
Kaum erklingt die Panflöte, sieht man es vor sich: schneebedeckte Anden, ein Lama mit skeptischem Blick und hoch oben ein kreisender Kondor. Oder die Fussgängerzone am Samstagmorgen. Kaum ein Lied ist so weit gereist wie dieses.
Ein Peruaner mit Sammelleidenschaft
Geschrieben hat es der peruanische Komponist Daniel Alomía Robles. Er war jahrelang durch die Anden gezogen und hatte die Melodien der Bergdörfer gesammelt. 1913 baute er daraus die Musik für ein Singspiel namens “El Cóndor Pasa”, das in Lima uraufgeführt wurde.
Das Stück war alles andere als Folklore-Kitsch. Es handelte von indigenen Minenarbeitern, die sich gegen ihre ausländischen Bosse auflehnen. Der Kondor am Himmel stand für die Freiheit, von der sie träumten. Die berühmte Melodie erklang am Schluss, und sie kam ganz ohne Worte aus.
Paul Simon geht in Paris ins Konzert
Gut fünfzig Jahre später sitzt der junge Paul Simon in einem Pariser Theater und hört die Gruppe Los Incas. Eine Melodie lässt ihn nicht mehr los. Man sagt ihm, das sei ein altes Volkslied ohne Urheber. Also schreibt er einen englischen Text dazu, und 1970 erscheint “El Cóndor Pasa (If I Could)” auf dem Simon-&-
Garfunkel-Album “Bridge over Troubled Water”. Im Hintergrund spielen Los Incas höchstpersönlich.
Das Lied wird ein Welthit und landet unter anderem in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich auf Platz eins. Nur: Ein Volkslied ohne Urheber war es eben nicht. Der Sohn des Komponisten meldete sich mit dem Anwalt.
Die Sache wurde friedlich geregelt, Simon hatte ja in gutem Glauben gehandelt, und seither steht Robles’ Name korrekt auf der Platte.
Über 4000 Versionen
Seit 1970 gibt es kein Halten mehr:
- Plácido Domingo hat es mit Opernstimme gesungen.
- Andy Williams und Perry Como nahmen es in ihr Repertoire auf.
- Der Panflötist Leo Rojas spielte sich damit 2011 in die Herzen des deutschen Fernsehpublikums.
Dazu kommen unzählige Anden-Gruppen in den Einkaufsstrassen dieser Welt. Insgesamt soll es mehrere tausend Fassungen geben. Peru hat das Lied 2004 zum nationalen Kulturerbe erklärt, und viele nennen es die heimliche zweite Nationalhymne.
Und was will es uns nun sagen?
Im Original braucht es keinen Text: Der Kondor zieht seine Kreise, frei und unerreichbar, während unten die Menschen schuften. Die Melodie ist pure Sehnsucht nach Freiheit und nach der eigenen Heimat.
Paul Simon hat daraus ein kleines Wunschkonzert gemacht. Er wäre lieber ein Spatz als eine Schnecke, lieber der Hammer als der Nagel, lieber ein Wald als eine Strasse. Kurz gesagt: lieber frei und beweglich als festgenagelt und überfahren.
Beide Fassungen meinen dasselbe. Jeder Mensch möchte hin und wieder einfach abheben und alles unter sich lassen. Die meisten von uns haben leider keine drei Meter Flügelspannweite. Aber für drei Minuten leiht uns dieses Lied ein Paar.
🎧 Zum Reinhören: https://youtu.be/QqJvqMeaDtU
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