
Dieses Lied kennt wirklich jeder. Es erklingt an Hochzeiten, Beerdigungen, in Kirchen, Stadien und Castingshows. Was die wenigsten wissen: Geschrieben hat es ein Mann, der beruflich so ziemlich das Gegenteil von “amazing” war.
Ein Rüpel in Seenot
John Newton, Jahrgang 1725, war englischer Seemann, Raubein, Lästermaul und Sklavenhändler. 1748 gerät sein Schiff vor Irland in einen fürchterlichen Sturm. Newton, der mit Gott bis dahin nichts am Hut hatte, betet um sein Leben. Das Schiff hält, er überlebt, und in ihm beginnt etwas zu arbeiten.
Ein Heiliger über Nacht wurde er allerdings nicht. Er blieb noch jahrelang im Sklavenhandel. Erst später wurde er Pfarrer im englischen Städtchen Olney, und dort schrieb er den Text für seine Neujahrspredigt am 1. Januar 1773. Gedruckt wurde er 1779. Im Alter kämpfte Newton dann öffentlich gegen den Sklavenhandel. 1807, in seinem Todesjahr, wurde dieser in Grossbritannien verboten.
Die Melodie kam mit Verspätung
Wie bei vielen Welthits war der Anfang unspektakulär: Jahrzehntelang wurde der Text zu allen möglichen Melodien gesungen. Erst 1835 verheiratete ihn der Amerikaner William Walker mit der Weise “New Britain”. Seither sind die beiden unzertrennlich. Newton hat sein Lied so also nie gehört.
Von Gospel bis Dudelsack
In den USA wurde das Lied zur Hymne der schwarzen Kirchen und später der Bürgerrechtsbewegung. Dann ging es Schlag auf Schlag:
- Mahalia Jackson machte es zum Gospel-Klassiker.
- Judy Collins landete 1970 ganz ohne Instrumente einen Hit.
- Die Royal Scots Dragoon Guards stürmten 1972 mit Dudelsäcken die Hitparade.
- Aretha Franklin nahm es 1972 live in einer Kirche auf, Gänsehaut inklusive.
- Elvis Presley, Johnny Cash, Joan Baez und Whitney Houston haben es ebenfalls gesungen.
Und 2015 stimmte Barack Obama es bei einer Trauerfeier in Charleston an, ganz allein und ohne Begleitung. Die ganze Halle sang mit.
Und auf Deutsch?
Im Kirchengesangbuch steht das Lied als “O Gnade Gottes, wunderbar”. Die Melodie hat es aber auch in den Schlager geschafft, dort mit ganz weltlichen Texten.
Und was will es uns nun sagen?
“Amazing Grace” heisst “erstaunliche Gnade”. Gnade ist das, was man bekommt, obwohl man es nicht verdient hat. Newton wusste genau, wovon er sang: Er nennt sich im Lied selbst einen elenden Kerl, der verloren war und gefunden wurde, blind war und nun sieht.
Die Botschaft funktioniert auch ohne Kirchenbank: Niemand ist ein hoffnungsloser Fall. Man kann sich ändern, auch spät, auch nach grossen Fehlern. Das Lied ist die musikalische zweite Chance.
Darum passt es an die Hochzeit genauso wie an die Beerdigung. Und wer beim Dudelsack keine feuchten Augen bekommt, hat vermutlich gerade Zwiebeln geschnitten und merkt es nur nicht.
🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/AEgG63MCa0I
Liedtext
Amazing grace! How sweet the sound
That saved a wretch like me!
I once was lost, but now am found,
Was blind, but now I see.
’Twas grace that taught my heart to fear,
And grace my fears relieved;
How precious did that grace appear
The hour I first believed!
Through many dangers, toils and snares
I have already come;
’Tis grace has brought me safe thus far,
And grace will lead me home.
The Lord has promised good to me,
His word my hope secures;
He will my shield and portion be
As long as life endures.
Yes, when this flesh and heart shall fail,
And mortal life shall cease,
I shall possess, within the veil,
A life of joy and peace.
The earth shall soon dissolve like snow,
The sun forbear to shine;
But God, who called me here below,
Will be forever mine.
Heute wird meist noch diese Strophe angehängt. Sie stammt nicht von Newton, sondern kam im 19. Jahrhundert in den USA dazu:
When we’ve been there ten thousand years,
Bright shining as the sun,
We’ve no less days to sing God’s praise
Than when we first begun.

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