Autor: Textstübli à la carte

  • Wer nur geradeaus schaut, verpasst manchmal die schönsten Kurven des Lebens. Meine Hüften können das bestätigen.

    Wer nur geradeaus schaut, verpasst manchmal die schönsten Kurven des Lebens. Meine Hüften können das bestätigen.

    Wer immer nur geradeaus schaut, hält das Leben vermutlich für eine schlecht geplante Autobahn: lang, grau und alle hundert Kilometer eine Raststätte mit lauwarmem Kaffee. Kein Wunder, dass dabei die schönsten Kurven verpasst werden. Gemeint sind der spontane Umweg zum See, das Lachen an der falschen Stelle und der Kuss, der eigentlich nicht im Kalender stand. Dazu kommt die Erkenntnis, dass «Das mache ich später» meistens nur die elegante Form von «Ich trau mich nicht» ist.

    Also: Blinker setzen, Erwartungen überholen und ruhig mal ein bisschen die Kontrolle verlieren. (Im übertragenen Sinn, liebe Verkehrspolizei. Wir sind ja nicht verrückt. Nur ein bisschen.) Das Leben ist schliesslich kein Bürostuhl, der brav vor- und zurückrollt. Die beste Strecke führt selten direkt ans Ziel. Dafür führt sie oft zu einer Geschichte, die man noch Jahre später mit einem breiten Grinsen erzählt.

    Und wenn jemand fragt, warum man so spät ankommt, gibt es nur eine Antwort: «Kurvenreich, aber jeden Umweg wert.»

  • Das Leben ist kein Ponyhof – aber manchmal ein echtes Pferdespiel

    Das Leben ist kein Ponyhof – aber manchmal ein echtes Pferdespiel

    Das Leben ist kein Ponyhof. Da liegen keine weichen Strohballen für die Bruchlandung bereit, kein Futtereimer gegen schlechte Laune und schon gar kein Ponydienst, der einen zuverlässig aus jedem Schlamassel zieht. Stattdessen gibt’s Gegenwind, Stolpersteine und ab und zu ein ausgewachsenes Pferd vor die Nase gesetzt. Am liebsten dann, wenn man ohnehin schon alle Hände voll zu tun hat. Oder alle Hufe.

    Manchmal sitzt man hoch zu Ross, hält sich für den König im Sattel und winkt huldvoll dem Fussvolk zu. Bis das Leben einmal kräftig schnaubt, kurz bockt und einen unsanft auf dem Boden der Tatsachen absetzt. Mit Heu im Haar, während die Würde im gestreckten Galopp das Weite sucht.

    Ein anderes Mal setzt man aufs falsche Pferd. Es wiehert so vielversprechend, glänzt so schön im Abendlicht und entpuppt sich doch nur als heisse Luft mit Hufen. Hier in Griechenland weiss man das übrigens seit Troja: Nicht jedes Pferd, das vor der Tür steht, ist ein Geschenk. Manches ist es bloss hohl. Und in manchem steckt etwas, das man lieber nicht hereingelassen hätte.

    Wer glaubt, immer den richtigen Weg zu kennen, landet schneller im Kreisverkehr, als ihm lieb ist, natürlich ohne Ausfahrt und mit Publikum. Wir Schweizer nennen so etwas ein Rösslispiel: Man dreht Runde um Runde, die Orgel dudelt, man winkt fröhlich in die Menge und kommt keinen Zentimeter vom Fleck. Dazwischen wiehert der Amtsschimmel, irgendwer zäumt das Pferd von hinten auf, und mittendrin ruft der eine «Hü!» und der andere «Hott!».

    Trotzdem: Zähne zusammenbeissen, Mähne schütteln, Staub abklopfen und wieder rauf aufs Ross. Das Leben verlangt nicht, dass man immer elegant im Sattel sitzt. Es reicht völlig, wenn man nach dem nächsten Sturz noch genug Würde besitzt, um zu behaupten, das sei genau so geplant gewesen. Dressur für Fortgeschrittene, sozusagen.

    Also: Nicht auf jedes Pferd aufspringen, das freundlich wiehert. Manches trägt dich ins Glück, manches direkt gegen die nächste Wand. Und manches will nur deine Aufmerksamkeit, deine Geduld und am liebsten noch deine Kreditkarte. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul? Doch. Gerade dem.

    Das Leben ist eben kein Ponyhof. Aber manchmal ein echtes Pferdespiel: mit falschen Fährten, wilden Ausritten und der ewigen Frage, wer hier eigentlich wen reitet.

  • Ein verborgenes Talent wird sichtbar

    Ein verborgenes Talent wird sichtbar

    Ein verborgenes Talent wird sichtbar

    Unsere grosse Enkeltochter hat sich für einen Beruf entschieden, der Kopf, Herz und ruhige Hände verlangt: Sie lernt Spital- und Operationsschwester. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die ihr viel Freude macht und in der sie mit ganzem Einsatz für andere da ist.

    Die ruhigen Hände können allerdings noch mehr. Legt sie nach Feierabend den Kittel ab, greift sie zum Bleistift, und das schon seit ihrer Kindheit. Früh hat sie entdeckt, wie viel Welt auf ein Blatt Papier passt: was sie sieht, was sie empfindet und was nur in ihrer Fantasie herumspaziert. Am liebsten zeichnet sie mit Bleistift, gelegentlich dürfen auch die Buntstifte mitspielen.

    Ihre Motive sind so vielseitig wie überraschend: ausdrucksstarke Gesichter, abstrakte und manchmal wunderbar verrückte Gestalten, originelle Comicfiguren zum Schmunzeln und Rätseln. Und knuddelige Tiere, lustig, liebenswert und manchmal herrlich tollpatschig. Jedes Bild erzählt seine eigene kleine Geschichte und lässt genug Platz, damit man sich die Fortsetzung selber ausdenken kann.

    Eine Zeichnung liegt uns besonders am Herzen: Kürzlich hat sie ihren Opa zusammen mit ihrem Papi als Kind verewigt, mit Bleistift und viel Liebe. Eine Erinnerung auf Papier, die uns sehr berührt.

    Im Laufe der Jahre ist so eine beachtliche Sammlung kleiner und grosser Kunstwerke entstanden. Sie zeugt von Fantasie, Beobachtungsgabe, Humor und einer Kreativität, die uns immer wieder staunen lässt. Wir bewundern ihre Begabung und sind sehr stolz auf sie. Grosseltern dürfen das, sogar öffentlich.

    Eine kleine Auswahl aus dieser Sammlung zeige ich euch heute. Schaut hinein, lasst euch überraschen und staunt mit uns!

    Ένα κρυφό ταλέντο βγαίνει στο φως

    Η μεγάλη μας εγγονή διάλεξε ένα επάγγελμα που θέλει μυαλό, καρδιά και σταθερά χέρια: εκπαιδεύεται για να γίνει νοσηλεύτρια νοσοκομείου και χειρουργείου. Μια απαιτητική αποστολή, που της δίνει μεγάλη χαρά και στην οποία δίνεται ολόψυχα στους άλλους.

    Τα σταθερά αυτά χέρια, όμως, ξέρουν κι άλλα κόλπα. Μόλις βγάλει τη στολή μετά τη βάρδια, πιάνει το μολύβι, και αυτό το κάνει από μικρό παιδί. Από νωρίς ανακάλυψε πόσος κόσμος χωράει σε ένα φύλλο χαρτί: όσα βλέπει, όσα νιώθει και όσα κάνουν βόλτες μόνο στη φαντασία της. Πιο πολύ αγαπά το μολύβι, πού και πού όμως μπαίνουν στο παιχνίδι και οι ξυλομπογιές.

    Τα θέματά της είναι ποικίλα και πάντα γεμάτα εκπλήξεις: εκφραστικά πρόσωπα, αφηρημένες και καμιά φορά υπέροχα τρελές μορφές, πρωτότυπες φιγούρες κόμικ που σε κάνουν να χαμογελάς και να αναρωτιέσαι. Και χαδιάρικα ζωάκια, αστεία, αξιαγάπητα και μερικές φορές απολαυστικά αδέξια. Κάθε ζωγραφιά λέει τη δική της μικρή ιστορία και αφήνει αρκετό χώρο για να φανταστεί ο καθένας τη συνέχεια.

    Ένα σχέδιο το έχουμε ιδιαίτερα στην καρδιά μας: πρόσφατα ζωγράφισε τον παππού της μαζί με τον μπαμπά της όταν εκείνος ήταν παιδί, με μολύβι και πολλή αγάπη. Μια ανάμνηση πάνω στο χαρτί, που μας συγκινεί βαθιά.

    Με τα χρόνια μαζεύτηκε έτσι μια αξιόλογη συλλογή από μικρά και μεγάλα έργα τέχνης. Δείχνει φαντασία, παρατηρητικότητα, χιούμορ και μια δημιουργικότητα που δεν παύει να μας εκπλήσσει. Θαυμάζουμε το ταλέντο της και είμαστε πολύ περήφανοι για εκείνη. Οι παππούδες και οι γιαγιάδες το δικαιούνται, ακόμα και δημόσια.

    Μια μικρή επιλογή από αυτή τη συλλογή σας δείχνω σήμερα. Ρίξτε μια ματιά, αφήστε τον εαυτό σας να εκπλαγεί και θαυμάστε μαζί μας!

  • Geschützt: Willkommen am Stammtisch!

    Geschützt: Willkommen am Stammtisch!

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  • Mosaik, Oliven und Frauenfreundschaft – oder: Wie ein Silo zum Star wurde

    Mosaik, Oliven und Frauenfreundschaft – oder: Wie ein Silo zum Star wurde

    Warum zieht es einen Menschen Jahr für Jahr nach Ligurien? Wegen der Oliven? Der Sonne? Des Weins? Alles gute Gründe. Aber leider alle falsch.

    Es gibt da jemanden, der jeden Herbst die Koffer packt und Richtung Süden düst – so zuverlässig wie die Zugvögel, nur mit mehr Gepäck. Das Ziel: Ligurien. Diese Ecke Italiens, wo schroffe Berge kopfüber ins Meer purzeln, Olivenhaine silbrig in der Sonne blinzeln und die Küche mit drei Zutaten mehr anrichtet als andere mit dreissig.

    Natürlich wird dort auch gearbeitet. Wer im Herbst mithilft, die Oliven von den Bäumen zu holen, hat abends Muskelkater an Stellen, von denen er bisher nichts wusste. Dafür wartet am Ende der Lohn: flüssiges Gold in Flaschen, das zu Hause jeden Teller Pasta in ein Ferienerlebnis verwandelt. Bei jedem Tropfen ein bisschen Ligurien. Bei jedem zweiten ein bisschen Heimweh.

    Aber Hand aufs Herz: Für ein paar Liter Olivenöl fährt niemand jedes Jahr über die Alpen. Der wahre Grund hat ein großes Herz, zwei geschickte Hände und ist mir seit Langem ans Herz gewachsen.

    Zwei Frauen, eine Terrasse und jede Menge Flausen

    Eine Freundin hat in Ligurien ihren Lebensmittelpunkt gefunden und betreibt dort eine Olivenfarm. Wer sie besucht, bekommt die schönste Aussicht der Gegend gratis dazu: die Terrasse. Hügel, Olivenbäume, Himmel. Sonst nichts. Hier schaltet sogar die Zeit einen Gang herunter.

    Und die Männer? Die dürfen derweil gern ihr eigenes Programm gestalten. Möglichst weit weg, bitte. Denn auf dieser Terrasse wird Frauensache verhandelt: lange Gespräche, herzhaftes Gelächter, Gedankensprünge ohne Landeerlaubnis und Pläne, bei denen am Anfang niemand weiss, wo sie enden. Ein Kaffee hier, ein Gläschen Wein dort – und irgendwann fällt unweigerlich der gefährlichste Satz der Welt:

    «Du, was könnten wir eigentlich diesmal anstellen?»

    Langeweile hat bei diesen beiden etwa so gute Karten wie ein Eiswürfel im ligurischen August.

    Die Natur liefert – die Fantasie legt los

    Ligurien ist für kreative Köpfe ein Selbstbedienungsladen. Ein Zweig ist hier nie bloss ein Zweig, ein Kieselstein nie bloss ein Kieselstein. Aus einem harmlosen Spaziergang wird schneller eine Materialexpedition, als man «Mosaiksteinchen» sagen kann – und auf dem Heimweg sind die Taschen verdächtig schwer.

    Was gefunden wird, wird gedreht, kombiniert, verworfen, wieder hervorgekramt und am Ende kurzerhand auf den Kopf gestellt. Warum etwas so lassen, wie es ist, wenn es mit einer Prise Fantasie schöner, schräger oder schlicht verrückter geht? Und wenn einmal etwas anders herauskommt als geplant? Dann nennt man es eben «gewollt». Oft ist ja gerade das Ungeplante das Beste daran.

    Und dann gibt es da dieses eine Projekt. Das Projekt, bei dem aus Flausen ein Meisterstück wurde.

    Ein Silo bekommt sein Festtagskleid

    Seien wir ehrlich: Ein Silo ist nicht gerade das Topmodel unter den Bauwerken. Er steht herum, tut seine Pflicht und wird von niemandem eines zweiten Blickes gewürdigt. Grau, rund, praktisch. Gähn.

    Bis diese beiden Frauen kamen.

    Steinchen für Steinchen, Scherbe für Scherbe haben sie dem Riesen ein Kleid verpasst, das man nicht mehr übersieht. Türkis und Ägäisblau schwappen rundherum, darüber leuchten Sonnen in Gelb, Orange und Feuerrot. Und quer über den ganzen Bauch schlängelt sich ein breites Band aus hellen Kieselsteinen – in Schlaufen und Achtern, als wollte es sagen: Das hier hört nie auf. Dazwischen glitzern silbrige Kreise in der Sonne wie zwinkernde Augen. Gaudí hätte anerkennend genickt. Vermutlich hätte er sogar gefragt, ob er mitmachen darf.

    Der Silo ist nicht einfach dekoriert worden. Er wurde verwandelt. Aus dem grauen Mauerblümchen auf seinem Sockel aus Bruchsteinen ist eine Diva geworden, die selbstbewusst Farbe bekennt.

    Und zwar nicht zu knapp!

    Steinchen für Steinchen zum grossen Ganzen

    Wer das fertige Werk bewundert, sieht vor allem die Pracht. Was man nicht sieht: die unzähligen Stunden davor. Jede Scherbe will ausgesucht, zurechtgeklopft, angepasst und an ihren Platz gesetzt werden. Mal passt sie auf Anhieb. Mal erst beim dritten Versuch. Mal nie – dann fliegt sie zurück in den Eimer.

    Wie viele Tage haben die beiden wohl auf der Leiter verbracht? Wie viele Wochen? Wie viele Fingerkuppen mussten dran glauben? Man kann es nur ahnen. Sicher ist: Bei so einem Mammutprojekt kommt irgendwann der Moment, in dem man sich fragt, wer um Himmels willen diese Idee hatte. (Die Antwort lautet natürlich immer: die andere.)

    Dann hilft nur eins: Kaffee. Oder Wein. Oder beides, mit Blick auf die Hügel. Und danach geht es weiter. Schliesslich wartet schon das nächste Steinchen.

    Genau darin liegt der Zauber eines Mosaiks: Lauter kleine, für sich genommen unscheinbare Stücke ergeben zusammen etwas Grosses. Ein bisschen wie bei einer guten Freundschaft. Auch sie besteht aus unzähligen kleinen Momenten – ein Lachen hier, ein Gespräch dort, eine verrückte Idee zwischendurch –, die sich mit den Jahren zu etwas ganz Besonderem zusammenfügen. Nur dass man bei der Freundschaft keinen Fliesenkleber braucht.

    Kreativität kennt kein Verfallsdatum

    Das Schönste an diesem Silo ist nicht seine Grösse. Es ist die Haltung dahinter: nicht kaufen, sondern machen. Nicht warten, bis jemand anderes es schön macht, sondern selbst Hand anlegen. Das braucht Mut, weil nicht jede Idee auf Anhieb klappt. Es braucht Ausdauer, weil grosse Dinge selten über Nacht entstehen. Und es braucht Freude am Weg, denn wer nur aufs Ergebnis schielt, verpasst das halbe Vergnügen.

    Die Werke der beiden müssen nicht perfekt sein. Sie dürfen eigenwillig sein, bunt, ein bisschen frech, und sie müssen nicht jedem gefallen. Hauptsache, man erkennt die Handschrift ihrer Schöpferinnen. Beim Silo ist das kein Problem. Den erkennt man vermutlich sogar aus dem Flugzeug.

    Ligurien – jedes Jahr ein bisschen mehr als eine Reise

    So gesehen bekommt die alljährliche Fahrt in den Süden eine ganz neue Bedeutung. Klar, die Olivenhaine, die Küche, das flüssige Gold im Kofferraum – alles herrlich. Aber was Ligurien zur Herzensangelegenheit macht, sind die Stunden auf der Terrasse, das Lachen mit der Freundin und dieses Kribbeln, wenn wieder eine Idee in der Luft liegt.

    Und was kommt als Nächstes? Vielleicht ein Gartentor, das dringend etwas Farbe braucht. Vielleicht eine Mauer, die schon viel zu lange grau ist. Oder es fällt beim nächsten Plausch auf der Terrasse ein Einfall, bei dem sich zuerst alle fragen: «Und wie bitte sollen wir DAS umsetzen?»

    Man sollte sich da besser nicht zu früh festlegen. Die Olivenbäume auf der Farm jedenfalls stehen schon ein wenig nervös da.

    Eines ist sicher: In Ligurien werden nicht nur Oliven geerntet. Da wachsen auch Ideen, Freundschaften und Kunstwerke, die man so schnell nicht vergisst.

    Und der Silo? Der steht da, bunt und stolz, und tut so, als hätte er es schon immer gewusst: In ihm steckte weit mehr als ein Zweckbau.

    Manchmal braucht es eben nur zwei Frauen, eine Terrasse, eine Flasche Wein und eine schier unendliche Menge Mosaiksteinchen, um aus etwas Alltäglichem einen Star zu machen.

    Nachgeflüstert

    Erlebt, weitergedacht oder frei erfunden – die Mischung bleibt mein Geheimnis. Die Menschen sind echt, die Namen bleiben in der Schublade. Wer sich wiedererkennt: reiner Zufall. Meistens.

  • Nadelgeklapper mit Familientradition

    Nadelgeklapper mit Familientradition

    Andere Familien vererben Silberbesteck, eine Pendule oder das Ferienhäuschen im Tessin. Wir vererben Stricknadeln. Dazu die felsenfeste Überzeugung, dass man aus einem Stoffrest, zwei Knöpfen und einem freien Nachmittag so ziemlich alles zaubern kann. Ausser vielleicht Ordnung im Nähkorb. Die ist bei uns ein Gerücht.

    Mutters Strickschule

    Schuld an allem ist unsere Mutter. Sie hat uns schon sehr früh in Sachen Kreativität gefördert, und zwar mit Methode und eiserner Hand im Samthandschuh. Im Winter, wenn es draussen schon am späten Nachmittag dunkel wurde, durften wir nach getaner Schularbeit in Bastel- und Handarbeitskurse. Ja, richtig gelesen: durften. Bei uns war das kein Nachsitzen, sondern ein Privileg. Erst das Einmaleins, dann die Masche. Wer seine Rechnungen nicht fertig hatte, blieb maschenlos. Härtere Strafen kannten wir nicht.

    Besonders am Herzen lagen ihr die Handarbeiten, und ihre Königsdisziplin war ganz klar das Stricken. Wo Mutter sass, da klapperte es. Socken, Mützen, Pullover, alles wuchs ihr Reihe um Reihe aus den Händen, während sie nebenbei noch ihren Liebesroman verschlang, die Suppe kochte und uns ermahnte, die Ellbogen vom Tisch zu nehmen. Multitasking, bevor es das Wort überhaupt gab.

    Kein Wunder also, dass meine Schwestern und ich heute mit Stricknadeln jonglieren wie andere mit Tennisbällen. Und auch mit Näh- und Sticknadel sind wir alles andere als ungeschickt. Wir haben sozusagen Wolle im Blut. Und gelegentlich eine Stecknadel im Daumen.

    Geniessen oder erdulden

    Unsere Kinder durften unsere Kunstwerke geniessen. Oder eben auch nicht. Wer bei uns aufwuchs, war bestens eingepackt, ob er wollte oder nicht. Socken in allen Farben, bevorzugt in jenen, die im Laden übrig geblieben waren. Handschuhe, bei denen der Daumen manchmal ein wenig eigenwillig in die Gegend zeigte. Schals, so lang, dass man sie zweimal um den Hals und einmal um den Schulranzen wickeln konnte, und der Rest schleifte immer noch im Schnee. Erfrieren war in unserer Familie schlicht keine Option.

    Und wer je einen kratzigen Wollpullover in Senfgelb tragen musste, weil Mami ihn «extra für dich» gestrickt hat, weiss genau, wovon ich rede. Diese Kinder haben tapfer gelächelt, sich heimlich gekratzt und sind trotzdem prächtig gross geworden. Ein Hoch auf sie! Abgehärtet sind sie jedenfalls.

    Meine Schwester, die Ein-Frau-Manufaktur

    Und dann ist da eine meiner Schwestern. Sie tobt sich seit Jahren in den unterschiedlichsten Gebieten aus, mal schön der Reihe nach, mal alles gleichzeitig. Langeweile hat bei ihr keine Chance. Die wurde schon vor langer Zeit vor die Tür gesetzt und hat seither Hausverbot.

    Ihr aktuelles Lieblingsfach: Nähen. Ihre Enkelkinder werden beliefert wie ein gut sortierter Kinderladen, nur ohne Kasse und mit garantiertem Umtauschverbot: Puppenkleider, Knuddeltiere, Schultaschen und, und, und. Und weil Abwechslung bekanntlich die Würze des Lebens ist, wird zwischendurch auch mal eine Decke gequiltet, eine lustige Kopfbedeckung genäht oder ein Fasnachtskostüm zusammengezaubert. In ihrer «Werkstatt» ist immer etwas los. Die Nähmaschine kennt keinen Feierabend, und die Stoffvorräte vermehren sich, so munkelt man, über Nacht von selbst. Wie Kaninchen, nur bunter.

    Als ob das nicht schon genug wäre …

    … nein, Modellieren kann sie auch! Und zwar so, dass man sich fragt, ob ihr Tag heimlich 36 Stunden hat.

    Das Ganze funktioniert ein bisschen wie Guetzli backen, nur dass man das Ergebnis besser nicht isst. Zuerst wird die Modelliermasse mit viel Liebe und kräftigen Händen geknetet, bis sie weich und geschmeidig ist. Dann wird gerollt, gedreht, gemustert, geschichtet, Farben werden gemischt und Kügelchen geformt, mal rund, mal eckig, mal in Formen, für die es noch gar keinen Namen gibt. Wie in der Weihnachtsbäckerei liegen am Ende Dutzende kleiner Kunstwerke fein säuberlich aufgereiht auf dem Blech. Ab in den Ofen damit!

    Und jetzt kommt der schwierigste Teil: warten. Nach dem Backen müssen die Stücke erst einmal abkühlen. Ungeduldige Finger, die zu früh zugreifen, lernen schnell, dass Kunst auch heiss sein kann. Erst wenn alles erkaltet ist, beginnt die Feinarbeit: Die einzelnen Teile werden aufgefädelt, kombiniert, wieder auseinandergenommen, neu zusammengesetzt und noch einmal umgestellt, bis jede Kette, jeder Ohrring und jeder Anhänger genau so aussieht, wie es sich die Meisterin vorgestellt hat.

    Das Ergebnis: Schmuck in allen Farben des Regenbogens und noch ein paar mehr. Jedes Stück ein Unikat, jedes ein Blickfang. Dazu Dekorationen für Kerzenständer und Geschenke noch und noch. Wer sie besucht, geht selten mit leeren Händen nach Hause, eher mit vollem Hals.

    Zu den Glücklichen gehöre auch ich: Ich besitze schon lange etliche ihrer Halsketten, für jeden Anlass ein anderes Schmuckstück. Ob Geburtstag, Apéro oder Gang zum Bäcker, ich bin immer passend dekoriert. Mein Schmuckkästchen platzt aus allen Nähten. Und das ist in einer Familie von Näherinnen ja fast schon ein Kompliment.

    Schaut hin!

    Hier ein paar Bilder ihrer Kreationen. Schaut genau hin, sie werden euch gefallen. Und falls ihr danach Lust bekommt, selbst zur Nadel oder zur Knetmasse zu greifen: Nur zu! Meine Mutter wäre stolz auf euch. Und ein Pflaster für den Daumen liegt bestimmt irgendwo im Nähkorb. Irgendwo.

    Nachgeflüstert

    Erlebt, weitergedacht oder frei erfunden – die Mischung bleibt mein Geheimnis. Die Menschen sind echt, die Namen bleiben in der Schublade. Wer sich wiedererkennt: reiner Zufall. Meistens.

  • Wecker auf Rädern – der Weckruf, der die Flucht ergreift

    Wecker auf Rädern – der Weckruf, der die Flucht ergreift

    Aufstehen war gestern. Heute musst du deinen Wecker erst einmal einfangen.

    Kennst du das? Der Wecker klingelt, du bist wach, zumindest technisch gesehen. Die Augen sind offen, das Hirn ist eingeschaltet, nur der Rest bleibt in der Waagrechten und verhandelt. Für genau diese Sorte Mensch hat jemand den Wecker auf Rädern erfunden. Er bimmelt nicht brav auf dem Nachttisch vor sich hin. Sobald der Alarm losgeht, springt er herunter, gibt Gas und haut ab. Mal verkriecht er sich unter dem Bett, gleich neben der Socke, die seit März vermisst wird. Mal dreht er eine Ehrenrunde durchs Zimmer, als hätte er eben die Tour de France gewonnen. Hauptsache, du musst hinterher.

    Ausschalten lässt sich das kleine Biest nämlich erst, wenn du aufstehst und es höchstpersönlich erwischst. Damit ist der gemütliche Snooze-Marathon offiziell abgesagt. Manche Modelle erkennen sogar Hindernisse und ändern ihre Fluchtroute. Dein Bett ist also kein sicherer Hafen mehr, und der Pantoffel, den du ihm verschlafen hinterherwirfst, trifft garantiert daneben. Einen echten Sportpreis gewinnst du dabei nicht, aber ein paar zerknitterte Schritte kommen auf jeden Fall zusammen. Für manche ist das schon mehr Bewegung als am ganzen restlichen Tag.

    Für wen ist das gedacht?

    Für alle, die drei Wecker, fünf Handy-Erinnerungen und die feierliche Drohung «Ich stehe jetzt wirklich auf!» brauchen und trotzdem erst mittags ansprechbar sind. Für notorische Snoozer, gestandene Morgenmuffel und alle, die «nur noch fünf Minuten» für eine offizielle Zeiteinheit halten. Und für jene, die ihren Liebsten morgens einen kleinen Schrecken mit Klingelton schenken möchten.

    Der Wecker auf Rädern sagt nicht «Guten Morgen».
    Er sagt: «Fang mich doch, du Schlafmütze!»

    Schluss mit Snooze. Die Jagd ist eröffnet.