Originalrezept. Ja, natürlich. Und ich war dabei.

Ach, das Originalrezept. Die einzige Auszeichnung der Welt, die man sich selbst verleihen kann – ohne Jury, ohne Urkunde und ohne lästigen Notar, der bestätigt, dass Urgrossmutter 1873 tatsächlich genau so gekocht hat. Mit exakt 237 Gramm Mehl, versteht sich.

Das Rezept fürs Originalrezept geht so: Man nehme ein beliebiges Rezept. Man garniere es mit einer rührenden Familiengeschichte, würze kräftig mit Heimatliebe und streue grosszügig das Wort Tradition darüber. Zehn Minuten ziehen lassen. Fertig ist das Original. Applaus, bitte! (Nachsalzen verboten – das wäre ja schon eine Abwandlung.)

Doch halt: Wer hat eigentlich entschieden, dass ausgerechnet dieses Rezept das Original ist? Wer hat der Köchin damals über die Schulter geschaut? Gab es eine Rezeptpolizei mit Blaulicht und Kochlöffel? Ein internationales Gremium für unverfälschte Hausmannskost, das alle hundert Jahre in Genf tagt? Oder hat einfach irgendwann jemand den Deckel auf den Topf geknallt und verkündet: «So mache ich das. Basta. Original.»

Die Wahrheit ist: Jeder kann sein Rezept zum Original erklären. Klingt ja auch viel besser als «meine persönliche Version» oder «so hab ich’s mal bei der Nachbarin abgeguckt, aber den Zimt vergessen».

Richtig unterhaltsam wird es, wenn gleich mehrere Leute dasselbe Gericht für sich beanspruchen. Ich lebe auf Kreta – ich weiss, wovon ich rede. Fragen Sie drei Yiayiades nach dem richtigen Stifado, und Sie bekommen vier Originalrezepte, zwei beleidigte Blicke und eine Familienfehde, die mindestens bis Ostern hält. Nelken: ja oder nein? Ein Glas Rotwein oder zwei (für den Topf, wohlgemerkt)? Wer Tomatenmark nimmt statt frischer Tomaten, wird zwar nicht verhaftet, aber auch nie wieder zum Namenstag eingeladen. Alle anderen Versionen? Fälschungen! Kulinarische Irrtümer! Ein Anschlag auf die Menschheit im Allgemeinen und auf die Grossmutter im Besonderen!

Dabei waren Rezepte noch nie in Stein gemeisselt – höchstens auf fettfleckige Zettel gekritzelt, die irgendwann im Backofen verschwunden sind. Zutaten wurden ausgetauscht, weil der Laden zu hatte. Mengen verändert, weil plötzlich zwölf Gäste statt vier vor der Tür standen. Was in der einen Familie heiliges Gesetz ist, ist bei der nächsten ein guter Grund, das Nudelholz zu zücken.

Und dann gibt es die Rezepte mit Stammbaum. «Das kochen wir schon seit sieben Generationen so!» Belege? Fehlanzeige. Aber die Geschichte ist fantastisch. Und mit jeder Wiederholung wird sie ein bisschen älter, ein bisschen geheimnisvoller und selbstverständlich noch originaler. Noch zwei Familienfeste, und das Rezept stammt von Zeus persönlich.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt sie, die historischen Rezepte, die belegten Traditionen und die sorgsam überlieferten Handgriffe. Davor ziehe ich meine Schürze. Man sollte nur auseinanderhalten können, was eine nachvollziehbare Geschichte ist – und was eine hübsche Behauptung mit Petersilie obendrauf.

(Und bevor jemand fragt: Ja, in meinem Kochbuch steht auch das eine oder andere «traditionelle» Rezept. Ich habe nachgeschaut. Ehrenwort. Meistens.)

Mein Fazit?

Nennen Sie Ihr Rezept ruhig original. Hängen Sie ein vergilbtes Familienfoto daneben, erzählen Sie von der Urgrossmutter und verleihen Sie dem Ganzen einen Hauch kulinarischer Unsterblichkeit.

Aber erwarten Sie nicht, dass ich deswegen ehrfürchtig in die Knie gehe. Meine Knie sind dafür nicht mehr original genug.

Denn Originalrezept ist zunächst einmal ein Wort. Kein Gütesiegel, kein Echtheitszertifikat und schon gar keine Garantie, dass es besser schmeckt.

Und wer weiss: Vielleicht ist das einzig wahre Originalrezept jenes, dessen Erfinderin längst vergessen hat, wie sie es ursprünglich gemacht hat. Deshalb schmeckt es jedes Mal ein bisschen anders. Und jedes Mal original.

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