
Hand aufs Herz: Wer hat an Silvester nicht schon inbrünstig mitgesungen und ab der zweiten Zeile nur noch “lalala” gemurmelt? Willkommen im Club. Er hat ein paar Milliarden Mitglieder.
Ein Dichter, ein alter Mann und eine geklaute Idee
1788 schickt Schottlands Nationaldichter Robert Burns den Text an einen Musikverleger. Ganz ehrlich gibt er zu, er habe das Lied bloss einem alten Mann abgelauscht und aufgeschrieben. Tatsächlich geisterten ähnliche Verse schon lange vorher durch Schottland. Burns hat sie poliert, ergänzt und unsterblich gemacht. Gedruckt wurde das Ganze 1796, kurz nach seinem Tod. Die Melodie, die wir heute schmettern, kam sogar erst 1799 dazu. Burns hat seinen Welthit so also nie gehört.
Wie ein Kanadier Silvester kaperte
Die Schotten sangen das Lied längst zu Hogmanay, ihrem Silvester, im Kreis und mit gekreuzten Armen. Auswanderer trugen es in die Welt. Den Rest erledigte der kanadische Bandleader Guy Lombardo. Ab 1929 spielte er es jedes Jahr um Mitternacht live im Radio aus New York. Seither gilt: kein Jahreswechsel ohne Auld Lang Syne.
Von Beethoven bis Hendrix
Die Liste der Interpreten ist herrlich bunt:
- Ludwig van Beethoven hat das Lied arrangiert.
- Bing Crosby hat es geschmeidig gecroont.
- Jimi Hendrix jagte es in der Silvesternacht 1969/70 durch die E-Gitarre.
- Elvis Presley, die Beach Boys, Rod Stewart und Mariah Carey haben es ebenfalls aufgenommen.
Im Kino sorgt es zuverlässig für feuchte Augen, etwa in “Ist das Leben nicht schön?” und in “Harry und Sally”. Dort fragt sich Harry übrigens zu Recht, was dieses Lied eigentlich bedeuten soll.
Ein Lied mit Weltpass
In Japan erklingt die Melodie, wenn das Kaufhaus schliesst: die wohl höflichste Art zu sagen “Bitte gehen Sie jetzt”. Und als die Briten 2020 die EU verliessen, stimmten die Abgeordneten im Europaparlament genau dieses Lied an.
Und auf Deutsch?
Auch wir haben unsere Fassung: “Nehmt Abschied, Brüder”. Den Text schrieb Claus Ludwig Laue 1946 für die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg. Übersetzt hat er allerdings nicht, sondern frei nachgedichtet. Bei Burns wird auf die alte Freundschaft angestossen, bei Laue geht es um Abschied und die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Darum singt man das Lied im deutschen Sprachraum eher am Lagerfeuer, bei Abschieden und an Beerdigungen als an Silvester. Gleiche Melodie, ganz andere Stimmung: Die Schotten greifen zum Glas, wir zum Taschentuch.
Und was will es uns nun sagen?
“Auld lang syne” heisst sinngemäss “der guten alten Zeiten wegen”. Das Lied stellt eine einzige Frage: Soll man alte Freunde und vergangene Tage einfach vergessen? Die Antwort liefert es gleich mit: Kommt nicht in Frage! Gib mir die Hand, alter Freund, wir heben das Glas auf alles, was wir zusammen erlebt haben.
Es ist also kein Trauerlied, sondern eine Umarmung mit Melodie. Ein bisschen Wehmut, ein Schluck Whisky und die tröstliche Erkenntnis, dass gute Freundschaft kein Verfallsdatum hat.
Also: beim nächsten Mal Arme kreuzen, Glas heben und laut mitsingen. Notfalls eben mit “lalala”.
🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/Al7ONqrdscY
Liedtext
Should auld acquaintance be forgot,
And never brought to mind?
Should auld acquaintance be forgot,
And auld lang syne?
Refrain:
For auld lang syne, my jo,
For auld lang syne,
We’ll tak a cup o’ kindness yet,
For auld lang syne.
And surely ye’ll be your pint-stowp,
And surely I’ll be mine!
And we’ll tak a cup o’ kindness yet,
For auld lang syne.
Refrain
We twa hae run about the braes,
And pu’d the gowans fine;
But we’ve wander’d mony a weary fit
Sin auld lang syne.
Refrain
We twa hae paidl’d i’ the burn,
Frae morning sun till dine;
But seas between us braid hae roar’d
Sin auld lang syne.
Refrain
And there’s a hand, my trusty fiere,
And gie’s a hand o’ thine!
And we’ll tak a right gude-willie waught
For auld lang syne.
Refrain
“Auld lang syne” bedeutet wörtlich “alte lange Zeit”, sinngemäss “der guten alten Zeiten wegen”. Gesungen werden meist nur die erste Strophe und der Refrain.

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