
Wer im Ausland lebt, kennt das Ritual: Kaum steht ein Heimatbesuch an, wird der Koffer zur Schatztruhe. Ragusa, Toblerone, Aromat, Sauerkraut, Raclette, Fonduemischung, Servelats, Bratwürste … Die Einkaufsliste von uns Auslandschweizern liest sich wie ein Rezept gegen Heimweh. Nur reden da immer zwei kräftig mit: der Zoll und die Waage am Check-in. Und manchmal, wie ich lernen musste, auch der Metalldetektor.
Tüt-tüt!
Es ist schon ein paar Jahre her. Ich war auf dem Heimweg nach Kreta. Im Gepäck hatte ich eine stattliche Ladung Raclette, Servelats und Bratwürste, klug verteilt auf den Koffer und meinen grossen Rucksack. Was im Koffer keinen Platz mehr fand, reiste eben als Handgepäck mit. Was sollte da schon schiefgehen?
An der Sicherheitskontrolle legte ich brav Rucksack, Jacke und Gürtel aufs Band und schritt durch den Scanner. Rot. Tüt-tüt. Ich kenne das. Diese Geräte lieben mich, keine Ahnung warum. Ich trage weder Schmuck noch Prothesen, offenbar nur eine ganz besondere Ausstrahlung. Also nochmals durch. Rot. Tüt-tüt.
Jetzt kam, was kommen musste: das Abtasten. Ich mag es ungefähr so sehr wie eine Zahnarztrechnung. Danach, Sie ahnen es, ein drittes Mal durch den Scanner. Tüt-tüt.
Hinter mir wurde die Schlange länger und das Gemurmel lauter. Also Schuhe aus, Socken aus. Ein Beamter prüfte meine Fusssohlen so gründlich, dass jede Pédicure neidisch geworden wäre. Schuhe und Socken fuhren übers Band, und wieder leuchtete es rot. Drei Leute beugten sich nun über meine Schuhe wie Chirurgen über einen kniffligen Fall. Die Diagnose: ein winziges Metallstückchen, das sich irgendwann in meine Sohle verirrt hatte. Fall gelöst!
Denkste.
Die Wurstparade
Nun war mein Rucksack dran. «Bitte öffnen und ausräumen.» Heraus kamen sie, eins nach dem anderen: Servelat-Pärchen, Bratwurst-Pärchen, säuberlich vakuumverpackt, dazu zwei Packungen Raclettekäse. Ich durfte jedes Stück einzeln aufs Band legen. Piep. Piep. Piep. Ich kam mir vor wie an der Supermarktkasse, nur dass mich niemand nach der Kundenkarte fragte.
Hinter mir war die Stimmung inzwischen gekippt: Aus genervt wurde amüsiert. Es wurde gekichert und gegrinst, und irgendwer klatschte sogar. Eine Vorstellung mit Würsten in der Hauptrolle sieht man schliesslich nicht alle Tage. Irgendwann durfte ich meine Charcuterie wieder einpacken und mit hochrotem Kopf und dem letzten Rest Würde in die Abflughalle entschwinden.
Gestrandet in Athen
Im Flugzeug beruhigte sich mein Puls. Jetzt nur noch in Athen umsteigen, dann wäre ich zu Hause.
Denkste, die Zweite. Wegen schlechten Wetters wurde der Anschlussflug gestrichen. Warten. Warten. Noch mehr warten. Schliesslich hiess es: Gepäck abholen, auf den Bus warten, ab ins Hotel. Und ich dachte nur an eines: Meine Würste! Mein Käse!
Das Hotel hielt Winterschlaf, denn es war Nebensaison. Man sperrte es eigens für uns Gestrandete auf, und entsprechend sah es aus. Wir hatten ein Dach über dem Kopf, ein Bett und sonst nicht viel. Der Kühlschrank war ausser Betrieb. Guter Rat war teuer. Der Raclette übrigens auch.
Also griff ich zur Notlösung: Badewanne voll kaltes Wasser, Würste und Käse hinein – plunsch! – und ab ins Bett. Während andere Gäste von der Heimreise träumten, nahmen meine Servelats ein kühles Bad. Am Morgen fischte ich alles heraus, legte es zum Trocknen aufs Badetuch, verteilte es wieder auf Koffer und Rucksack, und dann ging’s endlich, endlich nach Hause.
Und die Moral von der Geschicht’?
Seither schleppe ich keine Würste mehr über die Alpen. Nicht aus Angst vor dem Scanner. Na gut, ein bisschen schon. Aber vor allem, weil in meiner Küche längst andere das Sagen haben: Graviera statt Raclette, Loukaniko statt Servelat und zum Abschluss ein Gläschen Raki. Kreta hat gewonnen.
Und die Leute an der Sicherheitskontrolle? Die vermissen mich bestimmt.

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