Demokratie mit Handzeichen

Die alten Griechen haben die Demokratie erfunden. Wir Schweizer haben die Gebrauchsanweisung gelesen – ganz, mit allem Kleingedruckten. Weil wir gründlich sind, benutzen wir sie seither etwa viermal im Jahr.

In anderen Ländern darf das Volk alle paar Jahre wählen und hofft danach, dass die Politik den Wink verstanden hat. Bei uns landet regelmässig ein dickes Abstimmungskuvert im Briefkasten, irgendwo zwischen Pizzaflyer und Stromrechnung. Den Stimmzettel legen wir dann neben die Einkaufsliste: Milch, Brot, Butter und nebenbei die Zukunft des Landes. Demokratie zum Ankreuzen, jetzt auch mit Beilage.

Wir entscheiden alles. Wirklich alles.

Sollen Bauern einen Batzen extra bekommen, wenn ihre Kühe die Hörner behalten dürfen? Darüber hat die ganze Nation abgestimmt. Die Kühe durften nicht mitreden, und so ging die Sache auch aus.

Sechs Wochen Ferien für alle? Zwei Drittel sagten Nein danke, man hat schliesslich zu tun. Ein Grundeinkommen, einfach so vom Staat? Über drei Viertel lehnten ab. Vermutlich aus tiefem Misstrauen: Was nichts kostet, kann ja nichts taugen.

Es gibt nur ein Volk auf der Welt, das sich selbst freiwillig mehr Ferien verweigert. Wir sind stolz darauf. Glaube ich.

Dass trotzdem oft nur knapp die Hälfte abstimmen geht, ist übrigens kein Desinteresse. Es ist Vertrauen: Die andere Hälfte wird’s schon richten.

Die Hand hoch, bitte

Wem das alles noch nicht direkt genug ist, der fährt nach Appenzell Innerrhoden oder Glarus. Dort wird an der Landsgemeinde noch unter freiem Himmel mit erhobener Hand abgestimmt. Tausende Menschen, alle mit dem Arm in der Luft. Das ist die älteste Form der digitalen Abstimmung: ein Arm, ein Signal, kein vergessenes Passwort.

Ganz so flott sind wir allerdings nicht immer. Das Frauenstimmrecht kam auf Bundesebene erst 1971, da waren andere schon auf dem Mond gelandet. In Appenzell Innerrhoden durften die Frauen 1990 zum ersten Mal die Hand heben, und auch da erst, nachdem das Bundesgericht kräftig nachgeholfen hatte. Gut Ding will Weile. Sehr, sehr viel Weile.

Sieben Chefs und keiner auf dem Balkon

Regiert wird die Schweiz von sieben Bundesrätinnen und Bundesräten, die gemeinsam entscheiden müssen. Es gibt keinen Präsidenten, der sich auf dem Balkon als Staat feiern lässt, sondern ein Kollegium, das sich zusammenraufen muss. Das Bundespräsidium wechselt jedes Jahr. Zwölf Monate lang ist jemand «Erster unter Gleichen», danach wird der Staffelstab weitergereicht. Das ist die politische Version von: «Du darfst dieses Jahr die Sitzung eröffnen.»

Wer gerade Bundespräsident ist, wissen viele Schweizer selbst nicht so genau. Das ist kein Fehler im System, das ist das System. Unsere Regierungsmitglieder trifft man auch schon mal im Zug, ganz ohne Blaulicht und Kolonne. Anderswo wäre das ein Sicherheitsrisiko. Bei uns ist es höchstens ein Risiko, dass man ihnen den Fensterplatz wegschnappt.

Zwei Kammern, keine Fäuste

Das Parlament ist schön schweizerisch aufgeteilt: 200 Mitglieder im Nationalrat vertreten das Volk, 46 im Ständerat die Kantone. Sind sich die beiden Kammern nicht einig, wird so lange hin- und hergeschickt, bis es passt. Das nennt sich Differenzbereinigung. Anderswo würde man es «die Folge, in der niemand den Raum verlassen darf» nennen.

Gestritten wird natürlich trotzdem. Aber meist so gesittet, dass man meint, die Leute wollten nachher noch zusammen einen Kaffee trinken, und oft tun sie das sogar. Auch bei uns gibt es Zwischenrufe und spitze Bemerkungen. Nur endet der Streit eher mit einem Votum als mit einer Schlagzeile über fliegende Fäuste oder fliegende Wassergläser.

Ein Blick über den Gartenzaun

Hier in meiner Wahlheimat wurde das Volk 2015 auch einmal gefragt. Es sagte laut und deutlich «Ochi!», also Nein, und bekam kurz darauf trotzdem ein Ja serviert. In der Schweiz wäre das undenkbar. Wir hätten vorher drei Jahre lang eine Vernehmlassung gemacht, und am Ende hätte das Volk sowieso Nein zu mehr Ferien gesagt.

Ein Wunsch an alle Kontinente (die Antarktis ausgenommen, dort regieren die Pinguine).

Zwei Amtszeiten sollten für die Mächtigsten reichen. Wer nach acht Jahren immer noch nicht genug vom Regieren hat, darf sich gern ein Hobby suchen. Briefmarken zum Beispiel. Oder Kreuzworträtsel, da kann man auch alles allein bestimmen.

Wenn dieselben Herren (und gelegentlich Damen) jahrzehntelang an der Macht kleben, wird aus Führung ein politisches Abo, das niemand mehr gekündigt bekommt. Die Welt braucht frische Gesichter und nicht noch eine Runde «Ich war schon da, als diese Krise angefangen hat».

Vielleicht ist das der schweizerischste Gedanke überhaupt: Macht ist wichtig genug, um sie zu begrenzen. Und Demokratie ist wichtig genug, um auch den Mächtigen einmal freundlich zu sagen: «Merci vielmal für den Einsatz. Jetzt ist jemand anderes am Mikrofon.»

Und falls jemand anderer Meinung ist: Wir können gern darüber abstimmen. Nächstes Quartal.

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