Schweiz trifft Griechenland – Zwei Welten, eine Frau und jede Menge Nervenkitzel

Ich bin Schweizerin. Geboren in einem Land, in dem die Uhren so präzise ticken, dass man den Verdacht hat, selbst die Kühe auf der Weide führten eine Agenda. Mit Farbcodes.

Ordnung, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Regeln. Die Schweiz eben. Ein Land, in dem man sich entschuldigt, wenn man drei Minuten zu früh kommt. Und in dem ein Zug mit zwei Minuten Verspätung schon eine kleine nationale Sinnkrise auslöst, samt Durchsage und betretenem Schweigen im Abteil.

Und dann kam Griechenland in mein Leben.

Meine Wahlheimat. Das Land der Sonne, des Meeres, der herzlichen Menschen und der bewundernswerten Gabe, aus einer simplen Angelegenheit ein mehrtägiges Abenteuer zu machen.

Man könnte sagen: Ich bin aus einem Land, in dem alles seine Ordnung hat, in ein Land gezogen, in dem die Ordnung gelegentlich noch gesucht wird. Gemeinsam, bei einem Kaffee, und ohne Eile.

Die Schweiz: Wo sogar die Unordnung ihre Vorschriften hat

In der Schweiz ist alles geregelt. Wirklich alles.

Wann der Rasen gemäht werden darf, wann die Waschmaschine laufen darf (siehe Waschküchenplan, Ausgabe 14, gültig ab Montag), wie laut man am Sonntag sein darf und vermutlich auch, wie viele Atemzüge pro Minute in einem Mehrfamilienhaus als sozialverträglich gelten.

Die Abfalltrennung ist eine eigene Wissenschaft mit Prüfungsstoff. Wer seinen Abfall im falschen Sack entsorgt, braucht sich nicht zu wundern, wenn hinter drei Gardinen gleichzeitig ein Vorhang zuckt.

Die Schweizer Pünktlichkeit ist ohnehin legendär. Fünf Minuten zu spät? Ein mittelschweres Vergehen. Zehn Minuten? Da wird bereits der Charakter infrage gestellt. Fünfzehn? Man kann gleich wieder umkehren.

Und wehe, man verpasst den Zug. Der fährt nämlich nicht irgendwann, sondern genau dann, wenn es im Fahrplan steht. Meistens jedenfalls. Und wenn nicht, gibt es eine Entschuldigung in vier Landessprachen.

Griechenland: Wo die Zeit eine Empfehlung ist

Und dann Griechenland!

Hier habe ich gelernt, dass eine Uhr zwar die Zeit anzeigt, aber deswegen noch lange nicht bestimmen darf, wie der Tag verläuft. Die Uhr hat hier eher beratende Funktion.

Eine Verabredung um 18 Uhr? Wunderbar. Dann trifft man sich eben irgendwann danach. Um 18:20 Uhr, um 18:45 Uhr oder, wenn’s ganz gemütlich wird, kurz vor dem Abendessen. Unterwegs könnte man ja noch eine Nachbarin treffen, einen Kaffee trinken oder etwas Wichtiges besprechen. Zum Beispiel, wer mit wem und warum.

Und das schönste Wort der griechischen Sprache heisst ávrio: morgen. Wobei «morgen» nicht zwingend den Tag nach heute meint. Eher einen Zeitpunkt in der Zukunft. Irgendwann. Siga-siga.

Als Schweizerin musste ich mich daran erst gewöhnen. Mein innerer Fahrplan hatte anfangs täglich Betriebsstörungen.

Inzwischen habe ich verstanden: Wer in Griechenland ständig auf die Uhr schaut, verpasst womöglich das halbe Leben. Und ganz sicher den besten Klatsch.

Bürokratie: Schweizer Präzision gegen griechische Improvisation

Jetzt kommen wir zu meinem persönlichen Lieblingsthema. Achtung, Ironie: die Bürokratie.

Die Schweiz hat Formulare. Griechenland hat auch Formulare. Der kleine Unterschied: In der Schweiz weiss man ziemlich genau, welches Formular man braucht.

In Griechenland kann es vorkommen, dass man für ein Dokument ein anderes Dokument benötigt, das man erst beantragen kann, wenn man das erste Dokument vorgelegt hat. Kafka hätte hier ein Ferienhaus gekauft und sich vermutlich selber nicht mehr zurechtgefunden.

Und wenn man glaubt, endlich am Ziel zu sein, fehlt noch ein Stempel. Oder eine Unterschrift. Oder der Beamte, der beides hätte machen können, der aber gerade «kurz weg» ist.

Manchmal frage ich mich, ob die griechische Bürokratie ein geheimes Trainingsprogramm für Geduld ist. Falls ja, stehe ich inzwischen kurz vor dem schwarzen Gürtel.

Essen: In der Schweiz eine Mahlzeit, in Griechenland eine Lebensaufgabe

Beim Essen muss ich allerdings zugeben: Da hat mich Griechenland längst um den Finger gewickelt. Und um die Hüfte.

In der Schweiz isst man. In Griechenland zelebriert man das Essen.

Eine Einladung zum Mittagessen bedeutet nicht, dass man etwas isst und danach nach Hause geht. Nein, es ist ein gesellschaftliches Ereignis mit offenem Ende. Wer um eins kommt, sitzt um fünf noch da.

Es wird aufgetischt, nachgelegt, diskutiert und mit Nachdruck darauf bestanden, dass man noch etwas nimmt. «Fáe, fáe!» – iss, iss!

«Nein danke, ich bin wirklich satt.»

Ein Satz, der in Griechenland nicht als Entscheidung gilt, sondern als höfliche Eröffnung von Verhandlungen.

Und während man in der Schweiz nach dem Essen vielleicht noch einen Kaffee trinkt, wird in Griechenland zu diesem Zeitpunkt gern die zweite Runde aufgetragen.

Die Nachbarn: Ein kleiner kultureller Unterschied

In der Schweiz weiss man manchmal nicht einmal, wie die Nachbarin im dritten Stock heisst. Man grüsst freundlich, hält Abstand und respektiert die Privatsphäre. Seit zwölf Jahren.

In Griechenland weiss die halbe Nachbarschaft, was man gestern gekocht hat, wann man Besuch bekommt und warum man heute nicht zu Hause war. Manchmal weiss sie es sogar vor einem selbst.

Privatsphäre? Selbstverständlich! Aber ein bisschen Anteilnahme am Leben der anderen wird man ja wohl noch haben dürfen.

Und wenn man Hilfe braucht, steht meistens jemand bereit. Manchmal sogar, bevor man gefragt hat. Oft mit einem Topf Essen. Siehe oben.

Warum ich trotzdem – oder gerade deshalb – hier lebe

Natürlich gibt es Momente, in denen meine Schweizer Seele verzweifelt nach Struktur ruft.

Wenn ein Termin zum dritten Mal verschoben wird, wenn niemand genau weiss, wer zuständig ist, oder wenn aus einer kleinen Erledigung ein Tagesausflug wird, dann sehne ich mich nach der Schweiz. Nach Ordnung, nach einem klaren Zeitplan und nach einer Behörde, die tatsächlich weiss, was sie tut.

Aber dann sitze ich wieder auf meiner Terrasse, schaue aufs Meer, geniesse die Sonne und höre irgendwo jemanden lautstark diskutieren, als ginge es um Leben und Tod. Dabei geht es nur um den Preis der Tomaten. Und nebenan wird Kaffee serviert.

Und schon ist alles wieder gut.

Denn Griechenland hat etwas, das sich in keiner Vorschrift, keinem Fahrplan und keinem Formular unterbringen lässt: eine ganz besondere Lebensart.

Hier ist nicht alles perfekt, und nicht alles läuft reibungslos. Manchmal braucht man Nerven aus Stahl. Aber das Leben findet statt: auf der Strasse, in den Tavernen, bei den Nachbarn und am Kaffeetisch.

Vielleicht ist genau das der Unterschied: In der Schweiz weiss man meistens ganz genau, was als Nächstes passiert. In Griechenland weiss man es nicht immer. Dafür wird es nie langweilig.

Mein Fazit: Ich komme aus einem Land, in dem die Uhren Schweizer Qualität haben, und lebe jetzt in einem Land, in dem die Zeit ein ausgesprochen entspanntes Verhältnis zu sich selbst pflegt.

Ich bin Schweizerin geblieben, aber Griechenland hat mich eindeutig verdorben. Im besten Sinne.

Ich rege mich gelegentlich über die griechische Organisation auf und liebe gleichzeitig die griechische Gelassenheit. Ich wünsche mir manchmal Schweizer Pünktlichkeit und komme inzwischen selber gern fünf Minuten zu spät. Na gut, zehn.

Kurz gesagt: Meine Schweizer Gene sind noch da. Sie haben nur griechische Gesellschaft bekommen und sitzen jetzt gemeinsam beim Kaffee.

Und das Beste daran?

Ich muss mich nicht mehr entscheiden, ob ich lieber ordentlich oder glücklich bin.

Ich nehme einfach beides. Nur eben nicht immer gleichzeitig.

Grüezi mitenand und Jássas!

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