Kategorie: Klänge aus aller Welt

  • «Ewigi Liäbi» – eine Liebeserklärung mit Folgen!

    «Ewigi Liäbi» – eine Liebeserklärung mit Folgen!

    Manche schreiben eine Karte, kaufen Pralinen oder schenken Blumen. Und dann gibt es Padi Bernhard, der 1995 offenbar grössere Geschütze auffahren wollte. Er setzte sich ans Klavier und schrieb seiner damaligen Freundin ein Liebeslied. Und zwar nicht irgendeines, sondern gleich eines für die Ewigkeit!

    Was als ganz privates Liebesgeständnis begann, wurde zu einem der grössten Schweizer Mundart-Hits überhaupt. Mit seiner Band Mash brachte Padi «Ewigi Liebi» unters Volk. Danach war das Lied nicht mehr aufzuhalten: 2007 jodelte der Jodlerklub Wiesenberg es bis in die Hitparade, im selben Jahr wurde ein Musical daraus, das über 720 000 Menschen gesehen haben, und 2026 kam sogar ein Kinofilm. Wer hätte gedacht, dass ein Geschenk einmal zum Schweizer Kulturgut wird?

    Das Lied erinnert uns daran, dass Liebe etwas Wunderbares ist. Sie lässt Herzen höherschlagen und Schmetterlinge tanzen, und manchmal schickt sie den gesunden Menschenverstand kurzerhand in die Ferien. Sie verspricht Ewigkeit, dabei sind wir oft schon froh, wenn wir uns bis zum nächsten Wochenende nicht in die Haare geraten.

    Und seien wir ehrlich: Ewige Liebe heisst nicht, dass immer alles rosarot ist. Sie heisst, gemeinsam durch dick und dünn zu gehen, die kleinen und grossen Macken des anderen zu überleben und sich selbst dann noch zu lieben, wenn einer schnarcht wie ein defekter Traktor oder die Zahnpastatube wieder einmal aussieht wie ein Schlachtfeld.

    Vielleicht ist genau das das Geheimnis dieses Liedes: Es ist nicht einfach eine romantische Melodie, sondern ein Versprechen, das jeder auf seine eigene Weise versteht.

    Padi hat seiner Freundin also ein Lied geschenkt, und wir alle haben seither einen Ohrwurm davon. 😂

    Hut ab, Padi! Andere bringen einen Blumenstrauss nach Hause. Du hast deiner Freundin ein Lied geschenkt und der ganzen Schweiz gleich noch den Soundtrack zur Liebe. Das muss dir erst einmal einer nachmachen!

    Und jetzt alle mitsingen: auf die Liebe, auf die Ewigkeit und auf all jene, die uns auch dann noch lieben, wenn wir definitiv nicht mehr ganz einfach zu haben sind!

    ❤️ Ewigi Liebi – wenn schon für immer, dann bitte mit Herz, Humor und einer gehörigen Portion Schwiizer Charme!

    🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/8ax3HmHUK3I

    Den Liedtext gibt’s hier aus urheberrechtlichen Gründen nicht. Aber den kann die halbe Schweiz ja sowieso auswendig.

  • Egal was andere sagen oder „No matter what“

    Egal was andere sagen oder „No matter what“

    Manche Lieder hört man einfach gern. Andere schleichen sich leise ins Herz, machen es sich dort gemütlich und ziehen nie wieder aus.

    «Egal was andere sagen» von Eloy de Jong gehört eindeutig zur zweiten Sorte. Die Melodie ist wunderschön, keine Frage. Gepackt haben mich aber vor allem der Text und seine Botschaft.

    Was viele nicht wissen: Hinter dem Lied steckt eine sehr persönliche Geschichte. Eloy widmete es Stephen Gately, seinem früheren Partner, mit dem er um die Jahrtausendwende zusammen war. Stephen war Sänger der irischen Band Boyzone und starb 2009 viel zu jung. Beide mussten damals am eigenen Leib erfahren, wie schwer es sein kann, zu seiner Liebe zu stehen, wenn Klatschblätter und Besserwisser meinen, darüber urteilen zu dürfen.

    Genau deshalb trifft mich dieses Lied so: Liebe braucht keine Erlaubnis. Gefühle brauchen keinen Beglaubigungsstempel. Und das eigene Glück gehört nicht in die Hände von Leuten, die ohnehin zu allem eine Meinung haben. Meistens ungefragt.

    Ich mag übrigens beide Fassungen. Da ist das englische Original «No Matter What», geschrieben von Andrew Lloyd Webber und Jim Steinman für das Musical «Whistle Down the Wind», mit dem Boyzone 1998 die Hitparaden stürmte. Und da ist Eloys deutsche Version. Auf Deutsch geht mir der Text aber noch eine Spur direkter unter die Haut. Heimvorteil, sozusagen.

    Und jetzt mal ganz frech gesagt: Wir haben nur dieses eine Leben. Keine Generalprobe, keine Wiederholung, kein Umtauschrecht. Also lieber mit Herz, Gefühl und einer ordentlichen Portion Selbstbewusstsein hindurchtanzen, statt ständig nachzurechnen, wem das gerade passen könnte.

    Wer mit meinem Leben nicht einverstanden ist, darf sich gerne ein eigenes suchen!
    (Es soll noch welche geben. Allerdings ohne Meerblick.)

    Denn am Ende zählt nicht, was andere sagen, sondern was sich für uns richtig und echt anfühlt. Also: Kopfhörer auf, Lautstärke rauf, und weiter geht’s!

    🎧 Zum Reinhören:
    https://youtu.be/3VUIL1fE7Pw
    https://youtu.be/7eul_Vt6SZY


    Aus urheberrechtlichen Gründen kann der Liedtext nicht wiedergegeben werden.

  • Sweet Caroline: drei Minuten Glück zum Mitgrölen

    Sweet Caroline: drei Minuten Glück zum Mitgrölen

    Es gibt Lieder, die hört man. Und es gibt Lieder, die brüllt man, Arm in Arm mit wildfremden Menschen und einem Becher in der Hand. “Sweet Caroline” gehört eindeutig zur zweiten Sorte.

    Eine Stunde im Hotelzimmer

    1969 sitzt der amerikanische Sänger Neil Diamond in einem Hotelzimmer in Memphis. Am nächsten Tag hat er einen Studiotermin, aber ihm fehlt noch ein Lied. Also schreibt er eines, nach eigener Aussage in etwa einer Stunde. Im Sommer 1969 klettert es in den USA auf Platz 4 der Hitparade. Nicht schlecht für eine Hausaufgabe auf den letzten Drücker.

    Wer ist eigentlich Caroline?

    Jahrzehntelang schwieg Diamond dazu. 2007 lüftete er das Geheimnis: Ein Zeitschriftenfoto der kleinen Caroline Kennedy, Tochter des Präsidenten, habe ihn inspiriert. Er sang es ihr sogar zum 50. Geburtstag vor.

    Ein paar Jahre später folgte Version zwei: Eigentlich sei das Lied für seine damalige Frau Marcia gewesen. Nur passte “Marcia” nicht in die Melodie, da musste ein Name mit drei Silben her. Romantik trifft Reimnot.

    Von Elvis bis Après-Ski

    Gesungen haben es viele:

    • Elvis Presley nahm es 1970 in sein Live-Programm auf.
    • Frank Sinatra gönnte ihm 1974 eine Big-Band-Fassung.
    • DJ Ötzi machte es 2009 zum Dauerbrenner in Skihütten und Festzelten.

    Das berühmteste “So good! So good! So good!” steht übrigens gar nicht im Original. Das Publikum hat es einfach dazuerfunden, genauso wie das Bläser-Mitsingen im Refrain. Selten hat ein Lied so viele Co-Autoren gehabt.

    Die heimliche Stadionhymne

    Richtig unsterblich wurde der Song im Sport. Bei den Boston Red Sox wird er seit über zwanzig Jahren bei jedem Heimspiel gesungen. Nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon 2013 kam Neil Diamond persönlich ins Stadion und sang ihn live, ein Moment, der die ganze Stadt tröstete.

    Auch Englands Fussballfans haben das Lied adoptiert. Im Sommer 2021 sang nach dem EM-Sieg gegen Deutschland das ganze Wembley-Stadion mit. Dazu kommen Darts, Boxen, Oktoberfest und so ziemlich jede Hochzeit ab Mitternacht.

    Und was will es uns nun sagen?

    Der Text erzählt eine einfache Geschichte: Da war jemand einsam, dann kam die Liebe, ganz unverhofft, und plötzlich fühlt sich alles gut an. Hände berühren sich, die Nacht ist nicht mehr leer, und die guten Zeiten waren noch nie so gut.

    Mehr ist es nicht, und genau das ist das Geheimnis. Keine komplizierte Botschaft, sondern pure Lebensfreude. Das Lied sagt: Zusammen ist es schöner. Und weil das im Stadion genauso stimmt wie im Festzelt, singen alle mit.

    Also: Arme hoch, Nachbarn unterhaken und beim Refrain alles geben. Falsch singen ist bei diesem Lied ausdrücklich erlaubt.

    🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/4F_RCWVoL4s

    Aus urheberrechtlichen Gründen kann der Liedtext nicht wiedergegeben werden.

  • Va, pensiero – Sehnsucht, Freiheit und ganz grosses Gefühl

    Va, pensiero – Sehnsucht, Freiheit und ganz grosses Gefühl

    Mit «Va, pensiero», dem berühmten Gefangenenchor aus Giuseppe Verdis Oper «Nabucco», erklingt eines der bewegendsten Werke der Opernliteratur. Die gefangenen Hebräer im babylonischen Exil sehnen sich nach ihrer verlorenen Heimat, nach Freiheit und nach einer Zeit, in der ihr Leben noch unbeschwert war. Ihre Gedanken sollen davonfliegen – «auf goldenen Flügeln» – und dorthin zurückkehren, wo sie einst zu Hause waren.

    Dass es diesen Chor überhaupt gibt, grenzt an ein kleines Wunder. Ende der 1830er-Jahre verlor der junge Verdi innerhalb von nur zwei Jahren seine beiden Kinder und seine Frau. Dazu fiel seine nächste Oper beim Publikum gnadenlos durch. Verdi wollte nie wieder komponieren. Doch Bartolomeo Merelli, der Direktor der Mailänder Scala, drückte ihm ein neues Libretto von Temistocle Solera in die Hand. Verdi erzählte später, das Heft sei ihm zu Hause auf den Tisch gefallen und genau bei den Worten «Va, pensiero, sull’ali dorate» aufgeklappt. Er las sie, und die Musik liess ihn nicht mehr los. Als Vorlage hatte Solera den Psalm 137 gewählt: «An den Wassern zu Babel sassen wir und weinten …»

    Am 9. März 1842 wurde «Nabucco» an der Scala uraufgeführt. Die Oper wurde ein Triumph und für Verdi der grosse Durchbruch. Der Gefangenenchor wuchs den Italienern schnell ans Herz. Als Verdi 1901 starb, sollen die Menschen in den Strassen Mailands «Va, pensiero» angestimmt haben, als der Trauerzug vorbeizog. Mehr als einmal wurde sogar vorgeschlagen, den Chor zur Nationalhymne Italiens zu machen.

    Verdi verbindet in diesem Chor eine schlichte, weit ausschwingende Melodie mit einer tiefen emotionalen Kraft. Zunächst klingt die Musik beinahe zart und nachdenklich, doch nach und nach wächst sie zu einem eindrucksvollen Klangbild voller Weite, Hoffnung und innerer Stärke. Genau diese Mischung macht «Va, pensiero» so einzigartig: Das Stück ist melancholisch, aber niemals kraftlos – im Gegenteil. In jedem Ton steckt der Wunsch, sich aus der Enge zu lösen und wieder frei atmen zu können.

    Bis heute berührt der Gefangenenchor Menschen auf der ganzen Welt. Seine Botschaft ist zeitlos: Heimat kann verloren gehen, Freiheit kann bedroht sein – doch die Hoffnung lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Ein Werk voller Sehnsucht und Gänsehaut – kurz gesagt: Oper, die mitten ins Herz trifft und noch lange nachklingt.

    🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/aiSSz0snWzA

    Liedtext

    Va, pensiero, sull’ali dorate;
    va, ti posa sui clivi, sui colli,
    ove olezzano tepide e molli
    l’aure dolci del suolo natal!

    Del Giordano le rive saluta,
    di Sionne le torri atterrate…
    Oh, mia patria sì bella e perduta!
    Oh, membranza sì cara e fatal!

    Arpa d’or dei fatidici vati,
    perché muta dal salice pendi?
    Le memorie nel petto raccendi,
    ci favella del tempo che fu!

    O simile di Solima ai fati
    traggi un suono di crudo lamento,
    o t’ispiri il Signore un concento
    che ne infonda al patire virtù!

  • Sarà perché ti amo: Italiens ansteckendster Ohrwurm

    Sarà perché ti amo: Italiens ansteckendster Ohrwurm

    Drei Töne genügen, und schon wippt der Fuss, die Sonne scheint und irgendwo riecht es nach Espresso. Dieses Lied ist wie ein Kurzurlaub in Italien, nur ohne Stau am Gotthard.

    Reich an Ideen, arm an Geld

    Gesungen wird es von Ricchi e Poveri, auf Deutsch “Reiche und Arme”. Die Gruppe wurde 1967 in Genua gegründet. Den Namen bekam sie, weil die vier reich an Talent, aber arm im Portemonnaie waren. Das mit dem Portemonnaie sollte sich bald ändern.

    Drama vor dem grossen Auftritt

    1981 tritt die Gruppe mit “Sarà perché ti amo” am Festival von Sanremo an. Geschrieben haben das Lied Dario Farina, Daniele Pace und der Sänger Pupo. Doch kurz vor dem Auftritt kracht es gewaltig: Sängerin Marina Occhiena verlässt die Gruppe, begleitet von einem handfesten Skandal, über den ganz Italien tuschelt. Aus dem Quartett wird über Nacht ein Trio.

    Gewonnen haben sie das Festival nicht, es reichte nur für Platz fünf. Aber wer erinnert sich heute noch an den Sieger? Eben. “Sarà perché ti amo” wurde die meistverkaufte Single des Jahres in Italien und eroberte danach halb Europa, von der Schweiz über Frankreich bis Spanien.

    Vom Festival auf die Fantribüne

    Das Lied hat seither ein erstaunliches Eigenleben entwickelt:

    • Ricchi e Poveri sangen es selbst auch auf Spanisch, als “Será porque te amo”.
    • Die mexikanische Sängerin Thalía machte daraus 2008 einen Latin-Pop-Hit.
    • Die Fans der AC Milan dichteten es zum Stadiongesang um, und viele andere Fankurven in Europa zogen nach.

    Dazu kommt jede Italo-Party, jede Hochzeit mit italienischer Verwandtschaft und jede Pizzeria mit Selbstachtung. 2020 stand die Gruppe sogar noch einmal zu viert auf der Bühne von Sanremo, Versöhnung nach fast vierzig Jahren inklusive.

    Und was will es uns nun sagen?

    Der Titel heisst “Es wird wohl daran liegen, dass ich dich liebe”. Im Lied gerät alles durcheinander: Das Herz rast, der Kopf dreht sich, die Welt scheint verrückt zu spielen, und draussen ist Frühling. Die Erklärung für das ganze Chaos? Ganz einfach: Liebe.

    Und falls die Welt tatsächlich aus den Fugen gerät, hat das Lied eine wunderbar italienische Lösung parat: Dann rücken wir eben ein Stück zur Seite. Bloss kein Stress.

    Die Botschaft: Wer verliebt ist, dem kann der Rest der Welt gestohlen bleiben. Tiefgründig ist das nicht, aber es macht drei Minuten lang rundum glücklich, und das schaffen wenige Philosophen.

    Also: Lautstärke aufdrehen, mitsingen und beim Refrain die Hände in die Luft. Italienischkenntnisse sind dafür nicht nötig, Begeisterung reicht.


    🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/Nn1IeHL5DHY


    Aus urheberrechtlichen Gründen kann der Liedtext nicht wiedergegeben werden.


  • Que sera, sera: die fröhlichste Schulterzuck-Hymne der Welt

    Que sera, sera: die fröhlichste Schulterzuck-Hymne der Welt

    Was bringt die Zukunft? Werde ich reich, schön, glücklich? Die ehrlichste Antwort der Musikgeschichte lautet: Keine Ahnung. Und sie kommt als Walzer daher.

    Ein Hit wider Willen

    1956 dreht Alfred Hitchcock den Thriller “Der Mann, der zuviel wusste”. Die Hauptrolle spielt Doris Day, und das Filmstudio besteht darauf: Wenn schon eine Sängerin mitspielt, dann soll sie gefälligst auch singen. Hitchcock ist mässig begeistert und bestellt beim Songschreiber-Duo Jay Livingston und Ray Evans eben ein Lied.

    Doris Day mochte es anfangs auch nicht. Sie hielt es für ein Kinderliedchen, sang es im Studio in einem einzigen Durchgang ein und glaubte, damit sei die Sache erledigt. Weit gefehlt: Das Lied gewann den Oscar, stürmte die Hitparaden und klebte fortan an ihr wie Kaugummi am Schuh. Es wurde ihr Markenzeichen, und später sogar die Titelmelodie ihrer eigenen Fernsehshow.

    Spanisch? Italienisch? Weder noch!

    Die Idee zum Titel kam Livingston im Kino. In einem Film entdeckte er den Wahlspruch einer italienischen Adelsfamilie: “Che sarà sarà”. Die beiden Autoren machten daraus kurzerhand etwas Spanisches.

    Der Haken: Korrekt ist der Satz in keiner der beiden Sprachen. Kein Spanier und kein Italiener würde das so sagen. Es ist eine Art Fantasie-Fremdsprache, die in England schon seit Jahrhunderten als Wappenspruch herumgeisterte. Der Welt war das herzlich egal, sie sang trotzdem mit.

    Von Hollywood ins Fussballstadion

    Im Film ist das Lied übrigens nicht bloss Dekoration. Doris Day schmettert es durch eine Botschaft, damit ihr entführter Sohn sie hört. Ein Schlager als Rettungsaktion, das muss man erst einmal hinkriegen.

    Danach ging das Lied auf Weltreise:

    • Die Schweizerin Lys Assia sang 1956 die deutsche Fassung “Was kann schöner sein”.
    • Mary Hopkin nahm es 1969 auf, produziert von Paul McCartney.
    • Sly and the Family Stone verwandelten es 1973 in eine Soul-Nummer.
    • Englische Fussballfans singen es bis heute auf dem Weg ins Pokalfinale, mit eigenem Text und Ziel Wembley.

    Und was will es uns nun sagen?

    Das Lied erzählt ein ganzes Leben in drei Strophen. Erst fragt das kleine Mädchen die Mutter, was aus ihm wird. Dann fragt die junge Frau ihren Liebsten, was vor ihnen liegt. Und schliesslich stellen ihr die eigenen Kinder dieselbe Frage. Die Antwort bleibt immer gleich: Was sein wird, wird sein. Die Zukunft kann niemand sehen.

    Das klingt nach Schicksalsergebenheit, ist aber eher Gelassenheit mit Schwung. Das Lied sagt nicht “Tu nichts”, sondern “Mach dich nicht verrückt”. Man kann planen, hoffen und grübeln, so viel man will, das Leben macht am Ende doch, was es will. Also besser gleich mitschunkeln.

    Ein Rezept gegen Zukunftsangst, verpackt im Dreivierteltakt. Wahrsagerinnen dürften das Lied allerdings bis heute nicht mögen.

    🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/xZbKHDPPrrc


    Aus urheberrechtlichen Gründen kann der Liedtext nicht wiedergegeben werden.


  • El Cóndor Pasa: der Vogel, der um die Welt flog

    El Cóndor Pasa: der Vogel, der um die Welt flog

    Kaum erklingt die Panflöte, sieht man es vor sich: schneebedeckte Anden, ein Lama mit skeptischem Blick und hoch oben ein kreisender Kondor. Oder die Fussgängerzone am Samstagmorgen. Kaum ein Lied ist so weit gereist wie dieses.

    Ein Peruaner mit Sammelleidenschaft

    Geschrieben hat es der peruanische Komponist Daniel Alomía Robles. Er war jahrelang durch die Anden gezogen und hatte die Melodien der Bergdörfer gesammelt. 1913 baute er daraus die Musik für ein Singspiel namens “El Cóndor Pasa”, das in Lima uraufgeführt wurde.

    Das Stück war alles andere als Folklore-Kitsch. Es handelte von indigenen Minenarbeitern, die sich gegen ihre ausländischen Bosse auflehnen. Der Kondor am Himmel stand für die Freiheit, von der sie träumten. Die berühmte Melodie erklang am Schluss, und sie kam ganz ohne Worte aus.

    Paul Simon geht in Paris ins Konzert

    Gut fünfzig Jahre später sitzt der junge Paul Simon in einem Pariser Theater und hört die Gruppe Los Incas. Eine Melodie lässt ihn nicht mehr los. Man sagt ihm, das sei ein altes Volkslied ohne Urheber. Also schreibt er einen englischen Text dazu, und 1970 erscheint “El Cóndor Pasa (If I Could)” auf dem Simon-&-

    Garfunkel-Album “Bridge over Troubled Water”. Im Hintergrund spielen Los Incas höchstpersönlich.

    Das Lied wird ein Welthit und landet unter anderem in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich auf Platz eins. Nur: Ein Volkslied ohne Urheber war es eben nicht. Der Sohn des Komponisten meldete sich mit dem Anwalt.

    Die Sache wurde friedlich geregelt, Simon hatte ja in gutem Glauben gehandelt, und seither steht Robles’ Name korrekt auf der Platte.

    Über 4000 Versionen

    Seit 1970 gibt es kein Halten mehr:

    • Plácido Domingo hat es mit Opernstimme gesungen.
    • Andy Williams und Perry Como nahmen es in ihr Repertoire auf.
    • Der Panflötist Leo Rojas spielte sich damit 2011 in die Herzen des deutschen Fernsehpublikums.

    Dazu kommen unzählige Anden-Gruppen in den Einkaufsstrassen dieser Welt. Insgesamt soll es mehrere tausend Fassungen geben. Peru hat das Lied 2004 zum nationalen Kulturerbe erklärt, und viele nennen es die heimliche zweite Nationalhymne.

    Und was will es uns nun sagen?

    Im Original braucht es keinen Text: Der Kondor zieht seine Kreise, frei und unerreichbar, während unten die Menschen schuften. Die Melodie ist pure Sehnsucht nach Freiheit und nach der eigenen Heimat.

    Paul Simon hat daraus ein kleines Wunschkonzert gemacht. Er wäre lieber ein Spatz als eine Schnecke, lieber der Hammer als der Nagel, lieber ein Wald als eine Strasse. Kurz gesagt: lieber frei und beweglich als festgenagelt und überfahren.

    Beide Fassungen meinen dasselbe. Jeder Mensch möchte hin und wieder einfach abheben und alles unter sich lassen. Die meisten von uns haben leider keine drei Meter Flügelspannweite. Aber für drei Minuten leiht uns dieses Lied ein Paar.

    🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/QqJvqMeaDtU


    Aus urheberrechtlichen Gründen kann der Liedtext nicht wiedergegeben werden.


  • Auld Lang Syne: das Lied, das alle singen und keiner versteht

    Auld Lang Syne: das Lied, das alle singen und keiner versteht

    Hand aufs Herz: Wer hat an Silvester nicht schon inbrünstig mitgesungen und ab der zweiten Zeile nur noch “lalala” gemurmelt? Willkommen im Club. Er hat ein paar Milliarden Mitglieder.

    Ein Dichter, ein alter Mann und eine geklaute Idee

    1788 schickt Schottlands Nationaldichter Robert Burns den Text an einen Musikverleger. Ganz ehrlich gibt er zu, er habe das Lied bloss einem alten Mann abgelauscht und aufgeschrieben. Tatsächlich geisterten ähnliche Verse schon lange vorher durch Schottland. Burns hat sie poliert, ergänzt und unsterblich gemacht. Gedruckt wurde das Ganze 1796, kurz nach seinem Tod. Die Melodie, die wir heute schmettern, kam sogar erst 1799 dazu. Burns hat seinen Welthit so also nie gehört.

    Wie ein Kanadier Silvester kaperte

    Die Schotten sangen das Lied längst zu Hogmanay, ihrem Silvester, im Kreis und mit gekreuzten Armen. Auswanderer trugen es in die Welt. Den Rest erledigte der kanadische Bandleader Guy Lombardo. Ab 1929 spielte er es jedes Jahr um Mitternacht live im Radio aus New York. Seither gilt: kein Jahreswechsel ohne Auld Lang Syne.

    Von Beethoven bis Hendrix

    Die Liste der Interpreten ist herrlich bunt:

    • Ludwig van Beethoven hat das Lied arrangiert.
    • Bing Crosby hat es geschmeidig gecroont.
    • Jimi Hendrix jagte es in der Silvesternacht 1969/70 durch die E-Gitarre.
    • Elvis Presley, die Beach Boys, Rod Stewart und Mariah Carey haben es ebenfalls aufgenommen.

    Im Kino sorgt es zuverlässig für feuchte Augen, etwa in “Ist das Leben nicht schön?” und in “Harry und Sally”. Dort fragt sich Harry übrigens zu Recht, was dieses Lied eigentlich bedeuten soll.

    Ein Lied mit Weltpass

    In Japan erklingt die Melodie, wenn das Kaufhaus schliesst: die wohl höflichste Art zu sagen “Bitte gehen Sie jetzt”. Und als die Briten 2020 die EU verliessen, stimmten die Abgeordneten im Europaparlament genau dieses Lied an.

    Und auf Deutsch?

    Auch wir haben unsere Fassung: “Nehmt Abschied, Brüder”. Den Text schrieb Claus Ludwig Laue 1946 für die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg. Übersetzt hat er allerdings nicht, sondern frei nachgedichtet. Bei Burns wird auf die alte Freundschaft angestossen, bei Laue geht es um Abschied und die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Darum singt man das Lied im deutschen Sprachraum eher am Lagerfeuer, bei Abschieden und an Beerdigungen als an Silvester. Gleiche Melodie, ganz andere Stimmung: Die Schotten greifen zum Glas, wir zum Taschentuch.

    Und was will es uns nun sagen?

    “Auld lang syne” heisst sinngemäss “der guten alten Zeiten wegen”. Das Lied stellt eine einzige Frage: Soll man alte Freunde und vergangene Tage einfach vergessen? Die Antwort liefert es gleich mit: Kommt nicht in Frage! Gib mir die Hand, alter Freund, wir heben das Glas auf alles, was wir zusammen erlebt haben.

    Es ist also kein Trauerlied, sondern eine Umarmung mit Melodie. Ein bisschen Wehmut, ein Schluck Whisky und die tröstliche Erkenntnis, dass gute Freundschaft kein Verfallsdatum hat.

    Also: beim nächsten Mal Arme kreuzen, Glas heben und laut mitsingen. Notfalls eben mit “lalala”.

    🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/Al7ONqrdscY

    Liedtext

    Should auld acquaintance be forgot,
    And never brought to mind?
    Should auld acquaintance be forgot,
    And auld lang syne?

    Refrain:
    For auld lang syne, my jo,
    For auld lang syne,
    We’ll tak a cup o’ kindness yet,
    For auld lang syne.

    And surely ye’ll be your pint-stowp,
    And surely I’ll be mine!
    And we’ll tak a cup o’ kindness yet,
    For auld lang syne.

    Refrain

    We twa hae run about the braes,
    And pu’d the gowans fine;
    But we’ve wander’d mony a weary fit
    Sin auld lang syne.

    Refrain

    We twa hae paidl’d i’ the burn,
    Frae morning sun till dine;
    But seas between us braid hae roar’d
    Sin auld lang syne.

    Refrain

    And there’s a hand, my trusty fiere,
    And gie’s a hand o’ thine!
    And we’ll tak a right gude-willie waught
    For auld lang syne.

    Refrain

    “Auld lang syne” bedeutet wörtlich “alte lange Zeit”, sinngemäss “der guten alten Zeiten wegen”. Gesungen werden meist nur die erste Strophe und der Refrain.

  • Amazing Grace: vom Sklavenhändler zum Welthit

    Amazing Grace: vom Sklavenhändler zum Welthit

    Dieses Lied kennt wirklich jeder. Es erklingt an Hochzeiten, Beerdigungen, in Kirchen, Stadien und Castingshows. Was die wenigsten wissen: Geschrieben hat es ein Mann, der beruflich so ziemlich das Gegenteil von “amazing” war.

    Ein Rüpel in Seenot

    John Newton, Jahrgang 1725, war englischer Seemann, Raubein, Lästermaul und Sklavenhändler. 1748 gerät sein Schiff vor Irland in einen fürchterlichen Sturm. Newton, der mit Gott bis dahin nichts am Hut hatte, betet um sein Leben. Das Schiff hält, er überlebt, und in ihm beginnt etwas zu arbeiten.

    Ein Heiliger über Nacht wurde er allerdings nicht. Er blieb noch jahrelang im Sklavenhandel. Erst später wurde er Pfarrer im englischen Städtchen Olney, und dort schrieb er den Text für seine Neujahrspredigt am 1. Januar 1773. Gedruckt wurde er 1779. Im Alter kämpfte Newton dann öffentlich gegen den Sklavenhandel. 1807, in seinem Todesjahr, wurde dieser in Grossbritannien verboten.

    Die Melodie kam mit Verspätung

    Wie bei vielen Welthits war der Anfang unspektakulär: Jahrzehntelang wurde der Text zu allen möglichen Melodien gesungen. Erst 1835 verheiratete ihn der Amerikaner William Walker mit der Weise “New Britain”. Seither sind die beiden unzertrennlich. Newton hat sein Lied so also nie gehört.

    Von Gospel bis Dudelsack

    In den USA wurde das Lied zur Hymne der schwarzen Kirchen und später der Bürgerrechtsbewegung. Dann ging es Schlag auf Schlag:

    • Mahalia Jackson machte es zum Gospel-Klassiker.
    • Judy Collins landete 1970 ganz ohne Instrumente einen Hit.
    • Die Royal Scots Dragoon Guards stürmten 1972 mit Dudelsäcken die Hitparade.
    • Aretha Franklin nahm es 1972 live in einer Kirche auf, Gänsehaut inklusive.
    • Elvis Presley, Johnny Cash, Joan Baez und Whitney Houston haben es ebenfalls gesungen.

    Und 2015 stimmte Barack Obama es bei einer Trauerfeier in Charleston an, ganz allein und ohne Begleitung. Die ganze Halle sang mit.

    Und auf Deutsch?

    Im Kirchengesangbuch steht das Lied als “O Gnade Gottes, wunderbar”. Die Melodie hat es aber auch in den Schlager geschafft, dort mit ganz weltlichen Texten.

    Und was will es uns nun sagen?

    “Amazing Grace” heisst “erstaunliche Gnade”. Gnade ist das, was man bekommt, obwohl man es nicht verdient hat. Newton wusste genau, wovon er sang: Er nennt sich im Lied selbst einen elenden Kerl, der verloren war und gefunden wurde, blind war und nun sieht.

    Die Botschaft funktioniert auch ohne Kirchenbank: Niemand ist ein hoffnungsloser Fall. Man kann sich ändern, auch spät, auch nach grossen Fehlern. Das Lied ist die musikalische zweite Chance.

    Darum passt es an die Hochzeit genauso wie an die Beerdigung. Und wer beim Dudelsack keine feuchten Augen bekommt, hat vermutlich gerade Zwiebeln geschnitten und merkt es nur nicht.

    🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/AEgG63MCa0I

    Liedtext

    Amazing grace! How sweet the sound
    That saved a wretch like me!
    I once was lost, but now am found,
    Was blind, but now I see.

    ’Twas grace that taught my heart to fear,
    And grace my fears relieved;
    How precious did that grace appear
    The hour I first believed!

    Through many dangers, toils and snares
    I have already come;
    ’Tis grace has brought me safe thus far,
    And grace will lead me home.

    The Lord has promised good to me,
    His word my hope secures;
    He will my shield and portion be
    As long as life endures.

    Yes, when this flesh and heart shall fail,
    And mortal life shall cease,
    I shall possess, within the veil,
    A life of joy and peace.

    The earth shall soon dissolve like snow,
    The sun forbear to shine;
    But God, who called me here below,
    Will be forever mine.

    Heute wird meist noch diese Strophe angehängt. Sie stammt nicht von Newton, sondern kam im 19. Jahrhundert in den USA dazu:

    When we’ve been there ten thousand years,
    Bright shining as the sun,
    We’ve no less days to sing God’s praise
    Than when we first begun.