Multitasking: Mein Gehirn hat 27 Tabs offen, und keiner lässt sich schliessen


Was ist Multitasking? Und bin ich das?

Aber selbstverständlich! Was für eine Frage! Ich bin quasi die wandelnde Definition davon. Ein Grossraumbüro auf zwei Beinen, mit integrierter Haushaltsabteilung und einer kreativen Ideenfabrik im Oberstübchen.

Ich sitze am Laptop und schreibe, arrangiere Texte, komponiere Lieder und sortiere Bilder. Nebenbei springe ich zwischen zwei Browsern und ungefähr zehn geöffneten Tabs hin und her. Zehn auf dem Bildschirm, wohlgemerkt. Im Kopf sind es siebenundzwanzig. Welcher Tab gerade wofür zuständig ist? Keine Ahnung. Aber ich erkenne ihn bestimmt wieder, wenn ich ihn sehe. Vielleicht.

Im Hintergrund läuft die Waschmaschine, sie ist gleich fertig. Der Dampfkochtopf steht kurz vor dem Pfeifen. Und ich bin mitten in einem Satz, der UNBEDINGT noch fertig werden muss. Denn wenn ich jetzt aufhöre, ist die geniale Formulierung womöglich für immer verloren. Zusammen mit drei anderen Geistesblitzen, die sich bereits klammheimlich aus meinem Arbeitsspeicher verabschiedet haben.

Also schnell den Satz zu Ende schreiben. Dann Wäsche aufhängen.

Während ich mit einem Berg feuchter Wäsche ringe, läuft mein Gehirn zur Höchstform auf. Die Gedanken überschlagen sich, Ideen schiessen aus allen Ecken, und plötzlich weiss ich, wie der Refrain meines neuen Songs klingen muss. Gleichzeitig fällt mir die perfekte Fortsetzung für diesen Blogbeitrag ein.

Ich bin ein kreatives Kraftwerk! Ein Hochleistungscomputer auf zwei Beinen! Ein Genie mit Wäscheklammern!

Bis mir einfällt, dass der Dampfkochtopf verdächtig ruhig geworden ist.

Moment mal. War der nicht gerade kurz vor dem Pfeifen?

STOOOPP! Kochplatte runterdrehen!

Zurück zum Laptop. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, beim Multitasking. Wobei ich nicht mehr weiss, ob ich diesen Gedanken schon aufgeschrieben oder nur sehr überzeugend im Kopf formuliert habe.

Egal. Weiter geht’s!

Chaos mit System. Also meistens.

Multitasking klingt nach einer besonderen Begabung. Nach Menschen, die gleichzeitig telefonieren, E-Mails beantworten, eine Präsentation vorbereiten und dabei entspannt lächeln.

Ich dagegen habe zehn Tabs offen, drei Ideen im Kopf, eine Waschmaschine im Schleudergang und einen Dampfkochtopf, der lautstark auf sich aufmerksam macht. Entspannt lächeln? Ich lächle. Aber eher so, wie man im Zahnarztstuhl lächelt.

Und trotzdem funktioniert es. Meistens.

Ich kann einen Text schreiben und dabei über eine Melodie nachdenken. Ich kann Wäsche aufhängen und dabei ein komplettes Lied arrangieren. Ich kann Bilder sortieren und gleichzeitig überlegen, ob meine Webseite noch eine neue Rubrik verträgt. (Sie verträgt. Sie verträgt immer.)

Was ich allerdings nicht kann: mich erinnern, weshalb ich gerade in die Küche gegangen bin.

Oder wo ich die Schere hingelegt habe.

Oder warum ich diesen Browser geöffnet habe, in dem ich jetzt seit fünf Minuten auf eine Webseite starre, die mit meiner ursprünglichen Absicht ungefähr so viel zu tun hat wie ein Pinguin mit einer Steuererklärung.

Aber hey, niemand ist perfekt!

Mein Gehirn kennt keine Bürozeiten

Ich möchte einen Text fertig schreiben. Mein Gehirn dagegen hat beschlossen, dass jetzt der ideale Zeitpunkt für eine neue Songidee ist.

Ich konzentriere mich also auf den Song, und prompt fällt mir ein, dass ich dringend die Bilder für meine Webseite sortieren sollte.

Ich öffne den Ordner und entdecke ein Foto, das mich an etwas erinnert, das ich vor drei Wochen unbedingt erledigen wollte.

Schon bin ich gedanklich drei Wochen zurück, zwei Projekte weiter und mindestens fünf Aufgaben voraus.

Die ursprüngliche Aufgabe? Verschollen. Wahrscheinlich sitzt sie in einer dunklen Ecke meines Bewusstseins, die Arme verschränkt, und wartet beleidigt darauf, dass ich mich wieder an sie erinnere.

Ich habe den Verdacht, dass mein Gehirn heimlich ein eigenes Projektmanagement betreibt. Ohne Rücksprache, ohne Prioritätenliste und ohne jeden Respekt vor Zeitplänen. Vermutlich mit regelmässigen Sitzungen, zu denen ich nie eingeladen werde. Das Motto dieser Sitzungen: Alles ist wichtig, alles ist dringend, und alles muss JETZT erledigt werden!

Na dann. Auf geht’s!

Die besten Ideen kommen garantiert im falschen Moment

Natürlich hat mein persönliches Multitasking-System auch Vorteile.

Die besten Ideen kommen mir nämlich selten dann, wenn ich brav vor einem leeren Dokument sitze und mir krampfhaft etwas Kreatives aus den Fingern sauge.

Nein, sie kommen beim Wäscheaufhängen. Beim Kochen. Unter der Dusche. Im Bett. Oder genau in dem Moment, in dem ich endlich aufstehen möchte.

Plötzlich ist sie da, die zündende Idee! Eine Textzeile, eine Melodie, eine geniale Formulierung!

Und jetzt? Sofort aufschreiben!

Denn ich kenne mein Gehirn. Was vor zehn Sekunden noch eine Offenbarung war, kann fünf Minuten später schon im Bermudadreieck meiner Gedanken verschwunden sein.

Also eile ich zum Laptop, spreche mir etwas ins Handy oder kritzle eine Notiz auf den nächstbesten Zettel.

Der Zettel landet neben dem Laptop, zwischen einer Einkaufsliste, einer Telefonnummer ohne Namen und einer Notiz, auf der in Grossbuchstaben steht:

«UNBEDINGT DARAN DENKEN!»

Woran ich denken sollte?

Keine Ahnung.

Aber es war offenbar wichtig.

Alles gleichzeitig. Auch der Nervenzusammenbruch.

Die Waschmaschine piepst.

Der Dampfkochtopf pfeift.

Das Telefon klingelt.

Der Laptop meldet ein Update.

Und ich stelle fest, dass ich seit Stunden nichts gegessen habe.

In meinem Kopf läuft das interne Krisenmanagement auf Hochtouren.

Priorität 1: Kochplatte ausschalten.
Priorität 2: Dampfkochtopf entschärfen.
Priorität 3: Wäsche aus der Maschine holen, bevor sie dort ein Eigenleben entwickelt.
Priorität 4: Den genialen Gedanken retten, der mir gerade durch den Kopf geschossen ist.
Priorität 5: Herausfinden, wer anruft.
Priorität 6: Mich daran erinnern, was ich eigentlich essen wollte.

Und irgendwo dazwischen sollte ich vielleicht auch noch diesen Blogbeitrag fertig schreiben.

Ganz ehrlich: Wer braucht ein Fitnessstudio, wenn er Multitasking betreibt? Ich trainiere täglich Konzentration, Reaktionsgeschwindigkeit und die Kunst, innerhalb von drei Sekunden von kreativer Hochstimmung auf häusliches Krisenmanagement umzuschalten.

Das Einzige, was dabei regelmässig auf der Strecke bleibt, ist meine Ruhe.

Aber wer braucht schon Ruhe, wenn er zehn offene Tabs hat?

Kann man Multitasking eigentlich lernen?

Man könnte natürlich versuchen, alles schön der Reihe nach zu erledigen.

Ich habe es probiert. Einmal. An einem Dienstag. Laptop zu, Handy weg, nur Wäsche. Nach vier Minuten summte der Refrain in meinem Kopf. Nach sechs Minuten stand der Laptop wieder offen. Nach acht Minuten hing die Wäsche zwar, aber ein Socken lag im Kühlschrank. Fragt nicht.

Inzwischen habe ich gelesen, dass es echtes Multitasking gar nicht gibt. Fachleute sagen, das Gehirn erledigt nicht mehrere Dinge gleichzeitig, sondern springt blitzschnell zwischen ihnen hin und her. Jeder Sprung kostet ein bisschen Zeit und Energie, und auch mit viel Übung stösst man irgendwann an eine Grenze.

Ich bin also gar keine Multitaskerin. Ich bin Weltmeisterin im Tab-Wechseln. Klingt weniger glamourös, erklärt aber einiges. Zum Beispiel die Schere.

Lernen werde ich es wohl nicht mehr. Und ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht. Denn irgendwo zwischen Wäscheklammern, Dampfkochtopf und Tab Nummer 27 entstehen meine besten Lieder, meine liebsten Geschichten und dieser Text hier. Mein Chaos ist kein Fehler im System. Es ist das System.

Und jetzt entschuldigt mich. Irgendwo piepst etwas.

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