Nachts, wenn das Gehirn Überstunden macht


Oder: Warum die besten Ideen immer dann kommen, wenn man sie so dringend braucht wie einen Wecker am Sonntag.

Es gibt Nächte, da schläft man wie ein Stein. Hinlegen, Augen zu, schwupps – weg. Bis zum Morgen. Herrlich. So war das vermutlich auch gedacht, als irgendjemand beschlossen hat, dass der Mensch ein Drittel seines Lebens verschlafen soll. Ein Drittel! Kein Wunder, dass mein Gehirn findet, da liesse sich noch etwas optimieren.

Und dann gibt es die anderen Nächte.

Diese ganz besonderen Exemplare, in denen der Körper todmüde ins Bett fällt und brav die Arbeit niederlegt – während das Gehirn gerade seinen Jahresabschluss macht, drei neue Projekte plant und nebenbei eine Weltreise bucht. Ohne Rücksprache, versteht sich.

Man liegt also da. Augen zu. Decke bis zum Kinn. Schlafposition nach jahrzehntelanger Feldforschung sorgfältig optimiert. Links. Rechts. Rücken. Wieder links. Man versucht, an nichts zu denken. Was bekanntlich die zuverlässigste Methode ist, um an alles gleichzeitig zu denken. Inklusive der Steuererklärung von 2019.

Und während man noch auf einen netten Traum hofft – vielleicht etwas mit Meer und ohne Mücken –, geht im Oberstübchen der Vorhang auf.

Meine Damen und Herren, willkommen zur grossen nächtlichen Gedankengala! Eintritt frei, Ausgang verriegelt.

Wenn die Ideen zur Polonaise antreten

Kaum habe ich akzeptiert, dass Schlaf heute nicht auf dem Programm steht, marschieren sie auf: die Ideen.

Eine nach der anderen? Ach woher. Das wäre ja zivilisiert. Sie kommen im Rudel. Mit Pauken, Trompeten und dem Selbstbewusstsein eines Hahns, der glaubt, die Sonne gehe nur seinetwegen auf.

Da ist ein Thema, über das ich unbedingt schreiben müsste. Eine Beobachtung, die mich seit Wochen verfolgt. Eine Geschichte, die sich aufdrängt wie ein Vertreter an der Haustür. Und dann – Trommelwirbel – diese eine Formulierung. Diese geniale, funkelnde, nobelpreisverdächtige Formulierung, die mir tagsüber nie im Leben eingefallen wäre.

Natürlich kommt sie jetzt.

Um drei Uhr siebzehn.

Wenn ich weder Stift noch Licht noch den geringsten Wunsch habe, wach zu werden.

Die Gedanken ziehen an meinem inneren Auge vorbei wie ein Umzug am Nationalfeiertag: Jeder will gesehen werden, jeder drängelt nach vorne, und an die Marschroute hält sich selbstverständlich keiner. Irgendwo bläst einer schief ins Alphorn.

«Das wäre doch ein Thema!»

«Darüber könntest du schreiben!»

«Und wenn du das mit der anderen Geschichte verbindest?»

«Halt, halt! Du wolltest doch auch noch über etwas ganz anderes schreiben!»

Ja, danke. Ich weiss.

Ich wollte allerdings auch schlafen. Nur so als Randnotiz.

Aber Schlafen hält mein Gehirn offenbar für eine Beschäftigung für Amateure. Schlafen kann man schliesslich immer. Ideen dagegen haben angeblich keine Öffnungszeiten. Meine Nachtruhe inzwischen auch nicht mehr.

So fährt mein Kopf eine kreative Nachtschicht, für die ich weder einen Arbeitsvertrag unterschrieben noch eine Überstundenpauschale ausgehandelt habe. Von Nachtzuschlag ganz zu schweigen.

Unverschämtheit eigentlich. Ich überlege ernsthaft, mich bei mir selbst zu beschweren.

Bloss nicht vergessen!

Das eigentliche Drama beginnt, wenn mir dämmert, dass diese Einfälle sogar brauchbar sein könnten.

Nicht jeder Gedanke, der um drei Uhr morgens auftaucht, verdient einen Nobelpreis. Manche gehören bei Tageslicht eher in die Kategorie «Was um Himmels willen habe ich mir dabei gedacht?» – gleich neben das Kleid, das im Laden noch so gut aussah.

Aber eben nicht alle.

Und genau da liegt der Hund begraben. Mitten im Bett.

Denn woher soll ich nachts wissen, welcher Gedanke morgens noch brillant ist und welcher bloss das Produkt einer übermüdeten Hirnregion, die dringend in die Ferien müsste?

Also präge ich mir alles ein.

Das Thema: merken. Unbedingt.

Den Gedanken: nicht vergessen. Auf keinen Fall.

Die Formulierung: schon gar nicht!

Ich wiederhole alles. Einmal. Zweimal. Dreimal. Wie ein Gedicht in der Primarschule, kurz bevor man aufgerufen wird. Ich baue Eselsbrücken, so viele, dass ein ganzer Eselstall darüber spazieren könnte, und bin felsenfest überzeugt, dass ich das alles locker bis zum Frühstück behalte.

Ich bin ja schliesslich nicht völlig neben der Spur.

Das glaube ich nachts um halb vier jedenfalls noch.

Leider hat mein Gehirn morgens eine sehr eigenwillige Auffassung von Verbindlichkeit. Ungefähr die eines Handwerkers, der «nächste Woche ganz sicher» vorbeikommt.

Was nachts noch als bahnbrechende Erkenntnis gefeiert wurde, liegt nach dem Aufwachen irgendwo zwischen «Da war doch was!» und «Ich hatte einen Gedanken. Einen guten sogar. Es ging um … irgendwas mit … nein.»

Die Suche beginnt. Ich durchforste meine grauen Zellen wie eine Handtasche nach dem Autoschlüssel. Ich finde: einen Kassenzettel, ein angelutschtes Bonbon von 2022 und die vage Erinnerung an etwas Geniales.

Der Gedanke selbst? Weg. Spurlos. Untergetaucht.

Vermutlich hat er sich inzwischen einem anderen Gehirn angeschlossen. Einem besser organisierten. Mit Notizblock, Leselampe und Ordnungssinn. Verräter.

«Dann schreib’s halt auf!»

Ich höre es schon: «Dann schreib es doch einfach auf!»

Ach was. Wirklich? Dass ich da nicht selbst draufgekommen bin! Ich sollte Ihnen ein Honorar überweisen.

Natürlich ist das der naheliegendste Vorschlag. Und genau deshalb ärgert es mich, dass er nachts um drei so wunderbar theoretisch bleibt.

Denn um diese Zeit habe ich ziemlich genau drei Möglichkeiten.

Möglichkeit eins: Ich stehe auf, suche einen Stift, finde keinen, suche weiter, finde drei, von denen keiner schreibt, stosse mir den kleinen Zeh am Bettpfosten und sitze schliesslich hellwach am Küchentisch – mit einem Gedanken, der mir unter der Deckenlampe plötzlich gar nicht mehr so genial vorkommt.

Möglichkeit zwei: Ich greife zum Smartphone. Eine glänzende Idee, sofern man anschliessend auch erfahren möchte, wie spät es ist (zu spät), ob es morgen regnet (vielleicht), was die Welt gerade in Aufruhr versetzt (alles) und warum man seit vierzig Minuten Videos von Ziegen auf Trampolinen schaut.

Schlaf? Welcher Schlaf?

Möglichkeit drei: Ich bleibe liegen und schwöre feierlich, mir alles zu merken.

Diese Variante ist bei mir die beliebteste. Nicht, weil sie zuverlässig wäre – um Himmels willen –, sondern weil sie so herrlich wenig Aufwand macht. Kein Aufstehen. Kein Licht. Kein Gerät. Nur denken.

Und genau da schnappt die Falle zu.

Denn kaum merke ich mir die erste Idee, kommt die zweite. Dann die dritte. Und ehe ich mich versehe, schreibe ich im Kopf an einem Text, den es noch gar nicht gibt: Überschriften, Argumente, Übergänge, Schlusspointe. Ich feile an Sätzen, als ginge es um den Literaturnobelpreis.

Mein Gehirn schreibt also ein ganzes Buch, während meine Hände friedlich unter der Decke liegen und sich weigern, auch nur einen Finger zu rühren.

Eine bemerkenswerte Arbeitsteilung.

Leider mit miserabler Dokumentation. Jedes Amt würde sie mir um die Ohren hauen.

Mein Gehirn braucht dringend einen Projektmanager

Irgendwann fragt man sich, ob das noch normal ist.

Andere zählen Schafe.

Ich plane Texte.

Andere denken zum Einschlafen an einen Spaziergang am Meer.

Ich entwickle im Dunkeln Beiträge für meine Webseite. Das Meer kommt höchstens als Metapher vor.

Andere drehen sich um und schlafen weiter.

Ich sitze in einer Redaktionskonferenz mit zwölf unsichtbaren Teilnehmern, von denen jeder etwas anderes will, keiner Protokoll führt und niemand bereit ist, die Sitzung zu beenden. Kaffee gibt es auch keinen. Skandal.

Was mir fehlt, ist offensichtlich ein Organisationssystem. Ein geistiger Notfalldienst. Ein kleines Ideenmanagement mit Ablagefächern:

Kategorie A: unbedingt aufschreiben.

Kategorie B: interessant, aber nicht lebensnotwendig.

Kategorie C: vermutlich eine Schnapsidee. Ganz ohne Schnaps.

Kategorie D: sofort vergessen und nie wieder erwähnen. Auch nicht unter Folter.

Dumm nur, dass um drei Uhr morgens alles in Kategorie A landet. Auch die Frage, ob Pinguine eigentlich kalte Füsse bekommen. Oder ob man diese eine Geschichte nicht völlig anders anfangen müsste. Oder ob ich die Haustür abgeschlossen habe. (Habe ich. Glaube ich. Wahrscheinlich.)

Man weiss ja nie! Vielleicht ist genau dieser Gedanke der Anfang von etwas Grossartigem.

Vielleicht aber auch nur der Beweis, dass mein Gehirn dringend Urlaub braucht. Am besten in einem Hotel ohne WLAN und mit striktem Verbot, nach Mitternacht neue Aufträge anzunehmen.

Die Sache mit dem Konzept

Ich müsste mir also etwas einfallen lassen. Was angesichts der Lage ja nicht das Problem sein sollte.

Ein Notizbuch auf dem Nachttisch zum Beispiel. Mit einem Stift, der tatsächlich schreibt und nicht erst eine Paartherapie mit seiner Mine braucht.

Oder eine Sprachaufnahme, in die ich meine Geistesblitze flüstere.

Wobei ich mich dabei selbst nicht ganz ernst nehmen kann. Ich höre mich schon nachts um halb vier ins Handy murmeln:

«Also. Wichtige Idee. Unbedingt merken. Es geht um …»

Pause.

«Moment. Worum ging es noch mal?»

Längere Pause. Leises Schnarchen.

«Ach ja! Nein. Doch nicht.»

Das gäbe ein grossartiges Hörbuch. Genre: unfreiwillige Komik. Zielpublikum: sehr, sehr überschaubar.

Bleibt noch die Möglichkeit, darauf zu vertrauen, dass die wirklich guten Ideen wiederkommen.

Ein beruhigender Gedanke. Der bei mir sofort einen beunruhigenden auslöst: Und wenn nicht?

Was, wenn dieser eine, wunderbar klare, beinahe druckreife Einfall für immer in den Tiefen meines Unterbewusstseins versinkt? Gleich neben dem Namen meiner Handarbeitslehrerin und der Frage, wo ich 1987 meinen Regenschirm stehen liess?

Ärgerlich wäre das.

Andererseits: Vielleicht war er gar nicht so genial. Vielleicht hat mein Gehirn einfach ein Talent dafür, gewöhnliche Einfälle bei Dunkelheit zu Meisterwerken aufzublasen. Wie Kerzenlicht beim ersten Rendezvous: Alles wirkt schöner, als es ist.

Das würde zumindest einiges erklären.

Kreativität kennt keine Bürozeiten

Trotz allem: Missen möchte ich diese Nächte nicht.

So nervig sie sind – sie beweisen immerhin, dass im Oberstübchen noch Betrieb herrscht. Dass Ideen entstehen, sich verknüpfen, neue Wege einschlagen und dort auftauchen, wo man sie beim besten Willen nicht erwartet. Zum Beispiel im Bett. Um drei.

Vielleicht braucht Kreativität die Stille. Vielleicht meldet sie sich gerade dann, wenn draussen alles verstummt und endlich Platz für anderes entsteht.

Oder mein Gehirn hat schlicht nicht begriffen, wozu die Nacht da ist.

Man weiss es nicht.

Fest steht: Meine innere Ideenfabrik arbeitet nach einem eigenen Schichtplan. Tagsüber herrscht verdächtige Ruhe – da sitze ich vor dem leeren Bildschirm, und der Cursor blinkt mich an wie ein gelangweilter Kellner. Aber kaum liege ich, wird die Produktion hochgefahren. Die Maschinen dröhnen, die Belegschaft ist vollzählig, und der Betriebsleiter hat persönlich beschlossen, dass heute Nacht noch Sonderschichten fällig sind.

Ob ich einverstanden bin, wurde nicht abgeklärt. Gefragt wird man ja nie.

Eine Gewerkschaft für übermüdete Gedanken ist längst überfällig. Ich würde sofort beitreten. Notfalls auch nachts.

Und was mache ich jetzt damit?

Ich könnte mein Gehirn zur Ordnung rufen. Ihm einen Vortrag über Ruhezeiten halten. Ihm erklären, dass gute Ideen auch morgen um zehn noch herzlich willkommen sind, gern bei einer Tasse Kaffee.

Ich könnte die Gedanken einfach ziehen lassen. Manchmal gelingt mir das sogar. Ungefähr so oft, wie ich im Laden nur das kaufe, was auf dem Einkaufszettel steht.

Meistens aber liege ich da und denke. Über Geschichten, die erzählt werden wollen. Über Dinge, die mir auffallen, mich beschäftigen oder zum Schmunzeln bringen. Und ob andere vielleicht genauso darüber denken. (Falls ja: Willkommen im Club. Wir treffen uns um drei. Pyjama ist Pflicht.)

Und irgendwann merke ich, dass ich längst nicht mehr versuche einzuschlafen. Ich bin schon mitten im nächsten Beitrag.

Wunderbar.

Wieder eine Nacht, in der mein Gehirn produktiv war – und ich am Morgen aussehe, als hätte ich in einer schlecht beleuchteten Fabrik Schrauben sortiert. Was ich im übertragenen Sinne ja auch getan habe.

Vielleicht brauche ich gar kein perfektes System. Vielleicht reicht ein bisschen Vorbereitung: Notizbuch, Stift, drei Stichworte, zurück ins Bett. Keine fertigen Texte. Keine Konzepte. Keine Redaktionskonferenzen mit unsichtbaren Gästen.

Das klingt vernünftig.

Fast schon verdächtig vernünftig. So vernünftig, dass es garantiert nicht von mir stammt.

Jetzt muss ich mich nur noch nachts daran halten. Und vorher daran denken, das Notizbuch neben das Bett zu legen. Am besten gleich heute Abend.

Wobei … wenn ich jetzt so darüber nachdenke: Aus diesem ganzen Thema könnte man eigentlich einen ziemlich unterhaltsamen Text machen.

Über nächtliche Geistesblitze. Über Ideen ohne Öffnungszeiten. Und darüber, wie schwierig es ist, einen vernünftigen Gedanken festzuhalten, wenn man eigentlich nur schlafen möchte.

Das wäre doch etwas!

Moment mal.

Den muss ich mir unbedingt merken.

Nur für den Fall, dass ich heute Nacht wieder wach liege. Was bei diesem Thema eine ziemlich sichere Wette ist.

Und falls mir dann noch zehn andere Ideen einfallen, werde ich ganz bestimmt nicht versuchen, sie alle im Kopf zu behalten.

Nein. Diesmal nicht.

Ich werde ganz ruhig bleiben, mich umdrehen und verkünden:

«Liebe Kreativabteilung, herzlichen Dank für euren ausserordentlichen Einsatz. Eure Vorschläge werden geprüft. Die nächste Sitzung findet morgen früh statt – nach dem Kaffee, nicht davor. Bis dahin wünsche ich allen eine erholsame Nachtruhe. Licht aus.»

Dann mache ich die Augen zu. Ganz fest.

Und warte darauf, dass die nächste Idee anklopft.

Denn seien wir ehrlich: Sie wird kommen. Sie kommt immer. Meistens ohne anzuklopfen.

Gute Nacht, liebes Gehirn. Und bitte, bitte: Keine Überstunden mehr ohne schriftlichen Antrag in dreifacher Ausfertigung!

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