Solange mein Herz noch träumt

Ich muss etwas gestehen: Ich bin eine Wiederholungstäterin. Ich träume, und zwar regelmäßig, ausgiebig und ganz ohne Reue. Beim Kaffee, beim Putzen, an der roten Ampel und ganz besonders dann, wenn eigentlich etwas Vernünftiges zu tun wäre.

Träumen ist nämlich mein Notausgang. Man schlüpft kurz hindurch, und schon bleiben die Rechnungen, der tropfende Wasserhahn und die Frage, was es heute zu essen gibt, auf der anderen Seite stehen. Drüben, im Traumland, gibt es keine Termine und keine Müdigkeit, und alles, was in der Wirklichkeit nicht geht, geht dort ohne Weiteres.

Und wohin träumt sich jemand, der unter griechischer Sonne lebt, zwischen Olivenbäumen, Zikaden und 38 Grad im Schatten? Natürlich an die Nordsee! Zu Wind, Weite, grauem Himmel und Möwen, die einem frech das Fischbrötchen klauen. Meine griechischen Nachbarn halten mich deswegen für leicht verrückt. Sie haben vermutlich recht, aber ein bisschen Verrücktheit hält jung.

Das Lied ist an einem dieser Abende entstanden, an denen man auf das eigene Leben zurückschaut und merkt: Ich habe viele Jahre lang getragen, gegeben und funktioniert, und dabei habe ich mich selbst ziemlich oft hinten angestellt. Irgendwann meldete sich dann eine kleine, freche Stimme in mir. Sie klang verdächtig nach dem Mädchen, das ich einmal war, und sie fragte: „Und wann bist eigentlich du dran?“

Also habe ich eine Wunschliste geschrieben. Erst wurde sie lang, dann länger, dann hatte sie Reime, und plötzlich war es ein Lied. Darin steht alles, was ich noch vorhabe: reisen, wann es mir passt; mit Freundinnen beim Kaffee sitzen, bis der Wirt die Stühle hochstellt; ein Konzert, nach dem ich mit leichten Schritten heimgehe, als wäre ich wieder zwanzig (die Knie sehen das manchmal anders, aber die werden nicht gefragt).

Am meisten Spaß hat mir die dritte Strophe gemacht: kein „Du musst“, kein „Du solltest“. Diese Zeilen habe ich so laut gesungen, dass der Nachbar durch das Fenster herüber schaute.

„Solange mein Herz noch träumt“ ist also kein wehmütiges Lied, sondern eine Kampfansage an das „Irgendwann“. Das Leben beginnt nicht später, es beginnt genau jetzt, heute, mit Sonne im Gesicht und Wind in den Haaren. Notfalls ist es eben griechischer Wind, bis ich an der Nordsee bin.

Und falls mich jemand fragt, ob meine Träume noch wahr werden: Ein paar davon sind gerade schon dabei.

🎧 Zum Reinhören: https://suno.com/s/KK6UofrMw04IaieY

Liedtext

Ich hab so viele Jahre gegeben, hab getragen, gehofft und geschafft, war für einen Menschen da, hab an mich selbst nur selten gedacht Die Zeit ist leiser geworden, und manches ging viel zu schnell, nun frag ich mich manchmal am Abend: Wie viel bleibt mir von dieser Welt?

Denn irgendwo tief in mir drinnen ist noch das Kind erwacht, das von fernen Ländern träumt und von Tagen voller Licht und Lachen.

Wird das noch wahr, wird das noch wahr, was ich mir so lange versprochen hab? Ein Stück vom Himmel, ein bisschen Glück, ein Leben, das ich selber in der Hand hab. Ich will noch reisen, den Norden sehen, die Nordsee, die Weite, den Wind spüren. Will neue Wege, neue Wunder und einfach meinem Herzen folgen und sie berühren. Wird das noch wahr? Ich hoffe so sehr, es wird noch wahr.

Ich möchte wieder öfter hinausgehen, mit Freunden bei Kaffee zusammensitzen, stundenlang reden, lachen, erzählen, ohne auf die Uhr zu schauen und zu hetzen. Vielleicht ein Konzert an einem Abend, Musik, die mich mitten ins Herz trifft, und heimwärts gehen mit leichten Schritten, weil man für ein paar Stunden wieder jung ist.

Ich hab gelernt, dass das Leben nicht irgendwann später beginnt. Vielleicht ist gerade jetzt die Zeit, in der mein eigenes Leben beginnt.

Wird das noch wahr, wird das noch wahr, was ich mir so lange versprochen hab? Ein Stück vom Himmel, ein bisschen Glück, ein Leben, das ich selber in der Hand hab. Ich will noch reisen, den Norden sehen, die Nordsee, die Weite, den Wind spüren. Will neue Wege, neue Wunder und einfach meinem Herzen folgen und sie berühren. Wird das noch wahr? Ich hoffe so sehr, es wird noch wahr.

Ich weiß nicht, wie viele Morgen mir noch geschenkt werden vom Leben. Ich weiß nicht, wie lange mein Körper mir noch die Freiheit wird geben. Doch solange meine Füße mich tragen, solange mein Herz noch träumt, will ich nicht mehr auf morgen warten, wenn heute die Sonne scheint.

Ich möchte tun, wonach mir gerade ist, mal bleiben, mal einfach losfahren. Kein „Du musst“, kein „Du solltest“, kein Leben nach fremden Plänen. Ich will die Tage nicht zählen, ich will sie noch einmal erleben, will nehmen, was mir das Leben schenkt, und meinem eigenen Gefühl vertrauen.

Wird das noch wahr, wird das noch wahr? Ich glaube, mein Traum ist noch nicht vorbei. Vielleicht wartet dort oben im Norden noch ein Morgen ganz allein für mich. Mit Wind in den Haaren und Weite vor Augen, mit Sonne auf meinem Gesicht. Ich hab so lange für andere gelebt – jetzt vergess ich mich selber nicht.

Wird das noch wahr, wird das noch wahr? Vielleicht ist die Antwort ganz nah. Solange ich träume, solange ich fühle, solange mein Herz noch „Ja“ sagen kann, werd ich noch reisen, noch lachen, noch leben, noch einmal ganz frei sein – so wie ich mag. Und wenn mich jemand fragt, was ich mir wünsche, dann sag ich nur: Ich will noch leben. Ich will noch sehen. Ich will noch lieben. Und ich will noch gehen. Wird das noch wahr? Ja – vielleicht wird es jetzt erst wahr.

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