Kategorie: Geschichtenkörbchen

  • Schweiz trifft Griechenland – Zwei Welten, eine Frau und jede Menge Nervenkitzel

    Schweiz trifft Griechenland – Zwei Welten, eine Frau und jede Menge Nervenkitzel

    Ich bin Schweizerin. Geboren in einem Land, in dem die Uhren so präzise ticken, dass man den Verdacht hat, selbst die Kühe auf der Weide führten eine Agenda. Mit Farbcodes.

    Ordnung, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Regeln. Die Schweiz eben. Ein Land, in dem man sich entschuldigt, wenn man drei Minuten zu früh kommt. Und in dem ein Zug mit zwei Minuten Verspätung schon eine kleine nationale Sinnkrise auslöst, samt Durchsage und betretenem Schweigen im Abteil.

    Und dann kam Griechenland in mein Leben.

    Meine Wahlheimat. Das Land der Sonne, des Meeres, der herzlichen Menschen und der bewundernswerten Gabe, aus einer simplen Angelegenheit ein mehrtägiges Abenteuer zu machen.

    Man könnte sagen: Ich bin aus einem Land, in dem alles seine Ordnung hat, in ein Land gezogen, in dem die Ordnung gelegentlich noch gesucht wird. Gemeinsam, bei einem Kaffee, und ohne Eile.

    Die Schweiz: Wo sogar die Unordnung ihre Vorschriften hat

    In der Schweiz ist alles geregelt. Wirklich alles.

    Wann der Rasen gemäht werden darf, wann die Waschmaschine laufen darf (siehe Waschküchenplan, Ausgabe 14, gültig ab Montag), wie laut man am Sonntag sein darf und vermutlich auch, wie viele Atemzüge pro Minute in einem Mehrfamilienhaus als sozialverträglich gelten.

    Die Abfalltrennung ist eine eigene Wissenschaft mit Prüfungsstoff. Wer seinen Abfall im falschen Sack entsorgt, braucht sich nicht zu wundern, wenn hinter drei Gardinen gleichzeitig ein Vorhang zuckt.

    Die Schweizer Pünktlichkeit ist ohnehin legendär. Fünf Minuten zu spät? Ein mittelschweres Vergehen. Zehn Minuten? Da wird bereits der Charakter infrage gestellt. Fünfzehn? Man kann gleich wieder umkehren.

    Und wehe, man verpasst den Zug. Der fährt nämlich nicht irgendwann, sondern genau dann, wenn es im Fahrplan steht. Meistens jedenfalls. Und wenn nicht, gibt es eine Entschuldigung in vier Landessprachen.

    Griechenland: Wo die Zeit eine Empfehlung ist

    Und dann Griechenland!

    Hier habe ich gelernt, dass eine Uhr zwar die Zeit anzeigt, aber deswegen noch lange nicht bestimmen darf, wie der Tag verläuft. Die Uhr hat hier eher beratende Funktion.

    Eine Verabredung um 18 Uhr? Wunderbar. Dann trifft man sich eben irgendwann danach. Um 18:20 Uhr, um 18:45 Uhr oder, wenn’s ganz gemütlich wird, kurz vor dem Abendessen. Unterwegs könnte man ja noch eine Nachbarin treffen, einen Kaffee trinken oder etwas Wichtiges besprechen. Zum Beispiel, wer mit wem und warum.

    Und das schönste Wort der griechischen Sprache heisst ávrio: morgen. Wobei «morgen» nicht zwingend den Tag nach heute meint. Eher einen Zeitpunkt in der Zukunft. Irgendwann. Siga-siga.

    Als Schweizerin musste ich mich daran erst gewöhnen. Mein innerer Fahrplan hatte anfangs täglich Betriebsstörungen.

    Inzwischen habe ich verstanden: Wer in Griechenland ständig auf die Uhr schaut, verpasst womöglich das halbe Leben. Und ganz sicher den besten Klatsch.

    Bürokratie: Schweizer Präzision gegen griechische Improvisation

    Jetzt kommen wir zu meinem persönlichen Lieblingsthema. Achtung, Ironie: die Bürokratie.

    Die Schweiz hat Formulare. Griechenland hat auch Formulare. Der kleine Unterschied: In der Schweiz weiss man ziemlich genau, welches Formular man braucht.

    In Griechenland kann es vorkommen, dass man für ein Dokument ein anderes Dokument benötigt, das man erst beantragen kann, wenn man das erste Dokument vorgelegt hat. Kafka hätte hier ein Ferienhaus gekauft und sich vermutlich selber nicht mehr zurechtgefunden.

    Und wenn man glaubt, endlich am Ziel zu sein, fehlt noch ein Stempel. Oder eine Unterschrift. Oder der Beamte, der beides hätte machen können, der aber gerade «kurz weg» ist.

    Manchmal frage ich mich, ob die griechische Bürokratie ein geheimes Trainingsprogramm für Geduld ist. Falls ja, stehe ich inzwischen kurz vor dem schwarzen Gürtel.

    Essen: In der Schweiz eine Mahlzeit, in Griechenland eine Lebensaufgabe

    Beim Essen muss ich allerdings zugeben: Da hat mich Griechenland längst um den Finger gewickelt. Und um die Hüfte.

    In der Schweiz isst man. In Griechenland zelebriert man das Essen.

    Eine Einladung zum Mittagessen bedeutet nicht, dass man etwas isst und danach nach Hause geht. Nein, es ist ein gesellschaftliches Ereignis mit offenem Ende. Wer um eins kommt, sitzt um fünf noch da.

    Es wird aufgetischt, nachgelegt, diskutiert und mit Nachdruck darauf bestanden, dass man noch etwas nimmt. «Fáe, fáe!» – iss, iss!

    «Nein danke, ich bin wirklich satt.»

    Ein Satz, der in Griechenland nicht als Entscheidung gilt, sondern als höfliche Eröffnung von Verhandlungen.

    Und während man in der Schweiz nach dem Essen vielleicht noch einen Kaffee trinkt, wird in Griechenland zu diesem Zeitpunkt gern die zweite Runde aufgetragen.

    Die Nachbarn: Ein kleiner kultureller Unterschied

    In der Schweiz weiss man manchmal nicht einmal, wie die Nachbarin im dritten Stock heisst. Man grüsst freundlich, hält Abstand und respektiert die Privatsphäre. Seit zwölf Jahren.

    In Griechenland weiss die halbe Nachbarschaft, was man gestern gekocht hat, wann man Besuch bekommt und warum man heute nicht zu Hause war. Manchmal weiss sie es sogar vor einem selbst.

    Privatsphäre? Selbstverständlich! Aber ein bisschen Anteilnahme am Leben der anderen wird man ja wohl noch haben dürfen.

    Und wenn man Hilfe braucht, steht meistens jemand bereit. Manchmal sogar, bevor man gefragt hat. Oft mit einem Topf Essen. Siehe oben.

    Warum ich trotzdem – oder gerade deshalb – hier lebe

    Natürlich gibt es Momente, in denen meine Schweizer Seele verzweifelt nach Struktur ruft.

    Wenn ein Termin zum dritten Mal verschoben wird, wenn niemand genau weiss, wer zuständig ist, oder wenn aus einer kleinen Erledigung ein Tagesausflug wird, dann sehne ich mich nach der Schweiz. Nach Ordnung, nach einem klaren Zeitplan und nach einer Behörde, die tatsächlich weiss, was sie tut.

    Aber dann sitze ich wieder auf meiner Terrasse, schaue aufs Meer, geniesse die Sonne und höre irgendwo jemanden lautstark diskutieren, als ginge es um Leben und Tod. Dabei geht es nur um den Preis der Tomaten. Und nebenan wird Kaffee serviert.

    Und schon ist alles wieder gut.

    Denn Griechenland hat etwas, das sich in keiner Vorschrift, keinem Fahrplan und keinem Formular unterbringen lässt: eine ganz besondere Lebensart.

    Hier ist nicht alles perfekt, und nicht alles läuft reibungslos. Manchmal braucht man Nerven aus Stahl. Aber das Leben findet statt: auf der Strasse, in den Tavernen, bei den Nachbarn und am Kaffeetisch.

    Vielleicht ist genau das der Unterschied: In der Schweiz weiss man meistens ganz genau, was als Nächstes passiert. In Griechenland weiss man es nicht immer. Dafür wird es nie langweilig.

    Mein Fazit: Ich komme aus einem Land, in dem die Uhren Schweizer Qualität haben, und lebe jetzt in einem Land, in dem die Zeit ein ausgesprochen entspanntes Verhältnis zu sich selbst pflegt.

    Ich bin Schweizerin geblieben, aber Griechenland hat mich eindeutig verdorben. Im besten Sinne.

    Ich rege mich gelegentlich über die griechische Organisation auf und liebe gleichzeitig die griechische Gelassenheit. Ich wünsche mir manchmal Schweizer Pünktlichkeit und komme inzwischen selber gern fünf Minuten zu spät. Na gut, zehn.

    Kurz gesagt: Meine Schweizer Gene sind noch da. Sie haben nur griechische Gesellschaft bekommen und sitzen jetzt gemeinsam beim Kaffee.

    Und das Beste daran?

    Ich muss mich nicht mehr entscheiden, ob ich lieber ordentlich oder glücklich bin.

    Ich nehme einfach beides. Nur eben nicht immer gleichzeitig.

    Grüezi mitenand und Jássas!

  • Grüezi, Hello, Bonjour, Ciao: Sprachsalat mit Schweizer Würze

    Grüezi, Hello, Bonjour, Ciao: Sprachsalat mit Schweizer Würze


    Oder: Wie man mit vier Sprachen im Gepäck trotzdem keinen geraden Satz mehr herausbringt.

    Ich bin Schweizerin. Mehrsprachig aufgewachsen, sprachlich vorbelastet und vermutlich schon als Baby mit einem Wörterbuch unter dem Kopfkissen ins Leben gestartet. Während andere Kinder mit dem Brei kämpften, jonglierte ich gedanklich wohl schon mit Deutsch, Französisch und Italienisch. Englisch kam später dazu, ungefragt und so hartnäckig, dass selbst ein Schweizer Nein keine Chance hatte.

    Lange dachte ich, das sei ein Vorteil. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Unser Sprachgebrauch ist inzwischen derart international aufgerüstet, dass ich manchmal nicht mehr weiss, ob ich in der Schweiz bin, in London, in Paris oder an einer schlecht organisierten UNO-Konferenz.

    Da wird gechattet, gepostet, geswipet und geupdatet, bis der Daumen lahmt. Man geht nicht mehr etwas trinken, man trifft sich auf einen Drink. Man redet nicht, man kommuniziert. Man macht keine Pause, man chillt. Und wer noch ganz gewöhnlich sagt, er müsse etwas erledigen, hat vermutlich die letzte sprachliche Weiterbildung verpasst.

    Willkommen im modernen Sprachdschungel! Oder, wie wir Schweizer sagen würden: «Äxgüsi, gaht’s no?»

    Hesch mer scho gchattet? Oder bisch no am Downloadä?

    Fangen wir bei uns an. Wir Schweizer sind ein sprachliches Sondermodell: vier Landessprachen, dazu Englisch und irgendwo dazwischen ein Dialekt, der sich standhaft weigert, sich an Regeln zu halten.

    Wir sagen «Grüezi», «Bonjour», «Buongiorno», «Allegra» oder «Hello», je nachdem, wer vor uns steht und wie lange wir brauchen, um herauszufinden, welche Sprache gerade opportun wäre.

    Im Büro wird gebrainstormt, im Homeoffice gecallt, nach Feierabend gechillt und am Wochenende gebruncht. Dinge einfach zu tun, haben wir längst aufgegeben. Wir müssen sie optimieren, organisieren, koordinieren und wenn möglich gleich noch digitalisieren.

    Früher schrieben wir: «Bisch hüt Abig debii?»

    Heute chatten wir: «Hey, bisch tonight available? Wär cool, wenn mer chönnted connecte.»

    Ja, sicher. Und bevor wir uns tatsächlich treffen, vereinbaren wir noch kurz ein Meeting, um zu besprechen, wo wir uns treffen. Früher hiess das Verabredung. Heute klingt es nach internationalem Projektmanagement.

    Besonders reizvoll wird es, wenn sich Englisch mit unserem geliebten Schweizerdeutsch vermischt. Dann wird aus dem Update ein Uptäit, aus dem Download ein Daunload und aus dem Feedback etwas, das man je nach Tonfall dankbar annimmt oder lieber gleich zurückschickt.

    Wir Schweizer sind eben pragmatisch. Passt ein Wort nicht in unseren Dialekt, wird es passend gemacht. Notfalls mit dem sprachlichen Taschenmesser.

    Ein bisschen Französisch, s’il vous plaît!

    Ohne Französisch geht es natürlich nicht. Das wäre ja beinahe ein kultureller Affront.

    Wir sind mit «Merci», «Adieu», «Voilà» und «C’est bon» gross geworden. Diese Wörter haben sich so gemütlich in unserem Alltag eingerichtet, dass sie längst das Schweizer Bürgerrecht beantragen könnten. Wir sagen «Merci vilmal», wenn wir uns bedanken, «C’est bon», wenn etwas passt, und «Voilà», wenn wir eine Erklärung beendet haben. Oder wenn wir keine Lust mehr haben weiterzureden.

    Und dann gibt es noch das wunderbare Parlieren. Warum einfach reden, wenn man parlieren kann? Das klingt gleich nach Caféterrasse, Croissant und einem Leben, in dem die Rechnungen sich selbst bezahlen.

    Im Schweizer Alltag nehmen wir dafür ein französisches Wort, verpassen ihm eine deutsche Endung und schicken es frisch frisiert zurück ins Gespräch: «Mir gönd no chli parlen.»

    Korrektes Französisch ist das nicht. Aber eine durchaus kreative Schweizer Eigenleistung. Und seien wir ehrlich: Wer Schokolade, Uhren und Taschenmesser perfektioniert hat, dem wird man doch ein paar selbst gebastelte Verben zugestehen!

    Ciao, Salute und die italienische Lebenskunst

    Mit dem Italienischen wird plötzlich alles ein bisschen melodischer.

    Ein schlichtes «Tschüss» ist ganz nett. Aber ein herzhaftes «Ciao!» hat gleich mehr Temperament. Man hört förmlich die Espressomaschine zischen und sieht jemanden mit einer lässigen Handbewegung verschwinden.

    Und erst «Salute!», ob als Trinkspruch oder als Wunsch für die Gesundheit. Es klingt nach Lebensfreude, selbst wenn man nur mit einem Glas Wasser dasitzt.

    Solche Wörter bringen Feriengefühl in den Alltag, ganz ohne Koffer packen. Ein «Ciao, merci und bis gli!» ist schliesslich viel charmanter als ein nüchternes «Auf Wiedersehen». Und wenn wir beim Apéro mit «Salute!» anstossen, fühlen wir uns kurz wie auf einer italienischen Piazza. Auch wenn wir in Wirklichkeit im zugigen Sitzungszimmer einer Versicherung stehen und der Weisswein aus dem Grosshandel kommt.

    Hauptsache, das Ambiente stimmt. Wenigstens sprachlich.

    Wenn das Geld plötzlich Englisch spricht

    Richtig kompliziert wird es, wenn die Finanzwelt ihre sprachlichen Muskeln spielen lässt.

    Da wird nicht einfach Geld angelegt, sondern in ein diversifiziertes Portfolio investiert. Die Börse schwankt nicht, sie zeigt eine erhöhte Volatilität. Man spricht von Cashflow, Leverage, Performance und Forecasts. Und wenn es richtig kracht, ist von einem Black Swan Event die Rede.

    Ein schwarzer Schwan? Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: «Schweizer Börse unter Druck: Wasservogel sorgt für Turbulenzen.»

    Gemeint ist natürlich ein seltenes, kaum vorhersehbares Ereignis mit grossen Folgen. Aber «Uns ist alles um die Ohren geflogen, und niemand hat es kommen sehen» klingt halt weniger nach Expertenrunde im Fernsehen. Dort muss alles ein bisschen komplizierter tönen. Sonst könnte das Publikum am Ende noch glauben, es habe verstanden, worum es geht.

    Mein persönlicher Favorit ist das Wort Synergien. Es eignet sich hervorragend, wenn man in einer Sitzung unbedingt etwas sagen möchte, aber noch nicht genau weiss, was.

    «Wir müssen die Synergien nutzen.»

    Alle nicken.

    Was genau zu tun ist, weiss niemand. Aber immerhin haben wir professionell genickt.

    Kalimera! Jetzt wird’s griechisch.

    Als wäre das alles nicht schon kompliziert genug, lebe ich inzwischen in Griechenland. Neue Sprache, neue Wörter, neue Regeln, und das Abenteuer beginnt von vorn.

    Ich gebe mir Mühe, Griechisch zu lernen. Wirklich. Ich höre zu, wiederhole, übe. Doch irgendwann übernimmt mein Schweizer Hirn das Kommando. Es dreht ein griechisches Wort einmal durch den sprachlichen Fleischwolf und serviert es in einer Form, die für mich logisch klingt, aber vermutlich keinen griechischen Sprachwissenschaftler glücklich macht.

    Nehmen wir «ποτίζω» (potízo), das heisst unter anderem «Pflanzen giessen». Bei mir wird daraus kurzerhand «potisen». Ich gehe also nicht mehr die Blumen giessen. Ich muss meine Pflanzen potisen. Das klingt nach einer hochspezialisierten Tätigkeit, für die man mindestens ein Zertifikat in mediterraner Gartenpflege braucht.

    Und dann gibt es «τα λέμε» (ta léme), eine lockere Abschiedsformel, ungefähr «Wir hören uns» oder «Bis dann». Mein Schweizer Ohr macht daraus prompt: «Guet, denn ta-léme mer eus spöter!»

    Ob das sprachlich elegant ist? Darüber lässt sich streiten. Ob ich verstanden werde? Das ist die entscheidende Frage. Denn wer in Griechenland lebt, lernt schnell: Mit einem Lächeln, etwas Geduld und einer guten Portion Selbstironie kommt man oft weiter als mit einem perfekt deklinierten Satz.

    Und wenn gar nichts mehr geht, bleiben immer noch «Kalimera», «Efcharistó» und ein entschlossenes Nicken. Wobei das mit dem Nicken in Griechenland so eine Sache ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Der grosse Sprachsalat: Alles in einen Topf!

    Stellen wir uns vor, sämtliche Sprachen treffen sich gleichzeitig in meinem Kopf: Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch, Italienisch, Englisch und Griechisch. Ein sprachliches Fondue, zu dem jeder seinen eigenen Käse mitbringt.

    Das Resultat klingt ungefähr so:

    «Hoi, hesch mer scho gchattet? Ich han dir es Message gschickt, aber du hesch no nöd geantwortet. Isch okay, no stress! Ich bi grad im Meeting gsi und muess jetzt schnell mini Plants potisen. Nachher chönd mer no chli parlen, vielleicht gönd mer uf en Drink. Ciao, merci und ta léme!»

    Natürlich ginge das auch in einer einzigen Sprache:

    «Hallo, hast du meine Nachricht gesehen? Ich war beschäftigt und muss jetzt noch meine Pflanzen giessen. Danach können wir etwas trinken gehen. Bis später!»

    Aber seien wir ehrlich: Das klingt beinahe langweilig vernünftig. Die erste Version erweckt den Eindruck, die Verfasserin besitze drei Staatsbürgerschaften, spreche fünf Sprachen fliessend und schicke ihre Pflanzen regelmässig an internationale Konferenzen. Dabei wollte sie nur Blumen giessen und später einen Kaffee trinken.

    Voilà. So geht sprachliche Globalisierung im Alltag.

    Und was sagt der Duden dazu?

    Wahrscheinlich würde er sich erst einmal setzen.

    Dabei ist das Mischen grundsätzlich nichts Schlechtes. Sprachen begegnen sich, beeinflussen sich und verändern sich mit den Menschen, die sie sprechen. Gerade in der Schweiz, mit ihren Landessprachen und Dialekten, wandern Wörter ganz selbstverständlich über Grenzen.

    Heikel wird es erst, wenn aus einem normalen Satz ein Hindernisrennen wird. Wenn jemand sagt: «Ich muss das noch kurz finalisieren, bevor wir das nächste Meeting schedulen und die Key Learnings challengen», darf man durchaus fragen:

    «Entschuldigung, chönd Sie das bitte nomal uf Dütsch säge? Ich han zwar alli Wörter ghört, aber kei Ahnig, was Sie vo mir wänd.»

    Das ist keine Bildungslücke. Das ist Selbstschutz. Denn Verständlichkeit ist keine altmodische Tugend. Sie ist der eigentliche Sinn von Sprache.

    Mein Fazit: Ich cha alles, aber nöd immer gliichzitig!

    Ich liebe Sprachen. Ihre kleinen Eigenheiten, ihre Klangfarben, das Spiel mit den Wörtern. Ich finde es wunderbar, dass ein «Ciao!» ein Gespräch leichter macht, dass ein «Merci» manchmal mehr Charme hat als ein ganzer Dankesbrief und dass ich in Griechenland immer wieder neue Wörter entdecke.

    Aber ich gebe zu: Mein persönlicher Sprachhaushalt ist manchmal ein Fall für die Gebäudeversicherung. Das französische Wort sucht seinen Satz, das englische Verb wartet auf seine Schweizer Endung, das griechische Substantiv steht im falschen Fall, und irgendwo ruft ein italienisches «Salute!» nach einem Espresso.

    Und ich mittendrin. Eine Schweizerin mit internationalem Wortschatz, mediterranen Ambitionen und einem Gehirn, das gelegentlich auf «Bitte warten» schaltet.

    Vielleicht ist das der Preis der Mehrsprachigkeit: Man hat für fast alles ein Wort. Nur fällt einem das richtige manchmal erst ein, wenn das Gespräch längst vorbei ist.

    Und jetzt Hand aufs Herz: Wer von euch chattet, parliert, potist und schedult fröhlich durchs Leben, ohne noch zu wissen, in welcher Sprache der Satz angefangen hat? Meldet euch! Aber bitte nicht per internationalem Alignment-Meeting, sondern ganz unkompliziert. Auf Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Französisch, Italienisch, Englisch oder Griechisch. Hauptsache, wir verstehen uns.

    Und wenn nicht, gilt die bewährte Schweizer Lösung: lächeln, nicken, «Merci vilmal» sagen und hoffen, dass niemand nachfragt.

    Ciao zäme, ta léme, bis gli und: Salute!

    Ich muss jetzt meine Plants potisen. Der Rest wird später geupdatet.

  • Nachts, wenn das Gehirn Überstunden macht

    Nachts, wenn das Gehirn Überstunden macht


    Oder: Warum die besten Ideen immer dann kommen, wenn man sie so dringend braucht wie einen Wecker am Sonntag.

    Es gibt Nächte, da schläft man wie ein Stein. Hinlegen, Augen zu, schwupps – weg. Bis zum Morgen. Herrlich. So war das vermutlich auch gedacht, als irgendjemand beschlossen hat, dass der Mensch ein Drittel seines Lebens verschlafen soll. Ein Drittel! Kein Wunder, dass mein Gehirn findet, da liesse sich noch etwas optimieren.

    Und dann gibt es die anderen Nächte.

    Diese ganz besonderen Exemplare, in denen der Körper todmüde ins Bett fällt und brav die Arbeit niederlegt – während das Gehirn gerade seinen Jahresabschluss macht, drei neue Projekte plant und nebenbei eine Weltreise bucht. Ohne Rücksprache, versteht sich.

    Man liegt also da. Augen zu. Decke bis zum Kinn. Schlafposition nach jahrzehntelanger Feldforschung sorgfältig optimiert. Links. Rechts. Rücken. Wieder links. Man versucht, an nichts zu denken. Was bekanntlich die zuverlässigste Methode ist, um an alles gleichzeitig zu denken. Inklusive der Steuererklärung von 2019.

    Und während man noch auf einen netten Traum hofft – vielleicht etwas mit Meer und ohne Mücken –, geht im Oberstübchen der Vorhang auf.

    Meine Damen und Herren, willkommen zur grossen nächtlichen Gedankengala! Eintritt frei, Ausgang verriegelt.

    Wenn die Ideen zur Polonaise antreten

    Kaum habe ich akzeptiert, dass Schlaf heute nicht auf dem Programm steht, marschieren sie auf: die Ideen.

    Eine nach der anderen? Ach woher. Das wäre ja zivilisiert. Sie kommen im Rudel. Mit Pauken, Trompeten und dem Selbstbewusstsein eines Hahns, der glaubt, die Sonne gehe nur seinetwegen auf.

    Da ist ein Thema, über das ich unbedingt schreiben müsste. Eine Beobachtung, die mich seit Wochen verfolgt. Eine Geschichte, die sich aufdrängt wie ein Vertreter an der Haustür. Und dann – Trommelwirbel – diese eine Formulierung. Diese geniale, funkelnde, nobelpreisverdächtige Formulierung, die mir tagsüber nie im Leben eingefallen wäre.

    Natürlich kommt sie jetzt.

    Um drei Uhr siebzehn.

    Wenn ich weder Stift noch Licht noch den geringsten Wunsch habe, wach zu werden.

    Die Gedanken ziehen an meinem inneren Auge vorbei wie ein Umzug am Nationalfeiertag: Jeder will gesehen werden, jeder drängelt nach vorne, und an die Marschroute hält sich selbstverständlich keiner. Irgendwo bläst einer schief ins Alphorn.

    «Das wäre doch ein Thema!»

    «Darüber könntest du schreiben!»

    «Und wenn du das mit der anderen Geschichte verbindest?»

    «Halt, halt! Du wolltest doch auch noch über etwas ganz anderes schreiben!»

    Ja, danke. Ich weiss.

    Ich wollte allerdings auch schlafen. Nur so als Randnotiz.

    Aber Schlafen hält mein Gehirn offenbar für eine Beschäftigung für Amateure. Schlafen kann man schliesslich immer. Ideen dagegen haben angeblich keine Öffnungszeiten. Meine Nachtruhe inzwischen auch nicht mehr.

    So fährt mein Kopf eine kreative Nachtschicht, für die ich weder einen Arbeitsvertrag unterschrieben noch eine Überstundenpauschale ausgehandelt habe. Von Nachtzuschlag ganz zu schweigen.

    Unverschämtheit eigentlich. Ich überlege ernsthaft, mich bei mir selbst zu beschweren.

    Bloss nicht vergessen!

    Das eigentliche Drama beginnt, wenn mir dämmert, dass diese Einfälle sogar brauchbar sein könnten.

    Nicht jeder Gedanke, der um drei Uhr morgens auftaucht, verdient einen Nobelpreis. Manche gehören bei Tageslicht eher in die Kategorie «Was um Himmels willen habe ich mir dabei gedacht?» – gleich neben das Kleid, das im Laden noch so gut aussah.

    Aber eben nicht alle.

    Und genau da liegt der Hund begraben. Mitten im Bett.

    Denn woher soll ich nachts wissen, welcher Gedanke morgens noch brillant ist und welcher bloss das Produkt einer übermüdeten Hirnregion, die dringend in die Ferien müsste?

    Also präge ich mir alles ein.

    Das Thema: merken. Unbedingt.

    Den Gedanken: nicht vergessen. Auf keinen Fall.

    Die Formulierung: schon gar nicht!

    Ich wiederhole alles. Einmal. Zweimal. Dreimal. Wie ein Gedicht in der Primarschule, kurz bevor man aufgerufen wird. Ich baue Eselsbrücken, so viele, dass ein ganzer Eselstall darüber spazieren könnte, und bin felsenfest überzeugt, dass ich das alles locker bis zum Frühstück behalte.

    Ich bin ja schliesslich nicht völlig neben der Spur.

    Das glaube ich nachts um halb vier jedenfalls noch.

    Leider hat mein Gehirn morgens eine sehr eigenwillige Auffassung von Verbindlichkeit. Ungefähr die eines Handwerkers, der «nächste Woche ganz sicher» vorbeikommt.

    Was nachts noch als bahnbrechende Erkenntnis gefeiert wurde, liegt nach dem Aufwachen irgendwo zwischen «Da war doch was!» und «Ich hatte einen Gedanken. Einen guten sogar. Es ging um … irgendwas mit … nein.»

    Die Suche beginnt. Ich durchforste meine grauen Zellen wie eine Handtasche nach dem Autoschlüssel. Ich finde: einen Kassenzettel, ein angelutschtes Bonbon von 2022 und die vage Erinnerung an etwas Geniales.

    Der Gedanke selbst? Weg. Spurlos. Untergetaucht.

    Vermutlich hat er sich inzwischen einem anderen Gehirn angeschlossen. Einem besser organisierten. Mit Notizblock, Leselampe und Ordnungssinn. Verräter.

    «Dann schreib’s halt auf!»

    Ich höre es schon: «Dann schreib es doch einfach auf!»

    Ach was. Wirklich? Dass ich da nicht selbst draufgekommen bin! Ich sollte Ihnen ein Honorar überweisen.

    Natürlich ist das der naheliegendste Vorschlag. Und genau deshalb ärgert es mich, dass er nachts um drei so wunderbar theoretisch bleibt.

    Denn um diese Zeit habe ich ziemlich genau drei Möglichkeiten.

    Möglichkeit eins: Ich stehe auf, suche einen Stift, finde keinen, suche weiter, finde drei, von denen keiner schreibt, stosse mir den kleinen Zeh am Bettpfosten und sitze schliesslich hellwach am Küchentisch – mit einem Gedanken, der mir unter der Deckenlampe plötzlich gar nicht mehr so genial vorkommt.

    Möglichkeit zwei: Ich greife zum Smartphone. Eine glänzende Idee, sofern man anschliessend auch erfahren möchte, wie spät es ist (zu spät), ob es morgen regnet (vielleicht), was die Welt gerade in Aufruhr versetzt (alles) und warum man seit vierzig Minuten Videos von Ziegen auf Trampolinen schaut.

    Schlaf? Welcher Schlaf?

    Möglichkeit drei: Ich bleibe liegen und schwöre feierlich, mir alles zu merken.

    Diese Variante ist bei mir die beliebteste. Nicht, weil sie zuverlässig wäre – um Himmels willen –, sondern weil sie so herrlich wenig Aufwand macht. Kein Aufstehen. Kein Licht. Kein Gerät. Nur denken.

    Und genau da schnappt die Falle zu.

    Denn kaum merke ich mir die erste Idee, kommt die zweite. Dann die dritte. Und ehe ich mich versehe, schreibe ich im Kopf an einem Text, den es noch gar nicht gibt: Überschriften, Argumente, Übergänge, Schlusspointe. Ich feile an Sätzen, als ginge es um den Literaturnobelpreis.

    Mein Gehirn schreibt also ein ganzes Buch, während meine Hände friedlich unter der Decke liegen und sich weigern, auch nur einen Finger zu rühren.

    Eine bemerkenswerte Arbeitsteilung.

    Leider mit miserabler Dokumentation. Jedes Amt würde sie mir um die Ohren hauen.

    Mein Gehirn braucht dringend einen Projektmanager

    Irgendwann fragt man sich, ob das noch normal ist.

    Andere zählen Schafe.

    Ich plane Texte.

    Andere denken zum Einschlafen an einen Spaziergang am Meer.

    Ich entwickle im Dunkeln Beiträge für meine Webseite. Das Meer kommt höchstens als Metapher vor.

    Andere drehen sich um und schlafen weiter.

    Ich sitze in einer Redaktionskonferenz mit zwölf unsichtbaren Teilnehmern, von denen jeder etwas anderes will, keiner Protokoll führt und niemand bereit ist, die Sitzung zu beenden. Kaffee gibt es auch keinen. Skandal.

    Was mir fehlt, ist offensichtlich ein Organisationssystem. Ein geistiger Notfalldienst. Ein kleines Ideenmanagement mit Ablagefächern:

    Kategorie A: unbedingt aufschreiben.

    Kategorie B: interessant, aber nicht lebensnotwendig.

    Kategorie C: vermutlich eine Schnapsidee. Ganz ohne Schnaps.

    Kategorie D: sofort vergessen und nie wieder erwähnen. Auch nicht unter Folter.

    Dumm nur, dass um drei Uhr morgens alles in Kategorie A landet. Auch die Frage, ob Pinguine eigentlich kalte Füsse bekommen. Oder ob man diese eine Geschichte nicht völlig anders anfangen müsste. Oder ob ich die Haustür abgeschlossen habe. (Habe ich. Glaube ich. Wahrscheinlich.)

    Man weiss ja nie! Vielleicht ist genau dieser Gedanke der Anfang von etwas Grossartigem.

    Vielleicht aber auch nur der Beweis, dass mein Gehirn dringend Urlaub braucht. Am besten in einem Hotel ohne WLAN und mit striktem Verbot, nach Mitternacht neue Aufträge anzunehmen.

    Die Sache mit dem Konzept

    Ich müsste mir also etwas einfallen lassen. Was angesichts der Lage ja nicht das Problem sein sollte.

    Ein Notizbuch auf dem Nachttisch zum Beispiel. Mit einem Stift, der tatsächlich schreibt und nicht erst eine Paartherapie mit seiner Mine braucht.

    Oder eine Sprachaufnahme, in die ich meine Geistesblitze flüstere.

    Wobei ich mich dabei selbst nicht ganz ernst nehmen kann. Ich höre mich schon nachts um halb vier ins Handy murmeln:

    «Also. Wichtige Idee. Unbedingt merken. Es geht um …»

    Pause.

    «Moment. Worum ging es noch mal?»

    Längere Pause. Leises Schnarchen.

    «Ach ja! Nein. Doch nicht.»

    Das gäbe ein grossartiges Hörbuch. Genre: unfreiwillige Komik. Zielpublikum: sehr, sehr überschaubar.

    Bleibt noch die Möglichkeit, darauf zu vertrauen, dass die wirklich guten Ideen wiederkommen.

    Ein beruhigender Gedanke. Der bei mir sofort einen beunruhigenden auslöst: Und wenn nicht?

    Was, wenn dieser eine, wunderbar klare, beinahe druckreife Einfall für immer in den Tiefen meines Unterbewusstseins versinkt? Gleich neben dem Namen meiner Handarbeitslehrerin und der Frage, wo ich 1987 meinen Regenschirm stehen liess?

    Ärgerlich wäre das.

    Andererseits: Vielleicht war er gar nicht so genial. Vielleicht hat mein Gehirn einfach ein Talent dafür, gewöhnliche Einfälle bei Dunkelheit zu Meisterwerken aufzublasen. Wie Kerzenlicht beim ersten Rendezvous: Alles wirkt schöner, als es ist.

    Das würde zumindest einiges erklären.

    Kreativität kennt keine Bürozeiten

    Trotz allem: Missen möchte ich diese Nächte nicht.

    So nervig sie sind – sie beweisen immerhin, dass im Oberstübchen noch Betrieb herrscht. Dass Ideen entstehen, sich verknüpfen, neue Wege einschlagen und dort auftauchen, wo man sie beim besten Willen nicht erwartet. Zum Beispiel im Bett. Um drei.

    Vielleicht braucht Kreativität die Stille. Vielleicht meldet sie sich gerade dann, wenn draussen alles verstummt und endlich Platz für anderes entsteht.

    Oder mein Gehirn hat schlicht nicht begriffen, wozu die Nacht da ist.

    Man weiss es nicht.

    Fest steht: Meine innere Ideenfabrik arbeitet nach einem eigenen Schichtplan. Tagsüber herrscht verdächtige Ruhe – da sitze ich vor dem leeren Bildschirm, und der Cursor blinkt mich an wie ein gelangweilter Kellner. Aber kaum liege ich, wird die Produktion hochgefahren. Die Maschinen dröhnen, die Belegschaft ist vollzählig, und der Betriebsleiter hat persönlich beschlossen, dass heute Nacht noch Sonderschichten fällig sind.

    Ob ich einverstanden bin, wurde nicht abgeklärt. Gefragt wird man ja nie.

    Eine Gewerkschaft für übermüdete Gedanken ist längst überfällig. Ich würde sofort beitreten. Notfalls auch nachts.

    Und was mache ich jetzt damit?

    Ich könnte mein Gehirn zur Ordnung rufen. Ihm einen Vortrag über Ruhezeiten halten. Ihm erklären, dass gute Ideen auch morgen um zehn noch herzlich willkommen sind, gern bei einer Tasse Kaffee.

    Ich könnte die Gedanken einfach ziehen lassen. Manchmal gelingt mir das sogar. Ungefähr so oft, wie ich im Laden nur das kaufe, was auf dem Einkaufszettel steht.

    Meistens aber liege ich da und denke. Über Geschichten, die erzählt werden wollen. Über Dinge, die mir auffallen, mich beschäftigen oder zum Schmunzeln bringen. Und ob andere vielleicht genauso darüber denken. (Falls ja: Willkommen im Club. Wir treffen uns um drei. Pyjama ist Pflicht.)

    Und irgendwann merke ich, dass ich längst nicht mehr versuche einzuschlafen. Ich bin schon mitten im nächsten Beitrag.

    Wunderbar.

    Wieder eine Nacht, in der mein Gehirn produktiv war – und ich am Morgen aussehe, als hätte ich in einer schlecht beleuchteten Fabrik Schrauben sortiert. Was ich im übertragenen Sinne ja auch getan habe.

    Vielleicht brauche ich gar kein perfektes System. Vielleicht reicht ein bisschen Vorbereitung: Notizbuch, Stift, drei Stichworte, zurück ins Bett. Keine fertigen Texte. Keine Konzepte. Keine Redaktionskonferenzen mit unsichtbaren Gästen.

    Das klingt vernünftig.

    Fast schon verdächtig vernünftig. So vernünftig, dass es garantiert nicht von mir stammt.

    Jetzt muss ich mich nur noch nachts daran halten. Und vorher daran denken, das Notizbuch neben das Bett zu legen. Am besten gleich heute Abend.

    Wobei … wenn ich jetzt so darüber nachdenke: Aus diesem ganzen Thema könnte man eigentlich einen ziemlich unterhaltsamen Text machen.

    Über nächtliche Geistesblitze. Über Ideen ohne Öffnungszeiten. Und darüber, wie schwierig es ist, einen vernünftigen Gedanken festzuhalten, wenn man eigentlich nur schlafen möchte.

    Das wäre doch etwas!

    Moment mal.

    Den muss ich mir unbedingt merken.

    Nur für den Fall, dass ich heute Nacht wieder wach liege. Was bei diesem Thema eine ziemlich sichere Wette ist.

    Und falls mir dann noch zehn andere Ideen einfallen, werde ich ganz bestimmt nicht versuchen, sie alle im Kopf zu behalten.

    Nein. Diesmal nicht.

    Ich werde ganz ruhig bleiben, mich umdrehen und verkünden:

    «Liebe Kreativabteilung, herzlichen Dank für euren ausserordentlichen Einsatz. Eure Vorschläge werden geprüft. Die nächste Sitzung findet morgen früh statt – nach dem Kaffee, nicht davor. Bis dahin wünsche ich allen eine erholsame Nachtruhe. Licht aus.»

    Dann mache ich die Augen zu. Ganz fest.

    Und warte darauf, dass die nächste Idee anklopft.

    Denn seien wir ehrlich: Sie wird kommen. Sie kommt immer. Meistens ohne anzuklopfen.

    Gute Nacht, liebes Gehirn. Und bitte, bitte: Keine Überstunden mehr ohne schriftlichen Antrag in dreifacher Ausfertigung!

  • Multitasking: Mein Gehirn hat 27 Tabs offen, und keiner lässt sich schliessen

    Multitasking: Mein Gehirn hat 27 Tabs offen, und keiner lässt sich schliessen


    Was ist Multitasking? Und bin ich das?

    Aber selbstverständlich! Was für eine Frage! Ich bin quasi die wandelnde Definition davon. Ein Grossraumbüro auf zwei Beinen, mit integrierter Haushaltsabteilung und einer kreativen Ideenfabrik im Oberstübchen.

    Ich sitze am Laptop und schreibe, arrangiere Texte, komponiere Lieder und sortiere Bilder. Nebenbei springe ich zwischen zwei Browsern und ungefähr zehn geöffneten Tabs hin und her. Zehn auf dem Bildschirm, wohlgemerkt. Im Kopf sind es siebenundzwanzig. Welcher Tab gerade wofür zuständig ist? Keine Ahnung. Aber ich erkenne ihn bestimmt wieder, wenn ich ihn sehe. Vielleicht.

    Im Hintergrund läuft die Waschmaschine, sie ist gleich fertig. Der Dampfkochtopf steht kurz vor dem Pfeifen. Und ich bin mitten in einem Satz, der UNBEDINGT noch fertig werden muss. Denn wenn ich jetzt aufhöre, ist die geniale Formulierung womöglich für immer verloren. Zusammen mit drei anderen Geistesblitzen, die sich bereits klammheimlich aus meinem Arbeitsspeicher verabschiedet haben.

    Also schnell den Satz zu Ende schreiben. Dann Wäsche aufhängen.

    Während ich mit einem Berg feuchter Wäsche ringe, läuft mein Gehirn zur Höchstform auf. Die Gedanken überschlagen sich, Ideen schiessen aus allen Ecken, und plötzlich weiss ich, wie der Refrain meines neuen Songs klingen muss. Gleichzeitig fällt mir die perfekte Fortsetzung für diesen Blogbeitrag ein.

    Ich bin ein kreatives Kraftwerk! Ein Hochleistungscomputer auf zwei Beinen! Ein Genie mit Wäscheklammern!

    Bis mir einfällt, dass der Dampfkochtopf verdächtig ruhig geworden ist.

    Moment mal. War der nicht gerade kurz vor dem Pfeifen?

    STOOOPP! Kochplatte runterdrehen!

    Zurück zum Laptop. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, beim Multitasking. Wobei ich nicht mehr weiss, ob ich diesen Gedanken schon aufgeschrieben oder nur sehr überzeugend im Kopf formuliert habe.

    Egal. Weiter geht’s!

    Chaos mit System. Also meistens.

    Multitasking klingt nach einer besonderen Begabung. Nach Menschen, die gleichzeitig telefonieren, E-Mails beantworten, eine Präsentation vorbereiten und dabei entspannt lächeln.

    Ich dagegen habe zehn Tabs offen, drei Ideen im Kopf, eine Waschmaschine im Schleudergang und einen Dampfkochtopf, der lautstark auf sich aufmerksam macht. Entspannt lächeln? Ich lächle. Aber eher so, wie man im Zahnarztstuhl lächelt.

    Und trotzdem funktioniert es. Meistens.

    Ich kann einen Text schreiben und dabei über eine Melodie nachdenken. Ich kann Wäsche aufhängen und dabei ein komplettes Lied arrangieren. Ich kann Bilder sortieren und gleichzeitig überlegen, ob meine Webseite noch eine neue Rubrik verträgt. (Sie verträgt. Sie verträgt immer.)

    Was ich allerdings nicht kann: mich erinnern, weshalb ich gerade in die Küche gegangen bin.

    Oder wo ich die Schere hingelegt habe.

    Oder warum ich diesen Browser geöffnet habe, in dem ich jetzt seit fünf Minuten auf eine Webseite starre, die mit meiner ursprünglichen Absicht ungefähr so viel zu tun hat wie ein Pinguin mit einer Steuererklärung.

    Aber hey, niemand ist perfekt!

    Mein Gehirn kennt keine Bürozeiten

    Ich möchte einen Text fertig schreiben. Mein Gehirn dagegen hat beschlossen, dass jetzt der ideale Zeitpunkt für eine neue Songidee ist.

    Ich konzentriere mich also auf den Song, und prompt fällt mir ein, dass ich dringend die Bilder für meine Webseite sortieren sollte.

    Ich öffne den Ordner und entdecke ein Foto, das mich an etwas erinnert, das ich vor drei Wochen unbedingt erledigen wollte.

    Schon bin ich gedanklich drei Wochen zurück, zwei Projekte weiter und mindestens fünf Aufgaben voraus.

    Die ursprüngliche Aufgabe? Verschollen. Wahrscheinlich sitzt sie in einer dunklen Ecke meines Bewusstseins, die Arme verschränkt, und wartet beleidigt darauf, dass ich mich wieder an sie erinnere.

    Ich habe den Verdacht, dass mein Gehirn heimlich ein eigenes Projektmanagement betreibt. Ohne Rücksprache, ohne Prioritätenliste und ohne jeden Respekt vor Zeitplänen. Vermutlich mit regelmässigen Sitzungen, zu denen ich nie eingeladen werde. Das Motto dieser Sitzungen: Alles ist wichtig, alles ist dringend, und alles muss JETZT erledigt werden!

    Na dann. Auf geht’s!

    Die besten Ideen kommen garantiert im falschen Moment

    Natürlich hat mein persönliches Multitasking-System auch Vorteile.

    Die besten Ideen kommen mir nämlich selten dann, wenn ich brav vor einem leeren Dokument sitze und mir krampfhaft etwas Kreatives aus den Fingern sauge.

    Nein, sie kommen beim Wäscheaufhängen. Beim Kochen. Unter der Dusche. Im Bett. Oder genau in dem Moment, in dem ich endlich aufstehen möchte.

    Plötzlich ist sie da, die zündende Idee! Eine Textzeile, eine Melodie, eine geniale Formulierung!

    Und jetzt? Sofort aufschreiben!

    Denn ich kenne mein Gehirn. Was vor zehn Sekunden noch eine Offenbarung war, kann fünf Minuten später schon im Bermudadreieck meiner Gedanken verschwunden sein.

    Also eile ich zum Laptop, spreche mir etwas ins Handy oder kritzle eine Notiz auf den nächstbesten Zettel.

    Der Zettel landet neben dem Laptop, zwischen einer Einkaufsliste, einer Telefonnummer ohne Namen und einer Notiz, auf der in Grossbuchstaben steht:

    «UNBEDINGT DARAN DENKEN!»

    Woran ich denken sollte?

    Keine Ahnung.

    Aber es war offenbar wichtig.

    Alles gleichzeitig. Auch der Nervenzusammenbruch.

    Die Waschmaschine piepst.

    Der Dampfkochtopf pfeift.

    Das Telefon klingelt.

    Der Laptop meldet ein Update.

    Und ich stelle fest, dass ich seit Stunden nichts gegessen habe.

    In meinem Kopf läuft das interne Krisenmanagement auf Hochtouren.

    Priorität 1: Kochplatte ausschalten.
    Priorität 2: Dampfkochtopf entschärfen.
    Priorität 3: Wäsche aus der Maschine holen, bevor sie dort ein Eigenleben entwickelt.
    Priorität 4: Den genialen Gedanken retten, der mir gerade durch den Kopf geschossen ist.
    Priorität 5: Herausfinden, wer anruft.
    Priorität 6: Mich daran erinnern, was ich eigentlich essen wollte.

    Und irgendwo dazwischen sollte ich vielleicht auch noch diesen Blogbeitrag fertig schreiben.

    Ganz ehrlich: Wer braucht ein Fitnessstudio, wenn er Multitasking betreibt? Ich trainiere täglich Konzentration, Reaktionsgeschwindigkeit und die Kunst, innerhalb von drei Sekunden von kreativer Hochstimmung auf häusliches Krisenmanagement umzuschalten.

    Das Einzige, was dabei regelmässig auf der Strecke bleibt, ist meine Ruhe.

    Aber wer braucht schon Ruhe, wenn er zehn offene Tabs hat?

    Kann man Multitasking eigentlich lernen?

    Man könnte natürlich versuchen, alles schön der Reihe nach zu erledigen.

    Ich habe es probiert. Einmal. An einem Dienstag. Laptop zu, Handy weg, nur Wäsche. Nach vier Minuten summte der Refrain in meinem Kopf. Nach sechs Minuten stand der Laptop wieder offen. Nach acht Minuten hing die Wäsche zwar, aber ein Socken lag im Kühlschrank. Fragt nicht.

    Inzwischen habe ich gelesen, dass es echtes Multitasking gar nicht gibt. Fachleute sagen, das Gehirn erledigt nicht mehrere Dinge gleichzeitig, sondern springt blitzschnell zwischen ihnen hin und her. Jeder Sprung kostet ein bisschen Zeit und Energie, und auch mit viel Übung stösst man irgendwann an eine Grenze.

    Ich bin also gar keine Multitaskerin. Ich bin Weltmeisterin im Tab-Wechseln. Klingt weniger glamourös, erklärt aber einiges. Zum Beispiel die Schere.

    Lernen werde ich es wohl nicht mehr. Und ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht. Denn irgendwo zwischen Wäscheklammern, Dampfkochtopf und Tab Nummer 27 entstehen meine besten Lieder, meine liebsten Geschichten und dieser Text hier. Mein Chaos ist kein Fehler im System. Es ist das System.

    Und jetzt entschuldigt mich. Irgendwo piepst etwas.

  • Heimatbesuch – oder: Wie meine Würste die Sicherheitskontrolle aufmischten

    Heimatbesuch – oder: Wie meine Würste die Sicherheitskontrolle aufmischten

    Wer im Ausland lebt, kennt das Ritual: Kaum steht ein Heimatbesuch an, wird der Koffer zur Schatztruhe. Ragusa, Toblerone, Aromat, Sauerkraut, Raclette, Fonduemischung, Servelats, Bratwürste … Die Einkaufsliste von uns Auslandschweizern liest sich wie ein Rezept gegen Heimweh. Nur reden da immer zwei kräftig mit: der Zoll und die Waage am Check-in. Und manchmal, wie ich lernen musste, auch der Metalldetektor.

    Tüt-tüt!

    Es ist schon ein paar Jahre her. Ich war auf dem Heimweg nach Kreta. Im Gepäck hatte ich eine stattliche Ladung Raclette, Servelats und Bratwürste, klug verteilt auf den Koffer und meinen grossen Rucksack. Was im Koffer keinen Platz mehr fand, reiste eben als Handgepäck mit. Was sollte da schon schiefgehen?

    An der Sicherheitskontrolle legte ich brav Rucksack, Jacke und Gürtel aufs Band und schritt durch den Scanner. Rot. Tüt-tüt. Ich kenne das. Diese Geräte lieben mich, keine Ahnung warum. Ich trage weder Schmuck noch Prothesen, offenbar nur eine ganz besondere Ausstrahlung. Also nochmals durch. Rot. Tüt-tüt.

    Jetzt kam, was kommen musste: das Abtasten. Ich mag es ungefähr so sehr wie eine Zahnarztrechnung. Danach, Sie ahnen es, ein drittes Mal durch den Scanner. Tüt-tüt.

    Hinter mir wurde die Schlange länger und das Gemurmel lauter. Also Schuhe aus, Socken aus. Ein Beamter prüfte meine Fusssohlen so gründlich, dass jede Pédicure neidisch geworden wäre. Schuhe und Socken fuhren übers Band, und wieder leuchtete es rot. Drei Leute beugten sich nun über meine Schuhe wie Chirurgen über einen kniffligen Fall. Die Diagnose: ein winziges Metallstückchen, das sich irgendwann in meine Sohle verirrt hatte. Fall gelöst!

    Denkste.

    Die Wurstparade

    Nun war mein Rucksack dran. «Bitte öffnen und ausräumen.» Heraus kamen sie, eins nach dem anderen: Servelat-Pärchen, Bratwurst-Pärchen, säuberlich vakuumverpackt, dazu zwei Packungen Raclettekäse. Ich durfte jedes Stück einzeln aufs Band legen. Piep. Piep. Piep. Ich kam mir vor wie an der Supermarktkasse, nur dass mich niemand nach der Kundenkarte fragte.

    Hinter mir war die Stimmung inzwischen gekippt: Aus genervt wurde amüsiert. Es wurde gekichert und gegrinst, und irgendwer klatschte sogar. Eine Vorstellung mit Würsten in der Hauptrolle sieht man schliesslich nicht alle Tage. Irgendwann durfte ich meine Charcuterie wieder einpacken und mit hochrotem Kopf und dem letzten Rest Würde in die Abflughalle entschwinden.

    Gestrandet in Athen

    Im Flugzeug beruhigte sich mein Puls. Jetzt nur noch in Athen umsteigen, dann wäre ich zu Hause.

    Denkste, die Zweite. Wegen schlechten Wetters wurde der Anschlussflug gestrichen. Warten. Warten. Noch mehr warten. Schliesslich hiess es: Gepäck abholen, auf den Bus warten, ab ins Hotel. Und ich dachte nur an eines: Meine Würste! Mein Käse!

    Das Hotel hielt Winterschlaf, denn es war Nebensaison. Man sperrte es eigens für uns Gestrandete auf, und entsprechend sah es aus. Wir hatten ein Dach über dem Kopf, ein Bett und sonst nicht viel. Der Kühlschrank war ausser Betrieb. Guter Rat war teuer. Der Raclette übrigens auch.

    Also griff ich zur Notlösung: Badewanne voll kaltes Wasser, Würste und Käse hinein – plunsch! – und ab ins Bett. Während andere Gäste von der Heimreise träumten, nahmen meine Servelats ein kühles Bad. Am Morgen fischte ich alles heraus, legte es zum Trocknen aufs Badetuch, verteilte es wieder auf Koffer und Rucksack, und dann ging’s endlich, endlich nach Hause.

    Und die Moral von der Geschicht’?

    Seither schleppe ich keine Würste mehr über die Alpen. Nicht aus Angst vor dem Scanner. Na gut, ein bisschen schon. Aber vor allem, weil in meiner Küche längst andere das Sagen haben: Graviera statt Raclette, Loukaniko statt Servelat und zum Abschluss ein Gläschen Raki. Kreta hat gewonnen.

    Und die Leute an der Sicherheitskontrolle? Die vermissen mich bestimmt.

  • Schoggi, Banken, Kuhglocken – die Schweiz, wie die Welt sie sieht (und wie wir sie schönreden)

    Schoggi, Banken, Kuhglocken – die Schweiz, wie die Welt sie sieht (und wie wir sie schönreden)

    Seit ich auf Kreta lebe, werde ich regelmässig erklärt. Nicht von mir, sondern von anderen. «Ah, Elvetía!», ruft Jannis vom Kiosk, sobald er meinen Akzent hört, und reibt Daumen und Zeigefinger aneinander. Ich lächle und nicke. Was soll ich ihm auch sagen? Dass ich in der Schweiz auch schon am Monatsende die Rappen gezählt habe? Das glaubt mir hier niemand. Eine Schweizerin ohne Goldbarren im Handgepäck ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Grieche ohne Meinung.

    Also habe ich mich gefragt: Wie sieht uns die Welt eigentlich? Und, viel spannender: Hat sie vielleicht recht?

    Der Blick aus Amerika: Schokolade, Geld und ein bisschen Schweden

    Beginnen wir beim Amerikaner. Für ihn ist die Schweiz ein Land so gross wie ein mittlerer Parkplatz in Texas, irgendwo zwischen Paris und den Alpen, und mit etwas Pech verwechselt er sie mit Schweden. «Switzerland? Oh, I love your meatballs!» Für eine Schweizerin gibt es kaum eine grössere Beleidigung. Ausser vielleicht, wenn jemand Fondue mit Emmentaler allein macht.

    Dann die Schokolade. Hier muss ich leider gestehen: schuldig im Sinne der Anklage. Wir Schweizerinnen und Schweizer haben 2025 pro Kopf 10,3 Kilo Schokolade gegessen. Das ist sogar etwas weniger als im Vorjahr, weil die Preise gestiegen sind. Wir nennen das nicht Verzicht, sondern Diät auf Schweizer Art: Man isst weniger, bezahlt aber mehr. Klingt vertraut? Genau so funktioniert bei uns auch das Mittagsmenü.

    Und natürlich das Geld. Der Amerikaner stellt sich vor, dass unter jedem Chalet ein Tresor liegt und jede Bäuerin nebenbei ein Nummernkonto verwaltet. Ich kann das bestätigen: Mein Nummernkonto heisst Sparschwein, steht im Küchenschrank und hat die Nummer 1. Das berühmte Bankgeheimnis ist übrigens längst so löchrig wie ein Stück Emmentaler. Aber das erzählen wir im Ausland nicht so gern. Ein bisschen Geheimnis steht uns einfach gut.

    Bleiben noch die Kuhglocken und die Kuckucksuhr. Die Kuhglocken sind echt, ich schwöre es. Sie bimmeln den ganzen Sommer, und hin und wieder zieht ein Neuzuzüger aus der Stadt vor Gericht, weil ihn das Gebimmel um den Schlaf bringt. Er zieht aufs Land wegen der Idylle und verklagt dann die Idylle. Sehr schweizerisch. Die Kuckucksuhr dagegen stammt eigentlich aus dem Schwarzwald. Wir haben sie nicht erfunden, aber wir verkaufen sie mit grosser Überzeugung. Auch das ist eine Schweizer Kernkompetenz.

    Ach ja, und das Taschenmesser. Ein Werkzeugkasten für die Hosentasche, mit Säge, Schere, Lupe und Zahnstocher. Auf alles vorbereitet, für nichts zuständig. Wenn das kein Porträt unserer Aussenpolitik ist, weiss ich auch nicht. Die Schweiz hat zu allem eine Meinung, sie sagt sie nur nicht laut. Man nennt das Neutralität.

    Der Blick aus Asien: Heidi, Bollywood und ein Steg für fünf Franken

    Ganz anders der Blick aus Asien, wobei es «den» Asiaten natürlich ebenso wenig gibt wie «den» Schweizer, der jodelt. Jedes Land hat seine eigene Schweiz im Kopf.

    In Japan ist die Schweiz vor allem eines: Heidi. Eine japanische Zeichentrickserie aus den Siebzigerjahren hat das Mädchen mit den roten Backen zum Nationalheiligtum gemacht, und manche Besucherinnen sind ehrlich enttäuscht, wenn auf der Alp kein Geissenpeter wartet. Dafür steht dort ein Selecta-Automat. Immerhin.

    In Indien ist die Schweiz die Kulisse für die ganz grosse Liebe. Jahrzehntelang tanzten Bollywood-Stars in Seidensaris durch Schnee und Blumenwiesen, vor allem in den Filmen des Regisseurs Yash Chopra. Die Dankbarkeit ist so gross, dass ihm Interlaken 2016 eine Bronzestatue aufgestellt hat, und bei der Jungfraubahn fährt sogar ein Zug mit seinem Namen. Für uns ist der Lauenensee ein Bergsee mit kaltem Wasser. Für ein indisches Hochzeitspaar ist er der romantischste Ort der Welt. Vielleicht sollten wir öfter durch fremde Augen schauen.

    In Korea wiederum genügt ein Holzsteg. Ein einziger, kurzer Bootssteg in Iseltwald am Brienzersee, einem Dorf mit rund 420 Einwohnerinnen und Einwohnern. Weil dort in einer koreanischen Fernsehserie ein Mann für seine Liebste Klavier spielt, stehen die Fans heute Schlange für ein Foto. Und was hat die Gemeinde gemacht? Natürlich: ein Drehkreuz aufgestellt. Seither kostet die Romantik fünf Franken pro Person. Ich finde, das ist die Schweiz in einem Satz: Kaum ist etwas schön, steht ein Kässeli davor.

    Und wer aus China in zehn Tagen acht Länder Europas besucht, sieht die Schweiz als eintägige Etappe: Luzern, ein Berg mit Schnee, ein Uhrengeschäft. Am Abend ist der Koffer schwerer und das Portemonnaie leichter. Gemäss einer verbreiteten Theorie ist das der eigentliche Zweck des Tourismus.

    Was alle gemeinsam haben: Schnee, Gletscher und das Matterhorn. Das Matterhorn ist ohnehin der einzige Schweizer, der auf jedem Foto gut aussieht, sogar von hinten. Von der berühmten Dreiecksschoggi musste es allerdings herunter, seit ein Teil der Produktion ins Ausland gezogen ist. Swissness ist streng. Und die Gletscher? Die gibt es noch. Solange Vorrat.

    Und wir? Wie wir unser Land erklären

    Jetzt kommt der heikle Teil. Wie erklären wir Schweizer unser Land, wenn man uns im Ausland fragt? Ganz einfach: Wir spielen alles herunter.

    «Teuer? Ach, so schlimm ist es gar nicht», sagen wir und verschweigen, dass der Kaffee am Bahnhof sechs Franken kostet. «Reich? Es geht.» «Schön? Nicht schlecht.» Wer die Schweizer Sprache nicht kennt: «nicht schlecht» ist bei uns das höchste Lob, gleich nach «doch, doch». Begeisterung zeigen wir im Stillen, am liebsten zu Hause und hinter geschlossenen Vorhängen.

    Dann erklären wir die direkte Demokratie. Viermal im Jahr stimmen wir ab, über Kampfjets, Krankenkassen und gelegentlich über die Hörner von Kühen. Das Ausland staunt. Wir verschweigen dabei, dass die Hälfte von uns gar nicht hingeht. Aber die, die gehen, gehen pünktlich.

    Wir erzählen von unseren vier Landessprachen und davon, wie harmonisch das alles funktioniert. Dass sich ein Zürcher und eine Genferin im Zug am Ende auf Englisch unterhalten, behalten wir lieber für uns. Ebenso den Röstigraben, der uns zuverlässiger trennt als jede Grenze.

    Und dann die Pünktlichkeit. Ja, sie ist wahr. Wenn bei uns ein Zug drei Minuten Verspätung hat, entschuldigt sich eine Stimme im Lautsprecher, als hätte sie persönlich einen Weltkrieg verloren. Hier auf Kreta kommt der Bus, wenn er kommt. Ich habe mehr zwanzig Jahre gebraucht, um das «siga-siga» zu lernen. Mein Schweizer Herz zuckt trotzdem noch jedes Mal.

    Was wir im Ausland nie erwähnen: die Abfalltrennung mit ihren Dutzenden Kategorien, die Waschküchenordnung mit festen Zeiten und das Verbot, am Sonntag den Rasen zu mähen. Auf dem Wanderweg grüssen wir jeden Wildfremden mit «Grüezi», aber den Nachbarn, der seit zwanzig Jahren nebenan wohnt, siezen wir noch immer. Das ist kein Widerspruch, sondern Schweizer Logik. Nähe ja, aber bitte mit Abstand.

    Klischee oder wahr?

    Und nun die grosse Frage: Stimmen die Klischees, oder sind sie erfunden?

    Die ehrliche Schweizer Antwort lautet: Ja.

    Wir essen tatsächlich zu viel Schokolade. Die Kühe bimmeln wirklich. Die Züge sind pünktlich, die Berge sind schön, und das Geld ist… sagen wir: ungleich verteilt, wie überall. Nur reden wir nicht darüber. Und genau das ist vielleicht das grösste Klischee von allen: dass wir Schweizer alles haben, nur keine Lust, es zuzugeben.

    Aus der Ferne, von meiner Terrasse über dem Mittelmeer, sehe ich mein Land heute mit einem Augenzwinkern, aber auch mit viel Zärtlichkeit. Ich vermisse das Brot, die Ordnung und den Duft von frisch gemähtem Gras am Samstag (nie am Sonntag!). Die Waschküchenordnung vermisse ich nicht.

    Und am 1. August hisse ich auf meiner kretischen Terrasse trotzdem das Schweizer Fähnli. Pünktlich, versteht sich.

  • Demokratie mit Handzeichen

    Demokratie mit Handzeichen

    Die alten Griechen haben die Demokratie erfunden. Wir Schweizer haben die Gebrauchsanweisung gelesen – ganz, mit allem Kleingedruckten. Weil wir gründlich sind, benutzen wir sie seither etwa viermal im Jahr.

    In anderen Ländern darf das Volk alle paar Jahre wählen und hofft danach, dass die Politik den Wink verstanden hat. Bei uns landet regelmässig ein dickes Abstimmungskuvert im Briefkasten, irgendwo zwischen Pizzaflyer und Stromrechnung. Den Stimmzettel legen wir dann neben die Einkaufsliste: Milch, Brot, Butter und nebenbei die Zukunft des Landes. Demokratie zum Ankreuzen, jetzt auch mit Beilage.

    Wir entscheiden alles. Wirklich alles.

    Sollen Bauern einen Batzen extra bekommen, wenn ihre Kühe die Hörner behalten dürfen? Darüber hat die ganze Nation abgestimmt. Die Kühe durften nicht mitreden, und so ging die Sache auch aus.

    Sechs Wochen Ferien für alle? Zwei Drittel sagten Nein danke, man hat schliesslich zu tun. Ein Grundeinkommen, einfach so vom Staat? Über drei Viertel lehnten ab. Vermutlich aus tiefem Misstrauen: Was nichts kostet, kann ja nichts taugen.

    Es gibt nur ein Volk auf der Welt, das sich selbst freiwillig mehr Ferien verweigert. Wir sind stolz darauf. Glaube ich.

    Dass trotzdem oft nur knapp die Hälfte abstimmen geht, ist übrigens kein Desinteresse. Es ist Vertrauen: Die andere Hälfte wird’s schon richten.

    Die Hand hoch, bitte

    Wem das alles noch nicht direkt genug ist, der fährt nach Appenzell Innerrhoden oder Glarus. Dort wird an der Landsgemeinde noch unter freiem Himmel mit erhobener Hand abgestimmt. Tausende Menschen, alle mit dem Arm in der Luft. Das ist die älteste Form der digitalen Abstimmung: ein Arm, ein Signal, kein vergessenes Passwort.

    Ganz so flott sind wir allerdings nicht immer. Das Frauenstimmrecht kam auf Bundesebene erst 1971, da waren andere schon auf dem Mond gelandet. In Appenzell Innerrhoden durften die Frauen 1990 zum ersten Mal die Hand heben, und auch da erst, nachdem das Bundesgericht kräftig nachgeholfen hatte. Gut Ding will Weile. Sehr, sehr viel Weile.

    Sieben Chefs und keiner auf dem Balkon

    Regiert wird die Schweiz von sieben Bundesrätinnen und Bundesräten, die gemeinsam entscheiden müssen. Es gibt keinen Präsidenten, der sich auf dem Balkon als Staat feiern lässt, sondern ein Kollegium, das sich zusammenraufen muss. Das Bundespräsidium wechselt jedes Jahr. Zwölf Monate lang ist jemand «Erster unter Gleichen», danach wird der Staffelstab weitergereicht. Das ist die politische Version von: «Du darfst dieses Jahr die Sitzung eröffnen.»

    Wer gerade Bundespräsident ist, wissen viele Schweizer selbst nicht so genau. Das ist kein Fehler im System, das ist das System. Unsere Regierungsmitglieder trifft man auch schon mal im Zug, ganz ohne Blaulicht und Kolonne. Anderswo wäre das ein Sicherheitsrisiko. Bei uns ist es höchstens ein Risiko, dass man ihnen den Fensterplatz wegschnappt.

    Zwei Kammern, keine Fäuste

    Das Parlament ist schön schweizerisch aufgeteilt: 200 Mitglieder im Nationalrat vertreten das Volk, 46 im Ständerat die Kantone. Sind sich die beiden Kammern nicht einig, wird so lange hin- und hergeschickt, bis es passt. Das nennt sich Differenzbereinigung. Anderswo würde man es «die Folge, in der niemand den Raum verlassen darf» nennen.

    Gestritten wird natürlich trotzdem. Aber meist so gesittet, dass man meint, die Leute wollten nachher noch zusammen einen Kaffee trinken, und oft tun sie das sogar. Auch bei uns gibt es Zwischenrufe und spitze Bemerkungen. Nur endet der Streit eher mit einem Votum als mit einer Schlagzeile über fliegende Fäuste oder fliegende Wassergläser.

    Ein Blick über den Gartenzaun

    Hier in meiner Wahlheimat wurde das Volk 2015 auch einmal gefragt. Es sagte laut und deutlich «Ochi!», also Nein, und bekam kurz darauf trotzdem ein Ja serviert. In der Schweiz wäre das undenkbar. Wir hätten vorher drei Jahre lang eine Vernehmlassung gemacht, und am Ende hätte das Volk sowieso Nein zu mehr Ferien gesagt.

    Ein Wunsch an alle Kontinente (die Antarktis ausgenommen, dort regieren die Pinguine).

    Zwei Amtszeiten sollten für die Mächtigsten reichen. Wer nach acht Jahren immer noch nicht genug vom Regieren hat, darf sich gern ein Hobby suchen. Briefmarken zum Beispiel. Oder Kreuzworträtsel, da kann man auch alles allein bestimmen.

    Wenn dieselben Herren (und gelegentlich Damen) jahrzehntelang an der Macht kleben, wird aus Führung ein politisches Abo, das niemand mehr gekündigt bekommt. Die Welt braucht frische Gesichter und nicht noch eine Runde «Ich war schon da, als diese Krise angefangen hat».

    Vielleicht ist das der schweizerischste Gedanke überhaupt: Macht ist wichtig genug, um sie zu begrenzen. Und Demokratie ist wichtig genug, um auch den Mächtigen einmal freundlich zu sagen: «Merci vielmal für den Einsatz. Jetzt ist jemand anderes am Mikrofon.»

    Und falls jemand anderer Meinung ist: Wir können gern darüber abstimmen. Nächstes Quartal.

  • Chuchichäschtli, Grüezi und andere Halsentzündungen

    Chuchichäschtli, Grüezi und andere Halsentzündungen

    Wir Schweizer sind ein Volk der Ordnung. Unsere Züge fahren pünktlich, unser Rasen ist auf den Millimeter gemäht, und unseren Abfall trennen wir so gründlich, als ginge es um eine Bundesratswahl. Nur bei einer Sache haben wir den Überblick komplett verloren: bei der Sprache.

    Wir haben vier Landessprachen und Dutzende Dialekte. Und in jedem Tal behauptet man steif und fest, nur hier werde «richtig» gesprochen. Die Schweiz ist sprachlich ungefähr so übersichtlich wie ein Käsefondue-Rezept nach Mitternacht: Alle rühren mit, keiner weiss mehr, was drin ist, und am Schluss sind trotzdem alle zufrieden.

    Deutsch, aber nur unter Vorbehalt

    Wir Deutschschweizer sprechen Deutsch. Behaupten wir jedenfalls. Die Deutschen sehen das etwas anders, und ehrlich gesagt haben sie nicht ganz unrecht.

    Ein St. Galler und ein Walliser können sich eine halbe Stunde lang angeregt unterhalten, herzlich lachen und sich zum Abschied die Hand schütteln. Hinterher hat keiner eine Ahnung, worum es ging. Hauptsache, es war nett. Richtig sportlich wird es, wenn der Walliser noch ein paar französische Brocken einstreut. Dann braucht der St. Galler drei Kompetenzen gleichzeitig: Französisch, Deutsch und ein bisschen Hellseherei. Am Ende nickt er einfach. Nicken ist in der Schweiz ohnehin die sicherste aller Landessprachen.

    Die anderen drei (plus Zugabe)

    Die Westschweizer sprechen Französisch, aber ihr eigenes. Sie sagen ganz entspannt «septante» und «nonante», während sich die Franzosen mit «soixante-dix» und «quatre-vingt-dix» durch eine Rechenaufgabe quälen. Ein Pariser in Lausanne hält bei manchen Ausdrücken kurz inne und fragt sich, ob er falsch abgebogen ist, direkt in ein sprachliches Paralleluniversum.

    Im Tessin spricht man Italienisch, allerdings mit Schweizer Handbremse: gleiche Melodie, halbe Lautstärke, und die Hände bleiben meistens in der Hosentasche.

    Und dann sind da noch unsere rätoromanischen Landsleute im Bündnerland, eine kleine, stolze Minderheit. Weil eine Sprache allein offenbar zu einfach wäre, gibt es sie gleich in fünf Schriftvarianten. Typisch Schweiz: Wenn schon klein, dann wenigstens kompliziert.

    Woran man uns sofort erkennt

    Richtig exotisch werden wir erst jenseits der Landesgrenze. Dann verrät uns ein einziger Laut: das «Ch». Es entsteht irgendwo zwischen Kehle, Windkanal und Kaffeemaschine beim Entkalken. Ich bin überzeugt, dass mancher deutsche Hausarzt schon eine Halsentzündung vermutet hat, wo jemand bloss «Chäs» bestellen wollte. Dazu kommt das gerollte «R». Bei manchen ist es so kräftig, dass man meint, im Satz tuckere ein kleiner Traktor den Berg hinauf.

    Wir sagen «Grüezi» statt «Guten Tag». Wir bestellen ein «Gipfeli» und kriegen mit etwas Glück ein Croissant. Wer in Hamburg nach einem «Velo» fragt, wird angeschaut, als suche er ein seltenes Alpentier. Und spätestens beim «Chuchichäschtli» ist alles klar: Diese Person ist entweder Schweizerin, oder sie hat gerade beschlossen, die deutsche Sprache zum Duell herauszufordern. Mit Spucke.

    Die Österreicher: verdächtig sympathisch

    Ganz unschuldig sind allerdings auch unsere österreichischen Nachbarn nicht. Sie sprechen zwar Hochdeutsch, aber mit Walzertakt, Charme und Wörtern, bei denen wir Schweizer nie ganz sicher sind, ob es ein Dialektausdruck, ein Schimpfwort oder eine Mehlspeise ist. Paradeiser? Topfen? Powidl? Für uns klingt alles nach Nachtisch.

    Vielleicht verstehen wir uns deshalb so gut: Jeder hält den anderen für leicht exotisch, und keiner sagt es laut. Das nennt man Diplomatie. Oder eben Neutralität.

    Kreta: das nächste Rätsel

    Man könnte meinen, ich hätte nach all dem genug Sprachchaos erlebt. Weit gefehlt. In meiner Wahlheimat Kreta spricht man Griechisch, aber eben kretisches Griechisch. Für jemanden vom Festland ist das ungefähr so, als würde ein Deutscher einem Walliser und einem St. Galler zuhören: Man erkennt die Sprache, versteht aber vorsichtshalber gar nichts. Die Kreter würzen ihre Sätze mit eigenen Wörtern, eigener Aussprache und einer Portion Temperament, die in der Schweiz für einen ganzen Kanton reichen würde.

    Ich höre zu, lächle freundlich und hoffe inständig, dass mir niemand gerade eine Frage gestellt hat.

    London, oder: wie ich sprachlos wurde

    Den ersten grossen Höhepunkt meiner Sprachkarriere erlebte ich in London. Je nach Blickwinkel war es auch der Tiefpunkt. Ich war jung, mutig und an einer Privatschule angemeldet, um endlich anständig Englisch zu lernen. Am ersten Tag musste ich mich vor der Klasse vorstellen. Ich nahm all meinen Mut zusammen, sprach tapfer drauflos und wartete auf ein anerkennendes Nicken der Professorin.

    Das Nicken kam nicht. Stattdessen erklärte sie mir vor versammelter Klasse, bevor ich Englisch lernen könne, müsse ich zuerst einmal richtig Deutsch lernen. Das werde sie mir beibringen.

    Ich war sprachlos. In allen meinen Sprachen gleichzeitig.

    Sonntagsanzug mit Wanderschuhen

    Bis heute muss ich schmunzeln, wenn Schweizer Hochdeutsch sprechen, mich selbst natürlich eingeschlossen. Es klingt, als hätte man den Sonntagsanzug angezogen, aber die Wanderschuhe anbehalten. Jede Silbe wird sorgfältig artikuliert, als müsste sie durch den Zoll. Darunter brodelt der Dialekt und wartet nur auf die nächste Gelegenheit, wieder herauszuplatzen. Spätestens beim dritten «oder?» am Satzende ist er wieder da.

    Als Auslandschweizerin musste ich mich früh anpassen. Ich habe Wörter umgestellt, Endungen geglättet und mir mühsam abgewöhnt, jedem Satz ein kleines «gell» hinterherzuschicken wie einen Dackel an der Leine. Und trotzdem breitet sich auf den Gesichtern von Deutschen und Österreichern noch heute dieses verdächtige Lächeln aus, wenn sie mir zuhören.

    Dabei spreche ich doch ganz normal. Also, für Schweizer Verhältnisse.

    Und falls mich jemand partout nicht versteht, habe ich einen Notfallplan. Ich lächle freundlich, rolle mein R, verschlucke ein paar Endungen und sage: «Das isch halt Schwiizerdütsch.» Dann verabschiede ich mich mit einem herzlichen:

    «Adieu mitenand – und viel Glück beim Übersetzen!»