Gedanken für bare Münze nimmt, merkt irgendwann: Zollfrei sind sie schon. Bezahlt wird trotzdem, in Schlafstunden.

  • Wer nur geradeaus schaut, verpasst manchmal die schönsten Kurven des Lebens. Meine Hüften können das bestätigen.

    Wer nur geradeaus schaut, verpasst manchmal die schönsten Kurven des Lebens. Meine Hüften können das bestätigen.

    Wer immer nur geradeaus schaut, hält das Leben vermutlich für eine schlecht geplante Autobahn: lang, grau und alle hundert Kilometer eine Raststätte mit lauwarmem Kaffee. Kein Wunder, dass dabei die schönsten Kurven verpasst werden. Gemeint sind der spontane Umweg zum See, das Lachen an der falschen Stelle und der Kuss, der eigentlich nicht im Kalender stand. Dazu kommt die Erkenntnis, dass «Das mache ich später» meistens nur die elegante Form von «Ich trau mich nicht» ist.

    Also: Blinker setzen, Erwartungen überholen und ruhig mal ein bisschen die Kontrolle verlieren. (Im übertragenen Sinn, liebe Verkehrspolizei. Wir sind ja nicht verrückt. Nur ein bisschen.) Das Leben ist schliesslich kein Bürostuhl, der brav vor- und zurückrollt. Die beste Strecke führt selten direkt ans Ziel. Dafür führt sie oft zu einer Geschichte, die man noch Jahre später mit einem breiten Grinsen erzählt.

    Und wenn jemand fragt, warum man so spät ankommt, gibt es nur eine Antwort: «Kurvenreich, aber jeden Umweg wert.»

  • Das Leben ist kein Ponyhof – aber manchmal ein echtes Pferdespiel

    Das Leben ist kein Ponyhof – aber manchmal ein echtes Pferdespiel

    Das Leben ist kein Ponyhof. Da liegen keine weichen Strohballen für die Bruchlandung bereit, kein Futtereimer gegen schlechte Laune und schon gar kein Ponydienst, der einen zuverlässig aus jedem Schlamassel zieht. Stattdessen gibt’s Gegenwind, Stolpersteine und ab und zu ein ausgewachsenes Pferd vor die Nase gesetzt. Am liebsten dann, wenn man ohnehin schon alle Hände voll zu tun hat. Oder alle Hufe.

    Manchmal sitzt man hoch zu Ross, hält sich für den König im Sattel und winkt huldvoll dem Fussvolk zu. Bis das Leben einmal kräftig schnaubt, kurz bockt und einen unsanft auf dem Boden der Tatsachen absetzt. Mit Heu im Haar, während die Würde im gestreckten Galopp das Weite sucht.

    Ein anderes Mal setzt man aufs falsche Pferd. Es wiehert so vielversprechend, glänzt so schön im Abendlicht und entpuppt sich doch nur als heisse Luft mit Hufen. Hier in Griechenland weiss man das übrigens seit Troja: Nicht jedes Pferd, das vor der Tür steht, ist ein Geschenk. Manches ist es bloss hohl. Und in manchem steckt etwas, das man lieber nicht hereingelassen hätte.

    Wer glaubt, immer den richtigen Weg zu kennen, landet schneller im Kreisverkehr, als ihm lieb ist, natürlich ohne Ausfahrt und mit Publikum. Wir Schweizer nennen so etwas ein Rösslispiel: Man dreht Runde um Runde, die Orgel dudelt, man winkt fröhlich in die Menge und kommt keinen Zentimeter vom Fleck. Dazwischen wiehert der Amtsschimmel, irgendwer zäumt das Pferd von hinten auf, und mittendrin ruft der eine «Hü!» und der andere «Hott!».

    Trotzdem: Zähne zusammenbeissen, Mähne schütteln, Staub abklopfen und wieder rauf aufs Ross. Das Leben verlangt nicht, dass man immer elegant im Sattel sitzt. Es reicht völlig, wenn man nach dem nächsten Sturz noch genug Würde besitzt, um zu behaupten, das sei genau so geplant gewesen. Dressur für Fortgeschrittene, sozusagen.

    Also: Nicht auf jedes Pferd aufspringen, das freundlich wiehert. Manches trägt dich ins Glück, manches direkt gegen die nächste Wand. Und manches will nur deine Aufmerksamkeit, deine Geduld und am liebsten noch deine Kreditkarte. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul? Doch. Gerade dem.

    Das Leben ist eben kein Ponyhof. Aber manchmal ein echtes Pferdespiel: mit falschen Fährten, wilden Ausritten und der ewigen Frage, wer hier eigentlich wen reitet.