Schoggi, Banken, Kuhglocken – die Schweiz, wie die Welt sie sieht (und wie wir sie schönreden)

Seit ich auf Kreta lebe, werde ich regelmässig erklärt. Nicht von mir, sondern von anderen. «Ah, Elvetía!», ruft Jannis vom Kiosk, sobald er meinen Akzent hört, und reibt Daumen und Zeigefinger aneinander. Ich lächle und nicke. Was soll ich ihm auch sagen? Dass ich in der Schweiz auch schon am Monatsende die Rappen gezählt habe? Das glaubt mir hier niemand. Eine Schweizerin ohne Goldbarren im Handgepäck ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Grieche ohne Meinung.

Also habe ich mich gefragt: Wie sieht uns die Welt eigentlich? Und, viel spannender: Hat sie vielleicht recht?

Der Blick aus Amerika: Schokolade, Geld und ein bisschen Schweden

Beginnen wir beim Amerikaner. Für ihn ist die Schweiz ein Land so gross wie ein mittlerer Parkplatz in Texas, irgendwo zwischen Paris und den Alpen, und mit etwas Pech verwechselt er sie mit Schweden. «Switzerland? Oh, I love your meatballs!» Für eine Schweizerin gibt es kaum eine grössere Beleidigung. Ausser vielleicht, wenn jemand Fondue mit Emmentaler allein macht.

Dann die Schokolade. Hier muss ich leider gestehen: schuldig im Sinne der Anklage. Wir Schweizerinnen und Schweizer haben 2025 pro Kopf 10,3 Kilo Schokolade gegessen. Das ist sogar etwas weniger als im Vorjahr, weil die Preise gestiegen sind. Wir nennen das nicht Verzicht, sondern Diät auf Schweizer Art: Man isst weniger, bezahlt aber mehr. Klingt vertraut? Genau so funktioniert bei uns auch das Mittagsmenü.

Und natürlich das Geld. Der Amerikaner stellt sich vor, dass unter jedem Chalet ein Tresor liegt und jede Bäuerin nebenbei ein Nummernkonto verwaltet. Ich kann das bestätigen: Mein Nummernkonto heisst Sparschwein, steht im Küchenschrank und hat die Nummer 1. Das berühmte Bankgeheimnis ist übrigens längst so löchrig wie ein Stück Emmentaler. Aber das erzählen wir im Ausland nicht so gern. Ein bisschen Geheimnis steht uns einfach gut.

Bleiben noch die Kuhglocken und die Kuckucksuhr. Die Kuhglocken sind echt, ich schwöre es. Sie bimmeln den ganzen Sommer, und hin und wieder zieht ein Neuzuzüger aus der Stadt vor Gericht, weil ihn das Gebimmel um den Schlaf bringt. Er zieht aufs Land wegen der Idylle und verklagt dann die Idylle. Sehr schweizerisch. Die Kuckucksuhr dagegen stammt eigentlich aus dem Schwarzwald. Wir haben sie nicht erfunden, aber wir verkaufen sie mit grosser Überzeugung. Auch das ist eine Schweizer Kernkompetenz.

Ach ja, und das Taschenmesser. Ein Werkzeugkasten für die Hosentasche, mit Säge, Schere, Lupe und Zahnstocher. Auf alles vorbereitet, für nichts zuständig. Wenn das kein Porträt unserer Aussenpolitik ist, weiss ich auch nicht. Die Schweiz hat zu allem eine Meinung, sie sagt sie nur nicht laut. Man nennt das Neutralität.

Der Blick aus Asien: Heidi, Bollywood und ein Steg für fünf Franken

Ganz anders der Blick aus Asien, wobei es «den» Asiaten natürlich ebenso wenig gibt wie «den» Schweizer, der jodelt. Jedes Land hat seine eigene Schweiz im Kopf.

In Japan ist die Schweiz vor allem eines: Heidi. Eine japanische Zeichentrickserie aus den Siebzigerjahren hat das Mädchen mit den roten Backen zum Nationalheiligtum gemacht, und manche Besucherinnen sind ehrlich enttäuscht, wenn auf der Alp kein Geissenpeter wartet. Dafür steht dort ein Selecta-Automat. Immerhin.

In Indien ist die Schweiz die Kulisse für die ganz grosse Liebe. Jahrzehntelang tanzten Bollywood-Stars in Seidensaris durch Schnee und Blumenwiesen, vor allem in den Filmen des Regisseurs Yash Chopra. Die Dankbarkeit ist so gross, dass ihm Interlaken 2016 eine Bronzestatue aufgestellt hat, und bei der Jungfraubahn fährt sogar ein Zug mit seinem Namen. Für uns ist der Lauenensee ein Bergsee mit kaltem Wasser. Für ein indisches Hochzeitspaar ist er der romantischste Ort der Welt. Vielleicht sollten wir öfter durch fremde Augen schauen.

In Korea wiederum genügt ein Holzsteg. Ein einziger, kurzer Bootssteg in Iseltwald am Brienzersee, einem Dorf mit rund 420 Einwohnerinnen und Einwohnern. Weil dort in einer koreanischen Fernsehserie ein Mann für seine Liebste Klavier spielt, stehen die Fans heute Schlange für ein Foto. Und was hat die Gemeinde gemacht? Natürlich: ein Drehkreuz aufgestellt. Seither kostet die Romantik fünf Franken pro Person. Ich finde, das ist die Schweiz in einem Satz: Kaum ist etwas schön, steht ein Kässeli davor.

Und wer aus China in zehn Tagen acht Länder Europas besucht, sieht die Schweiz als eintägige Etappe: Luzern, ein Berg mit Schnee, ein Uhrengeschäft. Am Abend ist der Koffer schwerer und das Portemonnaie leichter. Gemäss einer verbreiteten Theorie ist das der eigentliche Zweck des Tourismus.

Was alle gemeinsam haben: Schnee, Gletscher und das Matterhorn. Das Matterhorn ist ohnehin der einzige Schweizer, der auf jedem Foto gut aussieht, sogar von hinten. Von der berühmten Dreiecksschoggi musste es allerdings herunter, seit ein Teil der Produktion ins Ausland gezogen ist. Swissness ist streng. Und die Gletscher? Die gibt es noch. Solange Vorrat.

Und wir? Wie wir unser Land erklären

Jetzt kommt der heikle Teil. Wie erklären wir Schweizer unser Land, wenn man uns im Ausland fragt? Ganz einfach: Wir spielen alles herunter.

«Teuer? Ach, so schlimm ist es gar nicht», sagen wir und verschweigen, dass der Kaffee am Bahnhof sechs Franken kostet. «Reich? Es geht.» «Schön? Nicht schlecht.» Wer die Schweizer Sprache nicht kennt: «nicht schlecht» ist bei uns das höchste Lob, gleich nach «doch, doch». Begeisterung zeigen wir im Stillen, am liebsten zu Hause und hinter geschlossenen Vorhängen.

Dann erklären wir die direkte Demokratie. Viermal im Jahr stimmen wir ab, über Kampfjets, Krankenkassen und gelegentlich über die Hörner von Kühen. Das Ausland staunt. Wir verschweigen dabei, dass die Hälfte von uns gar nicht hingeht. Aber die, die gehen, gehen pünktlich.

Wir erzählen von unseren vier Landessprachen und davon, wie harmonisch das alles funktioniert. Dass sich ein Zürcher und eine Genferin im Zug am Ende auf Englisch unterhalten, behalten wir lieber für uns. Ebenso den Röstigraben, der uns zuverlässiger trennt als jede Grenze.

Und dann die Pünktlichkeit. Ja, sie ist wahr. Wenn bei uns ein Zug drei Minuten Verspätung hat, entschuldigt sich eine Stimme im Lautsprecher, als hätte sie persönlich einen Weltkrieg verloren. Hier auf Kreta kommt der Bus, wenn er kommt. Ich habe mehr zwanzig Jahre gebraucht, um das «siga-siga» zu lernen. Mein Schweizer Herz zuckt trotzdem noch jedes Mal.

Was wir im Ausland nie erwähnen: die Abfalltrennung mit ihren Dutzenden Kategorien, die Waschküchenordnung mit festen Zeiten und das Verbot, am Sonntag den Rasen zu mähen. Auf dem Wanderweg grüssen wir jeden Wildfremden mit «Grüezi», aber den Nachbarn, der seit zwanzig Jahren nebenan wohnt, siezen wir noch immer. Das ist kein Widerspruch, sondern Schweizer Logik. Nähe ja, aber bitte mit Abstand.

Klischee oder wahr?

Und nun die grosse Frage: Stimmen die Klischees, oder sind sie erfunden?

Die ehrliche Schweizer Antwort lautet: Ja.

Wir essen tatsächlich zu viel Schokolade. Die Kühe bimmeln wirklich. Die Züge sind pünktlich, die Berge sind schön, und das Geld ist… sagen wir: ungleich verteilt, wie überall. Nur reden wir nicht darüber. Und genau das ist vielleicht das grösste Klischee von allen: dass wir Schweizer alles haben, nur keine Lust, es zuzugeben.

Aus der Ferne, von meiner Terrasse über dem Mittelmeer, sehe ich mein Land heute mit einem Augenzwinkern, aber auch mit viel Zärtlichkeit. Ich vermisse das Brot, die Ordnung und den Duft von frisch gemähtem Gras am Samstag (nie am Sonntag!). Die Waschküchenordnung vermisse ich nicht.

Und am 1. August hisse ich auf meiner kretischen Terrasse trotzdem das Schweizer Fähnli. Pünktlich, versteht sich.

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