Va, pensiero – Sehnsucht, Freiheit und ganz grosses Gefühl

Mit «Va, pensiero», dem berühmten Gefangenenchor aus Giuseppe Verdis Oper «Nabucco», erklingt eines der bewegendsten Werke der Opernliteratur. Die gefangenen Hebräer im babylonischen Exil sehnen sich nach ihrer verlorenen Heimat, nach Freiheit und nach einer Zeit, in der ihr Leben noch unbeschwert war. Ihre Gedanken sollen davonfliegen – «auf goldenen Flügeln» – und dorthin zurückkehren, wo sie einst zu Hause waren.

Dass es diesen Chor überhaupt gibt, grenzt an ein kleines Wunder. Ende der 1830er-Jahre verlor der junge Verdi innerhalb von nur zwei Jahren seine beiden Kinder und seine Frau. Dazu fiel seine nächste Oper beim Publikum gnadenlos durch. Verdi wollte nie wieder komponieren. Doch Bartolomeo Merelli, der Direktor der Mailänder Scala, drückte ihm ein neues Libretto von Temistocle Solera in die Hand. Verdi erzählte später, das Heft sei ihm zu Hause auf den Tisch gefallen und genau bei den Worten «Va, pensiero, sull’ali dorate» aufgeklappt. Er las sie, und die Musik liess ihn nicht mehr los. Als Vorlage hatte Solera den Psalm 137 gewählt: «An den Wassern zu Babel sassen wir und weinten …»

Am 9. März 1842 wurde «Nabucco» an der Scala uraufgeführt. Die Oper wurde ein Triumph und für Verdi der grosse Durchbruch. Der Gefangenenchor wuchs den Italienern schnell ans Herz. Als Verdi 1901 starb, sollen die Menschen in den Strassen Mailands «Va, pensiero» angestimmt haben, als der Trauerzug vorbeizog. Mehr als einmal wurde sogar vorgeschlagen, den Chor zur Nationalhymne Italiens zu machen.

Verdi verbindet in diesem Chor eine schlichte, weit ausschwingende Melodie mit einer tiefen emotionalen Kraft. Zunächst klingt die Musik beinahe zart und nachdenklich, doch nach und nach wächst sie zu einem eindrucksvollen Klangbild voller Weite, Hoffnung und innerer Stärke. Genau diese Mischung macht «Va, pensiero» so einzigartig: Das Stück ist melancholisch, aber niemals kraftlos – im Gegenteil. In jedem Ton steckt der Wunsch, sich aus der Enge zu lösen und wieder frei atmen zu können.

Bis heute berührt der Gefangenenchor Menschen auf der ganzen Welt. Seine Botschaft ist zeitlos: Heimat kann verloren gehen, Freiheit kann bedroht sein – doch die Hoffnung lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Ein Werk voller Sehnsucht und Gänsehaut – kurz gesagt: Oper, die mitten ins Herz trifft und noch lange nachklingt.

🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/aiSSz0snWzA

Liedtext

Va, pensiero, sull’ali dorate;
va, ti posa sui clivi, sui colli,
ove olezzano tepide e molli
l’aure dolci del suolo natal!

Del Giordano le rive saluta,
di Sionne le torri atterrate…
Oh, mia patria sì bella e perduta!
Oh, membranza sì cara e fatal!

Arpa d’or dei fatidici vati,
perché muta dal salice pendi?
Le memorie nel petto raccendi,
ci favella del tempo che fu!

O simile di Solima ai fati
traggi un suono di crudo lamento,
o t’ispiri il Signore un concento
che ne infonda al patire virtù!

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