Grüezi, Hello, Bonjour, Ciao: Sprachsalat mit Schweizer Würze


Oder: Wie man mit vier Sprachen im Gepäck trotzdem keinen geraden Satz mehr herausbringt.

Ich bin Schweizerin. Mehrsprachig aufgewachsen, sprachlich vorbelastet und vermutlich schon als Baby mit einem Wörterbuch unter dem Kopfkissen ins Leben gestartet. Während andere Kinder mit dem Brei kämpften, jonglierte ich gedanklich wohl schon mit Deutsch, Französisch und Italienisch. Englisch kam später dazu, ungefragt und so hartnäckig, dass selbst ein Schweizer Nein keine Chance hatte.

Lange dachte ich, das sei ein Vorteil. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Unser Sprachgebrauch ist inzwischen derart international aufgerüstet, dass ich manchmal nicht mehr weiss, ob ich in der Schweiz bin, in London, in Paris oder an einer schlecht organisierten UNO-Konferenz.

Da wird gechattet, gepostet, geswipet und geupdatet, bis der Daumen lahmt. Man geht nicht mehr etwas trinken, man trifft sich auf einen Drink. Man redet nicht, man kommuniziert. Man macht keine Pause, man chillt. Und wer noch ganz gewöhnlich sagt, er müsse etwas erledigen, hat vermutlich die letzte sprachliche Weiterbildung verpasst.

Willkommen im modernen Sprachdschungel! Oder, wie wir Schweizer sagen würden: «Äxgüsi, gaht’s no?»

Hesch mer scho gchattet? Oder bisch no am Downloadä?

Fangen wir bei uns an. Wir Schweizer sind ein sprachliches Sondermodell: vier Landessprachen, dazu Englisch und irgendwo dazwischen ein Dialekt, der sich standhaft weigert, sich an Regeln zu halten.

Wir sagen «Grüezi», «Bonjour», «Buongiorno», «Allegra» oder «Hello», je nachdem, wer vor uns steht und wie lange wir brauchen, um herauszufinden, welche Sprache gerade opportun wäre.

Im Büro wird gebrainstormt, im Homeoffice gecallt, nach Feierabend gechillt und am Wochenende gebruncht. Dinge einfach zu tun, haben wir längst aufgegeben. Wir müssen sie optimieren, organisieren, koordinieren und wenn möglich gleich noch digitalisieren.

Früher schrieben wir: «Bisch hüt Abig debii?»

Heute chatten wir: «Hey, bisch tonight available? Wär cool, wenn mer chönnted connecte.»

Ja, sicher. Und bevor wir uns tatsächlich treffen, vereinbaren wir noch kurz ein Meeting, um zu besprechen, wo wir uns treffen. Früher hiess das Verabredung. Heute klingt es nach internationalem Projektmanagement.

Besonders reizvoll wird es, wenn sich Englisch mit unserem geliebten Schweizerdeutsch vermischt. Dann wird aus dem Update ein Uptäit, aus dem Download ein Daunload und aus dem Feedback etwas, das man je nach Tonfall dankbar annimmt oder lieber gleich zurückschickt.

Wir Schweizer sind eben pragmatisch. Passt ein Wort nicht in unseren Dialekt, wird es passend gemacht. Notfalls mit dem sprachlichen Taschenmesser.

Ein bisschen Französisch, s’il vous plaît!

Ohne Französisch geht es natürlich nicht. Das wäre ja beinahe ein kultureller Affront.

Wir sind mit «Merci», «Adieu», «Voilà» und «C’est bon» gross geworden. Diese Wörter haben sich so gemütlich in unserem Alltag eingerichtet, dass sie längst das Schweizer Bürgerrecht beantragen könnten. Wir sagen «Merci vilmal», wenn wir uns bedanken, «C’est bon», wenn etwas passt, und «Voilà», wenn wir eine Erklärung beendet haben. Oder wenn wir keine Lust mehr haben weiterzureden.

Und dann gibt es noch das wunderbare Parlieren. Warum einfach reden, wenn man parlieren kann? Das klingt gleich nach Caféterrasse, Croissant und einem Leben, in dem die Rechnungen sich selbst bezahlen.

Im Schweizer Alltag nehmen wir dafür ein französisches Wort, verpassen ihm eine deutsche Endung und schicken es frisch frisiert zurück ins Gespräch: «Mir gönd no chli parlen.»

Korrektes Französisch ist das nicht. Aber eine durchaus kreative Schweizer Eigenleistung. Und seien wir ehrlich: Wer Schokolade, Uhren und Taschenmesser perfektioniert hat, dem wird man doch ein paar selbst gebastelte Verben zugestehen!

Ciao, Salute und die italienische Lebenskunst

Mit dem Italienischen wird plötzlich alles ein bisschen melodischer.

Ein schlichtes «Tschüss» ist ganz nett. Aber ein herzhaftes «Ciao!» hat gleich mehr Temperament. Man hört förmlich die Espressomaschine zischen und sieht jemanden mit einer lässigen Handbewegung verschwinden.

Und erst «Salute!», ob als Trinkspruch oder als Wunsch für die Gesundheit. Es klingt nach Lebensfreude, selbst wenn man nur mit einem Glas Wasser dasitzt.

Solche Wörter bringen Feriengefühl in den Alltag, ganz ohne Koffer packen. Ein «Ciao, merci und bis gli!» ist schliesslich viel charmanter als ein nüchternes «Auf Wiedersehen». Und wenn wir beim Apéro mit «Salute!» anstossen, fühlen wir uns kurz wie auf einer italienischen Piazza. Auch wenn wir in Wirklichkeit im zugigen Sitzungszimmer einer Versicherung stehen und der Weisswein aus dem Grosshandel kommt.

Hauptsache, das Ambiente stimmt. Wenigstens sprachlich.

Wenn das Geld plötzlich Englisch spricht

Richtig kompliziert wird es, wenn die Finanzwelt ihre sprachlichen Muskeln spielen lässt.

Da wird nicht einfach Geld angelegt, sondern in ein diversifiziertes Portfolio investiert. Die Börse schwankt nicht, sie zeigt eine erhöhte Volatilität. Man spricht von Cashflow, Leverage, Performance und Forecasts. Und wenn es richtig kracht, ist von einem Black Swan Event die Rede.

Ein schwarzer Schwan? Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: «Schweizer Börse unter Druck: Wasservogel sorgt für Turbulenzen.»

Gemeint ist natürlich ein seltenes, kaum vorhersehbares Ereignis mit grossen Folgen. Aber «Uns ist alles um die Ohren geflogen, und niemand hat es kommen sehen» klingt halt weniger nach Expertenrunde im Fernsehen. Dort muss alles ein bisschen komplizierter tönen. Sonst könnte das Publikum am Ende noch glauben, es habe verstanden, worum es geht.

Mein persönlicher Favorit ist das Wort Synergien. Es eignet sich hervorragend, wenn man in einer Sitzung unbedingt etwas sagen möchte, aber noch nicht genau weiss, was.

«Wir müssen die Synergien nutzen.»

Alle nicken.

Was genau zu tun ist, weiss niemand. Aber immerhin haben wir professionell genickt.

Kalimera! Jetzt wird’s griechisch.

Als wäre das alles nicht schon kompliziert genug, lebe ich inzwischen in Griechenland. Neue Sprache, neue Wörter, neue Regeln, und das Abenteuer beginnt von vorn.

Ich gebe mir Mühe, Griechisch zu lernen. Wirklich. Ich höre zu, wiederhole, übe. Doch irgendwann übernimmt mein Schweizer Hirn das Kommando. Es dreht ein griechisches Wort einmal durch den sprachlichen Fleischwolf und serviert es in einer Form, die für mich logisch klingt, aber vermutlich keinen griechischen Sprachwissenschaftler glücklich macht.

Nehmen wir «ποτίζω» (potízo), das heisst unter anderem «Pflanzen giessen». Bei mir wird daraus kurzerhand «potisen». Ich gehe also nicht mehr die Blumen giessen. Ich muss meine Pflanzen potisen. Das klingt nach einer hochspezialisierten Tätigkeit, für die man mindestens ein Zertifikat in mediterraner Gartenpflege braucht.

Und dann gibt es «τα λέμε» (ta léme), eine lockere Abschiedsformel, ungefähr «Wir hören uns» oder «Bis dann». Mein Schweizer Ohr macht daraus prompt: «Guet, denn ta-léme mer eus spöter!»

Ob das sprachlich elegant ist? Darüber lässt sich streiten. Ob ich verstanden werde? Das ist die entscheidende Frage. Denn wer in Griechenland lebt, lernt schnell: Mit einem Lächeln, etwas Geduld und einer guten Portion Selbstironie kommt man oft weiter als mit einem perfekt deklinierten Satz.

Und wenn gar nichts mehr geht, bleiben immer noch «Kalimera», «Efcharistó» und ein entschlossenes Nicken. Wobei das mit dem Nicken in Griechenland so eine Sache ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der grosse Sprachsalat: Alles in einen Topf!

Stellen wir uns vor, sämtliche Sprachen treffen sich gleichzeitig in meinem Kopf: Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch, Italienisch, Englisch und Griechisch. Ein sprachliches Fondue, zu dem jeder seinen eigenen Käse mitbringt.

Das Resultat klingt ungefähr so:

«Hoi, hesch mer scho gchattet? Ich han dir es Message gschickt, aber du hesch no nöd geantwortet. Isch okay, no stress! Ich bi grad im Meeting gsi und muess jetzt schnell mini Plants potisen. Nachher chönd mer no chli parlen, vielleicht gönd mer uf en Drink. Ciao, merci und ta léme!»

Natürlich ginge das auch in einer einzigen Sprache:

«Hallo, hast du meine Nachricht gesehen? Ich war beschäftigt und muss jetzt noch meine Pflanzen giessen. Danach können wir etwas trinken gehen. Bis später!»

Aber seien wir ehrlich: Das klingt beinahe langweilig vernünftig. Die erste Version erweckt den Eindruck, die Verfasserin besitze drei Staatsbürgerschaften, spreche fünf Sprachen fliessend und schicke ihre Pflanzen regelmässig an internationale Konferenzen. Dabei wollte sie nur Blumen giessen und später einen Kaffee trinken.

Voilà. So geht sprachliche Globalisierung im Alltag.

Und was sagt der Duden dazu?

Wahrscheinlich würde er sich erst einmal setzen.

Dabei ist das Mischen grundsätzlich nichts Schlechtes. Sprachen begegnen sich, beeinflussen sich und verändern sich mit den Menschen, die sie sprechen. Gerade in der Schweiz, mit ihren Landessprachen und Dialekten, wandern Wörter ganz selbstverständlich über Grenzen.

Heikel wird es erst, wenn aus einem normalen Satz ein Hindernisrennen wird. Wenn jemand sagt: «Ich muss das noch kurz finalisieren, bevor wir das nächste Meeting schedulen und die Key Learnings challengen», darf man durchaus fragen:

«Entschuldigung, chönd Sie das bitte nomal uf Dütsch säge? Ich han zwar alli Wörter ghört, aber kei Ahnig, was Sie vo mir wänd.»

Das ist keine Bildungslücke. Das ist Selbstschutz. Denn Verständlichkeit ist keine altmodische Tugend. Sie ist der eigentliche Sinn von Sprache.

Mein Fazit: Ich cha alles, aber nöd immer gliichzitig!

Ich liebe Sprachen. Ihre kleinen Eigenheiten, ihre Klangfarben, das Spiel mit den Wörtern. Ich finde es wunderbar, dass ein «Ciao!» ein Gespräch leichter macht, dass ein «Merci» manchmal mehr Charme hat als ein ganzer Dankesbrief und dass ich in Griechenland immer wieder neue Wörter entdecke.

Aber ich gebe zu: Mein persönlicher Sprachhaushalt ist manchmal ein Fall für die Gebäudeversicherung. Das französische Wort sucht seinen Satz, das englische Verb wartet auf seine Schweizer Endung, das griechische Substantiv steht im falschen Fall, und irgendwo ruft ein italienisches «Salute!» nach einem Espresso.

Und ich mittendrin. Eine Schweizerin mit internationalem Wortschatz, mediterranen Ambitionen und einem Gehirn, das gelegentlich auf «Bitte warten» schaltet.

Vielleicht ist das der Preis der Mehrsprachigkeit: Man hat für fast alles ein Wort. Nur fällt einem das richtige manchmal erst ein, wenn das Gespräch längst vorbei ist.

Und jetzt Hand aufs Herz: Wer von euch chattet, parliert, potist und schedult fröhlich durchs Leben, ohne noch zu wissen, in welcher Sprache der Satz angefangen hat? Meldet euch! Aber bitte nicht per internationalem Alignment-Meeting, sondern ganz unkompliziert. Auf Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Französisch, Italienisch, Englisch oder Griechisch. Hauptsache, wir verstehen uns.

Und wenn nicht, gilt die bewährte Schweizer Lösung: lächeln, nicken, «Merci vilmal» sagen und hoffen, dass niemand nachfragt.

Ciao zäme, ta léme, bis gli und: Salute!

Ich muss jetzt meine Plants potisen. Der Rest wird später geupdatet.

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