Chuchichäschtli, Grüezi und andere Halsentzündungen

Wir Schweizer sind ein Volk der Ordnung. Unsere Züge fahren pünktlich, unser Rasen ist auf den Millimeter gemäht, und unseren Abfall trennen wir so gründlich, als ginge es um eine Bundesratswahl. Nur bei einer Sache haben wir den Überblick komplett verloren: bei der Sprache.

Wir haben vier Landessprachen und Dutzende Dialekte. Und in jedem Tal behauptet man steif und fest, nur hier werde «richtig» gesprochen. Die Schweiz ist sprachlich ungefähr so übersichtlich wie ein Käsefondue-Rezept nach Mitternacht: Alle rühren mit, keiner weiss mehr, was drin ist, und am Schluss sind trotzdem alle zufrieden.

Deutsch, aber nur unter Vorbehalt

Wir Deutschschweizer sprechen Deutsch. Behaupten wir jedenfalls. Die Deutschen sehen das etwas anders, und ehrlich gesagt haben sie nicht ganz unrecht.

Ein St. Galler und ein Walliser können sich eine halbe Stunde lang angeregt unterhalten, herzlich lachen und sich zum Abschied die Hand schütteln. Hinterher hat keiner eine Ahnung, worum es ging. Hauptsache, es war nett. Richtig sportlich wird es, wenn der Walliser noch ein paar französische Brocken einstreut. Dann braucht der St. Galler drei Kompetenzen gleichzeitig: Französisch, Deutsch und ein bisschen Hellseherei. Am Ende nickt er einfach. Nicken ist in der Schweiz ohnehin die sicherste aller Landessprachen.

Die anderen drei (plus Zugabe)

Die Westschweizer sprechen Französisch, aber ihr eigenes. Sie sagen ganz entspannt «septante» und «nonante», während sich die Franzosen mit «soixante-dix» und «quatre-vingt-dix» durch eine Rechenaufgabe quälen. Ein Pariser in Lausanne hält bei manchen Ausdrücken kurz inne und fragt sich, ob er falsch abgebogen ist, direkt in ein sprachliches Paralleluniversum.

Im Tessin spricht man Italienisch, allerdings mit Schweizer Handbremse: gleiche Melodie, halbe Lautstärke, und die Hände bleiben meistens in der Hosentasche.

Und dann sind da noch unsere rätoromanischen Landsleute im Bündnerland, eine kleine, stolze Minderheit. Weil eine Sprache allein offenbar zu einfach wäre, gibt es sie gleich in fünf Schriftvarianten. Typisch Schweiz: Wenn schon klein, dann wenigstens kompliziert.

Woran man uns sofort erkennt

Richtig exotisch werden wir erst jenseits der Landesgrenze. Dann verrät uns ein einziger Laut: das «Ch». Es entsteht irgendwo zwischen Kehle, Windkanal und Kaffeemaschine beim Entkalken. Ich bin überzeugt, dass mancher deutsche Hausarzt schon eine Halsentzündung vermutet hat, wo jemand bloss «Chäs» bestellen wollte. Dazu kommt das gerollte «R». Bei manchen ist es so kräftig, dass man meint, im Satz tuckere ein kleiner Traktor den Berg hinauf.

Wir sagen «Grüezi» statt «Guten Tag». Wir bestellen ein «Gipfeli» und kriegen mit etwas Glück ein Croissant. Wer in Hamburg nach einem «Velo» fragt, wird angeschaut, als suche er ein seltenes Alpentier. Und spätestens beim «Chuchichäschtli» ist alles klar: Diese Person ist entweder Schweizerin, oder sie hat gerade beschlossen, die deutsche Sprache zum Duell herauszufordern. Mit Spucke.

Die Österreicher: verdächtig sympathisch

Ganz unschuldig sind allerdings auch unsere österreichischen Nachbarn nicht. Sie sprechen zwar Hochdeutsch, aber mit Walzertakt, Charme und Wörtern, bei denen wir Schweizer nie ganz sicher sind, ob es ein Dialektausdruck, ein Schimpfwort oder eine Mehlspeise ist. Paradeiser? Topfen? Powidl? Für uns klingt alles nach Nachtisch.

Vielleicht verstehen wir uns deshalb so gut: Jeder hält den anderen für leicht exotisch, und keiner sagt es laut. Das nennt man Diplomatie. Oder eben Neutralität.

Kreta: das nächste Rätsel

Man könnte meinen, ich hätte nach all dem genug Sprachchaos erlebt. Weit gefehlt. In meiner Wahlheimat Kreta spricht man Griechisch, aber eben kretisches Griechisch. Für jemanden vom Festland ist das ungefähr so, als würde ein Deutscher einem Walliser und einem St. Galler zuhören: Man erkennt die Sprache, versteht aber vorsichtshalber gar nichts. Die Kreter würzen ihre Sätze mit eigenen Wörtern, eigener Aussprache und einer Portion Temperament, die in der Schweiz für einen ganzen Kanton reichen würde.

Ich höre zu, lächle freundlich und hoffe inständig, dass mir niemand gerade eine Frage gestellt hat.

London, oder: wie ich sprachlos wurde

Den ersten grossen Höhepunkt meiner Sprachkarriere erlebte ich in London. Je nach Blickwinkel war es auch der Tiefpunkt. Ich war jung, mutig und an einer Privatschule angemeldet, um endlich anständig Englisch zu lernen. Am ersten Tag musste ich mich vor der Klasse vorstellen. Ich nahm all meinen Mut zusammen, sprach tapfer drauflos und wartete auf ein anerkennendes Nicken der Professorin.

Das Nicken kam nicht. Stattdessen erklärte sie mir vor versammelter Klasse, bevor ich Englisch lernen könne, müsse ich zuerst einmal richtig Deutsch lernen. Das werde sie mir beibringen.

Ich war sprachlos. In allen meinen Sprachen gleichzeitig.

Sonntagsanzug mit Wanderschuhen

Bis heute muss ich schmunzeln, wenn Schweizer Hochdeutsch sprechen, mich selbst natürlich eingeschlossen. Es klingt, als hätte man den Sonntagsanzug angezogen, aber die Wanderschuhe anbehalten. Jede Silbe wird sorgfältig artikuliert, als müsste sie durch den Zoll. Darunter brodelt der Dialekt und wartet nur auf die nächste Gelegenheit, wieder herauszuplatzen. Spätestens beim dritten «oder?» am Satzende ist er wieder da.

Als Auslandschweizerin musste ich mich früh anpassen. Ich habe Wörter umgestellt, Endungen geglättet und mir mühsam abgewöhnt, jedem Satz ein kleines «gell» hinterherzuschicken wie einen Dackel an der Leine. Und trotzdem breitet sich auf den Gesichtern von Deutschen und Österreichern noch heute dieses verdächtige Lächeln aus, wenn sie mir zuhören.

Dabei spreche ich doch ganz normal. Also, für Schweizer Verhältnisse.

Und falls mich jemand partout nicht versteht, habe ich einen Notfallplan. Ich lächle freundlich, rolle mein R, verschlucke ein paar Endungen und sage: «Das isch halt Schwiizerdütsch.» Dann verabschiede ich mich mit einem herzlichen:

«Adieu mitenand – und viel Glück beim Übersetzen!»

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